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Rück-Blog: Sport, Gott & die Welt (vom 15. März)

Im Internet begleitet und ergänzt der Blog »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In etwa vierteljährlichen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge. Wer mehr davon mag – bitte reinklicken.
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Sonntag, 1. Januar, 7.00 Uhr: Auf regennass glänzender Straße, auf dem Bürgersteig kurz vor der Redaktion, küsst sich eng umschlungen ein selbstvergessenes Paar, hält sich und die Welt zusammen. Guten Morgen, 2012. Bürgersteig: Ein merkwürdig gravitätisch klingendes Wort. Das gleichbedeutende wurde in der Kindheit das erste Fremdwort: »Trottwa«. Nettwa?
Dienstag, 3. Januar, 18.45 Uhr: Vronisihrnfreundfreund. Ein kleinbürgerliches Emporkömmlingsdrama. Für Wulff ist der Rubikon überschritten, sagt er. Als Cäsar 49 v. Chr. den Rubikon überschritt, eröffnete er den Bürgerkrieg. Aber Wulff ist nicht Cäsar, und dass für ihn der Rubikon überschritten ist, könnte damit enden, dass ein Bundespräsident über die Wupper geht.
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Freitag, 20. Januar, 17.30 Uhr: Wenn das Schwesterschiff der Costa Concordia nachts in voll aufgebretzeltem Lichterkleid (Lichtkleid ist wohl was anderes) an dem havarierten Schiff vorbeigleitet: neue Attraktion bei Kreuzfahrten? Mit angenehm schaurigem Gefühl, dass dort unten tote Leichen im Abendkleid treiben, und hier oben lebende Leichen … na ja, bitte keine Altendiskriminierung, bin doch selbst einer. – Der Kapitän, wohl ein echter Gockel, der unbedingt und immer »bella figura« machen will, tut mir fast schon leid. Wie soll der arme Kerl weiterleben, wenn er seine Schuld nicht mehr verdrängt, wenn ihm klar wird, was er angerichtet hat?
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Montag, 23. Januar, 11.30 Uhr: Aufstieg und Fall eines kleinen Mannes. Bei Wulff wird langsam zu viel »recherchiert«. Was da rauskommt, käme so oder so ähnlich bei fast jedem raus. Wer Wulff bei seinen jetzt raren Auftritten in die Augen schaut, und sei es nur via Tele, dem kann angst und bange werden um diesen Mann und wie er enden könnte. Wer übernimmt dann die Verantwortung? Die Medien? Ganz sicher nicht. Die machen nur verantwortlich.
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Samstag, 4. Februar, 9.25 Uhr: Sensationell. Yogi Löw verrät mir im privaten Gespräch exklusiv, dass es den spektakulärsten Wechsel in der deutschen Sportgeschichte gibt. Ich muss es aber für mich behalten. Ich verspreche es ihm. Doch ich schaffe es nicht, die Sache ist zu groß. Ich melde: Dirk Nowitzki kehrt nach Deutschland zurück, er spielt ab sofort für die BG Ludwigslust. Grund: Er hat sich verliebt, heiratet eine junge Frau aus Ludwigslust. Ob Yogi mir böse ist? Egal. Das ist doch der Hammer! Meine Riesenexklusivmeldung! Dennoch plagen mich Gewissensbisse, sogar noch zwischen Traum und Tag. Selbst nach dem Erwachen, noch dull und zwischen den Realitäten, nagt an mir die Selbstkritik: Bist genau wie alle anderen!
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Freitag, 10. Februar, 17.10 Uhr: Auf dem Heimtrainer wieder eine Rockford-Folge angeschaut. Bleibt die Lieblings-Serie. Für Klingeltöne noch nie interessiert, aber wenn’s den Rockford-Ton gäbe (gibt’s bestimmt), würde ich versuchen, ihn mir auf Festnetz und Handy zu holen.
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Mittwoch, 22. Februar, 23.20 Uhr: Eine Mannschaft von Einzelkönnern höchster Klasse planlos gegen eine Mannschaft von Mannschaftsspielern durchschnittlicher Klasse, die einen Plan hatte. Dennoch, im Rückspiel ist noch alles möglich, denn das geballte Potenzial der Bayern ist einfach zu gut, um gegen nur gute Baseler auszuscheiden.
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Sonntag, 11. März, 6.25 Uhr: Nächtliche dpa-Meldung: »Gewalt in Nahost geht weiter.« Dazu: Letzte Woche eine Mail bekommen, vom alten Freund A. aus Kairo, USC-Vereinskamerad in Heidelberg und ägyptischer Meister im Dreisprung und Speerwerfen. A. hängt an die Mail seine Einschätzung der Lage in Ägypten und in der Welt an. Würde ich die zwei Blatt Text veröffentlichen, brächte ich die Staatsanwaltschaft in Konflikte: rechtsradikale oder linksradikale Umtriebe? Rassismus, Volksverhetzung sowieso. A.’s Text kommt also in den Giftschrank. Schade, denn es ist sehr interessant, schockierend und wahrscheinlich sehr bezeichnend, in wem und warum selbst intelligente, freundliche, warmherzige und gebildete Muslime das Übel ihrer und der Welt überhaupt erkennen. Resignierte Erkenntnis: Trotz aller Initiativen und Initiativchen und hehren Worte steht nur fest: »Gewalt in Nahost geht weiter«, als Endlos-Text. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle