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Sport-Stammtisch (vom 10. März)

Die Deutschen hat man entweder zu den Füßen oder an der Kehle, soll Churchill gesagt haben. Stimmt nicht. Die Leverkusener Spieler lagen Messi nicht zu Füßen, so nahe trauten sie sich erst gar nicht heran. Sie machten ihren Kotau in großem Respektsabstand, unaufhörlich, 90 Minuten lang, und dabei vollbrachten sie eine Leistung, die den Einmaligkeitsvergleich mit Messi nicht zu scheuen braucht: So überirdisch, wie Messi spielte, konnte er nur spielen, weil sich Bayer an Unterirdischkeit nicht übertreffen ließ und den Kotau 90 Minuten lang durchhielt. Leider sah man ihn kaum, denn die Grasnarbe im Nou Camp war höher als die gekrümmten Rücken der ehrfurchtsvoll knieenden Leverkusener Mentalzwerge.
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Klar, Lionel Messi ist der beste Fußballer der Welt und womöglich der beste aller Zeiten, obwohl bei der WM zu sehen war, dass er nur in einer intakten Mannschaft der echte Messi sein kann. Auch ist der FC Barcelona zweifellos die Übermannschaft unserer Zeit. Das alles aber entschuldigt nicht den gottserbärmlichen Auftritt der Leverkusener.
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Man darf zwar nur Statistiken trauen, die man selbst gefälscht hat (soll ebenfalls Churchill gesagt haben), doch diese hier passt mir zu sehr in den Kotau-Kram, als dass ich ihr nicht traute: Fouls an Messi insgesamt: null. Eigentlich unglaublich, aber durch Kotau und Respektsabstand nur logisch.
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Da ich schon seit Jahren zu den größten Bewunderern des kleinen Fußball-Riesen gehöre, darf ich mir erlauben, im allgemeinen Messi-Taumel, der sogar nun fußballtraumtanzende Feuilletons erfasst, eine biographische Notiz zu wiederholen: Messi kam als klein gewachsener Bub aus einem einzigen Grund nach Barcelona: Weil die Spanier ihm eine Wachstumshormon-Kur bezahlten, eine Manipulation mit dem Ziel, die sportliche Leistung des mickrig-schwächlichen Lionel zu steigern (seitdem »verordnen« argentinische Eltern ihren Kindern Wachstumshormone, damit aus ihnen kleine Messis werden). Kaum jemand brachte und bringt das mit Doping in Verbindung, obwohl der Einsatz von Wachstumshormonen in anderen Sportarten zu den schlimmsten Auswüchsen des Doping-Unwesens zählt. Dies ist keine Anklage, sondern eine Feststellung.
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Noch mal zu den Statistiken und der Frage, ob man nur solchen glauben darf, die man selbst gefälscht hat. Nein – man darf sogar dem Bonmot von Churchill nicht trauen, denn nachdem es weltweit millionenfach zitiert worden ist, hat jemand nachgeforscht und herausgefunden, dass nirgendwo belegt werden kann, dass Churchill diesen Satz jemals gesprochen oder geschrieben hat.
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Daher gelten für unsere Kolumne die eigenen drei Grundregeln für Skeptiker: 1. Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. 2. Fall auf kein Zitat rein, dass du nicht selbst aus dem Zusammenhang gerissen hast. 3. Glaub keiner Umfrage, die du nicht selbst erfunden hast.
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Hoffentlich liest Wolf Schneider diese Kolumne nicht, der große alter Herr und Meister der deutschen Sprache und des Journalismus. Doch leider ist es zu befürchten. Warum? Moment noch.
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In den letzten »Montagsthemen« fehlte der Platz für Anmerkungen zum römischen Derby AS gegen Kloses Lazio. Im Blog »Sport, Gott & die Welt« hatte ich aber schon eine kleine Materialsammlung zusammengestellt: Zum Beispiel, dass Rom u.a. dadurch unterging, dass der Staat seinen Bürgern Getreide unter Marktpreis verkaufte und sogar verschenkte, was die Plebs in die Stadt zog. Folgen: Der Pöbel faulenzte auf Kosten der ausgequetschten Provinzen. Außerdem notiert: Was eine Stadt überhaupt ausmacht; was Zäune (»town« kommt von »Zaun«) und Mauern (der Name für Städter war »intramuranus«) für eine Stadt bedeuten; was Burg und Bürger (Menschen, die sich nahe einer Burg ansiedeln) verbindet. Auch wollte ich mich nicht mit fremden Federn schmücken, sondern preisgeben, woher ich all die Schlauheiten hatte: »Uralt-Bestseller frisch gelesen: ›Überall ist Babylon‹ von Wolf Schneider; DER Wolf Schneider? Muss nachgegoogelt werden.«
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Musste nicht. »Ja: Was Sie da antiquarisch erwischt haben, ist das 1. Buch und der 1. Bestseller von Wolf Schneider. Es wird ihm Spaß machen zu lesen, dass dieses Buch aus dem Jahr 1960 (!) noch irgendwo zu sehen ist! (Er ist beruflich unterwegs)«, klärt Carla Riem vom Büro Schneider auf.
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Weia. Wenn der große alte Meister des Journalismus, eine bekannt scharfzüngige, unerbittlich Sprachschlampereien kritisierende deutsche Institution, ausgerechnet auf meine Kolumnen stößt, in denen nicht nur Jux und Tollerei, sondern auch Hudelei und Schlamperei ihren festen Platz haben – das wird schlimmer wie schlimm!
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Daher schnell eine Korrektur zu den »Montagsthemen«: »Eine Anmerkung zu Frau W. Bruhns. Sie war doch wohl beim ZDF und nicht bei der ARD. Die erste ARD-Sprecherin war wohl Frau Berghoff«, berichtigt unser Leser Mark Price. Stimmt. Klitzekleine Rechtfertigung: Bruhns war aber wirklich die erste Nachrichten-Frau im deutschen Fernsehen. Sie moderierte 1972 »heute«, Berghoff sprach erst 1976 die »Tagesschau«-Nachrichten.
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Schlimmer wie schlimm. Sind Sie da zusammengezuckt, liebe Leser, verehrter Herr Schneider? Aber da bin ich in guter Gesellschaft, denn schon Goethe sagte: »Kein Ort der älteren Völker lag so schlecht als Rom.« Und Karl Lagerfeld, der Goethe der Mode, behauptet sogar, vier Sprachen perfekt zu sprechen, wobei er die deutsche allerdings nicht meinen kann, denn er beharrt stets auf dem »wie«, auch wenn »als« angesagt ist.
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Wir Hessen kennen den Unterschied zwischen »wie« und »als« besser als jeder andere. Besser auch als Wolf Schneider, wetten! Ich nehme mir jedenfalls einen früher recht bekannten freiherrlichen Politiker zum Vorbild und gelobe wie »KT«: »Ich habe aus meinen Fehlern zu lernen.« Und zwar nicht wie und wie, denn das wär falsch, sondern als und als!  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle