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Anstoß (Länderspiel-Randnotizen) vom 1. März

Wenn Löw vor dem Anpfiff betont, das Spiel sei ein Muster ohne Wert, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es nach dem Abpfiff 1:2 steht. Auch der Mannschaft schien die Partie ziemlich egal zu sein, jedenfalls legten die Franzosen immer eine Schippe mehr drauf und gewannen verdient.
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Aber wenn’s schon angeblich um nichts ging, kümmern auch wir uns hier nur um Nebengeräusche. Wörtlich. Schon beim Hymnen-Duell sangen die Franzosen ihre Marseillaise aus etwas vollerer Brust, die Deutschen ihren Haydn eher verhalten bis gar nicht, aber manche sollen immerhin trotz zusammengekniffener Lippen leise mitgebrummt haben. Doch auch die Franzosen waren nicht durchweg sangesfreudig. Wie sagte doch Zinedine Zidane: »Ich werde nie die Marseillaise grölen.« Warum auch grölen, wenn’s Marseil-laise heißt?
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Die Inbrunst beim Hymnensingen, nur für  fußballferne Gelegenheitsgucker ist sie ein Gradmesser für Kampfeslust in der Fußballschlacht. Auch zusammengekniffene Lippen könnten ihr Herz in beide Hände nehmen (und gleichzeitig hübsche Stilblüten pflücken).
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Kampfeslust in der Fußballschlacht? Zu den Untugenden des Sportjournalismus gehört, behaupten Kritiker, die kriegerische Wortwahl. Stimmt ja auch. Bei früheren Spielen zwischen den noch nicht merkozyg turtelnden Ländern las man durchaus Befremdliches. Als Deutschland 1935 in Frankreich zu einem da noch nur fußballerischen Länderkampf zu Gast war, hörte das »Reichssportblatt« in seiner Vorschau »wohl schon halb unbewusst das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und den Donner der Geschütze. Auch damals lag der Sonnenschein auf den Moselbergen, als wir nach Frankreich fuhren.«
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Dagegen wirkte ZDF-Bela gestern wie eine Friedenstaube, die an einer Beruhigungspille gepickt hat. Hacken wir also nicht auf unserer heutigen deutschen Sportsprache herum. Überhaupt ist die deutsche Sprache viel besser als ihr Ruf. Schauen Sie nur mal heute nach draußen und aufs Thermometer, und schon wissen Sie: Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land – ist doch sprachlich einfach nur schön. Und wir haben noch viele deutsche Mörikes, auch in der Werbung. Süßes Beispiel ahnungsvoll streifender Düfte, erschnuppert in einer Illustrierten-Anzeige: »XY-Perlen – Und Ihre Blähungen sind wie weggeblasen.«
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Apropos Blasen: Als Sarkozy noch ohne Merkel und nur Innenminister war, wollte er nach den Vorstadt-Krawallen die Banlieues zwar nicht mit Maschinengewehren, aber mit Hochdruckreinigern säubern. Er benutzte dafür den in Frankreich gängigen Begriff des »nettoyer au karcher«. »Kärchern« also. Ein deutsches Eponym (aus Eigenname gebildetes Verb, siehe »hartzen«) erobert Frankreich!
Und daher wurden wir gestern auch . . . weggeblasen.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle