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Sport-Stammtisch vom 3. März

Wir lernen auch aus Niederlagen. Was also lernen wir aus dem 1:2 gegen Frankreich? Sportlich … fällt mir nichts ein. Tiefenpsychologisch? Vielleicht war die Ernüchterung eine gute Therapiemaßnahme, denn »illusionär-infantile Riesenansprüche« (wir hatten uns ja schon den EM-Titel honoris causa verliehen) sind laut Freud eine Vorstufe zur Neurose. Als dafür anfälliges Volk sollten wir dem Therapeuten Frankreich dankbar sein.
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Wir lernen noch etwas aus diesem Spiel. Ein neues Wort: Knorpelabscherung. Das hat nichts mit knurpsend-knirschendem Abkauen von Hähnchenknochen zu tun, sondern war am Mittwoch  die erste Diagnose der Verletzung von Schürrle. »Abscherung des Nasenknorpels vom Nasenknochen« macht zwar beim Lesen schon schwerstes Nasen-Aua, wäre aber dem simplen Nasenbeinbruch durchaus vorzuziehen, jener neuen Boom-Verletzung der Fußballer (warum eigentlich?), die nun nachträglich  auch bei Schürrle festgestellt  wurde.
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Auch die Deutsche Bank lernt. Von mir. Sie lässt den 800-Millionen-Vergleich mit Kirch doch noch platzen. Als Kirch in den späten Neunzigerjahren Fußball-Rechte für Fantastillionen von Mark kaufte, war ich »gespannt auf die verzweifelten Bemühungen zur Quadratur des Kreises: der Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen« (»Anstoß«/18. 2. 97). Das sieht die DB nun völlig zu Recht als Grund dafür, dass nicht ihr Ex-Chef Breuer die Pleite per Interview herbeigeredet, sondern »gw« sie schon viel früher als unvermeidlich vorausgesagt hat.
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Ob ich ein paar Millionen abkriege? Nein? Wieso nicht? Weil, wenn ich es ernst meinte, bei mir eine Vollstufe der Neurose diagnostiziert würde, mit illusionär-infantilen Riesenansprüchen an die eigene Kolumne? Die in der DB ungefähr so bekannt ist wie bei mir bis Mittwoch eine Abscherung des Nasenknorpels vom Nasenknochen? Ach so.
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War nur Spaß. Auch ein Jux, aber Tatsache: Bei seinem Triathlon-Debüt in Panama wird Lance Armstrong Zweiter, und schon müssen nicht die drei Erstplatzierten, sondern nur der Vierte, Fünfte und Sechste zur Doping-Kontrolle. Wenn er den Ironman gewinnt, werden nur die Zuschauer getestet. So bleibt man sauber, Ulle!
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Wirklich Tatsache! Man darf sogar ungestraft behaupten, dass Armstrong einen Deal gemacht hat. Natürlich keinen Doping-Deal, sondern: Er bekommt vom Ironman-Veranstalter WTC eine Million Dollar für seine Anti-Krebs-Stiftung und startet dafür bei diversen WTC-Triathlons. Dass Armstrong auf seiner Internetseite Livestrong.org viele Millionen für seine Krebs-Stiftung sammelt und dass seine Co-Internetseite Livestrong.com für Ernährungs- und Fitnessprodukte auf zwei Milliarden Dollar taxiert wird – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
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Nicht böse, aber schelmisch beim Sichten von NBA-Ergebnissen (Washington Wizards – Orlando Magic 95:102) daran gedacht, dass die Wizards früher Bullets hießen und nicht, wie sonst üblich, aus merkantilen Gründen umbenannt wurden, sondern aus moralischen. So wurden in Übererfüllung von Political Correctness aus den Bullets (= Pistolenkugeln) die Wizards (= Hexenmeister), um die Gewalt auf den US-Straßen einzudämmen. Really!
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In dem Spiel gegen Orlando schossen (schossen? Sorry!) die Wizards fast so viele Körbe wie Wilt Chamberlain vor 50 Jahren ganz alleine bei seinem legendären 100-Punkte-Rekord. Vor 35 Jahren beobachtete ich »Wilt the Stilt« bei der Verbesserung einer anderen persönlichen Bestleistung, die Gerüchten zufolge ähnlich unerreichbar sein soll wie jene 100 Punkte. Ort: Zürich, eine Disco, nach dem Meeting im Letzigrund. Plötzlich steht diese unerhörte Erscheinung in der Tür. Steht nur da. Am Rand der Tanzfläche, unbewegt, scheinbar uninteressiert. Eine spricht ihn an. Er mustert sie, schüttelt den Kopf. Eine andere. Wieder Kopfschütteln. Eine dritte löst sich auf der Tanzfläche von ihrem Partner, geht wie in Trance auf ihn zu. Er begutachtet sie kritisch. Von oben bis unten. Dann nickt er, packt ihre Hand und geht mit der verzückt blickenden Frau aus der Disco. – Nur kein Neid!
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Beinahe hätte ich die Zwei-Punkte-Fortsetzung der laufenden »Wer bin ich?«-Runde vergessen. Der Mann, den wir suchen, erinnert sich an den 4. Juli 1954: »Die Menschen lagen in den Fenstern und hatten Betttücher rausgehängt, Fahnen gab es wohl nicht mehr und noch nicht, ein uriges, von Alkohol getriebenes Geschrei hallte durch die Straßen. Fasziniert von dem Krach, mich ein wenig wohlig fühlend in der Volksgemeinschaft der Sieger, hatte ich dennoch ein bisschen Angst. Früh also war Misstrauen da, gerade auch wenn ich mich freute.« Und über die WM 1970: »Ich weiß noch, dass wir in der Wohngemeinschaft, obwohl linksradikal, eine relativ starke nationalistische Begeisterungstour drauf hatten. Den einen oder anderen Kommunisten, der damals auch zu Besuch war, den hat die Fernsehgemeinschaft sofort rausgejagt.«
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Wer nach der Drei-Punkte-Runde einen Namen gemailt hat, darf einen neuen nennen. Ist der richtig: zwei Punkte. War aber der erste richtig: null Punkte. Allerdings mit der Möglichkeit, in der dritten Runde  einen Punkt zu ergattern. Einsendeschluss: Dienstag, 6. März. Tipp: Wilt Chamberlain . . . ist es nicht.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle