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Sport-Stammtisch (vom 25. Februar)

Wenn es nach mir ginge, würde Gauck nicht Bundespräsident. Ich habe Vorurteile gegen diesen Mann. Vorurteile sind nicht immer falsch. Im Gegenteil, meistens sind sie goldrichtig. Jedenfalls die eigenen.
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Nehmen wir nur, zum Beispiel, den Fußball, und diesen in seiner öffentlich interessierendsten Form, also Bayern München. Worte des Vorsitzenden Rummenigge, gesprochen beim Bankett nach der ziemlich erbärmlichen Vorstellung in Basel: »Was ist eigentlich passiert zwischen Weihnachten und heute, dass wir hier jetzt unzufrieden sitzen?« Ach, Kalle, hätten Sie an Weihnachten unsere Kolumne gelesen, wüssten Sie heute, was passiert ist: Die »beste Vorbereitung aller Zeiten« (Heynckes) in der Winterpause, bestehend aus einer Woche Kicken in Katar plus Trip nach Indien. Mein Vor-Urteil vom Dezember: Diese »Rallye Absurdistan« wird sich im weiteren Saisonverlauf rächen. Zweites weihnachtliches Vor-Urteil: Heynckes wird zwar noch von allen Seiten mit Lobeslorbeer bekränzt, aber welchen Plan, welche Idee hat er? Auf die rhetorische Frage gab es die hypothetische Antwort: Schnell wird aus dem Bekränzten der Begrenzte.
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Tja, und dann kam Basel. Dazu kein Vor-Urteil, sondern ein kurz nach dem Spiel geschriebener nächtlicher Blog-Eintrag (siehe »Sport, Gott & die Welt«), der nach Meinung von Blog-Lesern auch im Blatt stehen sollte. Voilà: Zwei ehemalige Frankfurter Fußballer, die am Main nicht gerade Wellen geschlagen haben. Ein ehemaliger Dortmunder, der dort Tore schoss, aber nicht unbedingt eine Granate war. Ein ehemaliger Stuttgarter, der dort ein, nun ja, Stuttgarter war. Das ist schon fast die halbe Baseler Mannschaft. Dazu noch ein paar Noch-Nobodies, ein Breit-wie-hoch-Talent, das den Bayern zehn Millionen wert ist (neun Millionen davon ist er noch »schwach«), und zwei Einwechselspieler, die Lust darauf haben, ein Tor zu schießen – das reicht schon, um den individuell hochhaushoch überlegenen FC Bayern zu schlagen und in eine tiefe Krise zu stürzen? Ja. Weil bei Basel ein Mann im Tor stand, der zwei Bälle sensationell hielt, bei denen, hätte Neuer sie gehalten, die Nation ins Bester-Torhüter-aller-Zeiten-Weltklasse-Reflex-Delirium gefallen wäre? Auch. Weil die Partie nicht nur Basel gegen Bayern hieß, sondern auch Vogel gegen Heynckes, durchdachtes, erkennbares System gegen Na-ja-spielt-Fußball? Fußball als moderner Leistungssport gegen Retro-Nostalgie-Kicksport? Ja. Und in jedem Fall, für alle klar erkennbar: Hier spielte eine Mannschaft von Einzelkönnern höchster Klasse planlos gegen eine Mannschaft von Mannschaftsspielern durchschnittlicher Klasse, die einen Plan hatte.
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Ach ja: Der erneute Baseler Coup, diesem Trainer ist er von Herzen zu gönnen, der physiognomisch und vom Verhalten her ein herrliches Gegenmodell ist für all das, was heute angesagt ist. Er ist kein Smartie, auch kein seltsamer, sondern ein seltener, ein toller (Heiko) Vogel.
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Auch der Gesuchte unserer laufenden »Wer bin ich?«-Runde war ein seltener, ein toller Vogel. Letzter Hinweis, nur noch einen Punkt wert: Er gewann zwei Goldmedaillen, verlor sie, gewann sie wieder und galt und gilt als einer der größten Athleten der Sportgeschichte. – Einsendeschluss: Montag (27. 2.).
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Leider hatte ich im ersten, dem Drei-Punkte-Hinweis, vergessen, ein Wort zu entgoogelisieren, so dass schon früh viele Lösungen eingegangen sind. Auch richtige? Wer weiß. Gerade erst lese ich im faszinierenden Blog (»Arbeit und Struktur«) des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf (»Tschick«, »Sand«): »Vor zwei, drei Jahren auch schon mal angefangen, Sachen in die Wikipedia reinzuschreiben, die in meinem Roman vorkamen. Entweder die Fiktion passt sich der Wirklichkeit an oder umgekehrt.« Also, nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht! Vielleicht hat’s Herrndorf reingeschwindelt. Oder ich.
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Eine geniale Entgoogelisierung ist am Sonntag der ARD gelungen, die während des »Polizeiruf«-Krimis unentwegt die aktuelle Meldung einblendete: »Vorraussichtlich wird Gauck zum Bundespräsidenten gewählt.« Ich konnte mich gar nicht richtig auf den Krimi konzentrieren, weil ich gespannt war, wann der Satz geändert würde. Wurde er nicht. Immer wieder: »Vorraussichtlich wird Gauck zum Bundespräsidenten gewählt.« Den genauen Wortlaut habe ich mir nicht gemerkt, nur das erste Wort. Als korrekter Journalist wollte ich den korrekten Wortlaut recherchieren, was im heutigen Journalismus vor allem ein Synonym für »googeln« bedeutet, was ich daher auch tat, aber nicht fündig wurde. »Vorraussichtlich« + »Gauck« + »ARD« + »Polizeiruf«: Nichts. Niente. Nada. Der Satz ist spurlos verschwunden und mit ihm sein Fehler. Einfach genial.
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Ach ja, in diesem vorraussichtlichen Zusammenhang noch ein abschließendes Wort zu meinen Vorurteilen: Ihre Richtigkeit wird auch von einer interessanten Statistik gestützt: In Deutschland setzen sich pro Monat mehr als tausend verwirrte Menschen in ein Taxi, machen seltsame Angaben zur Person und geben irrsinnige Fahrtziele an. Wie jener ansonsten unauffällige Mann, der plötzlich sein Fahrtziel änderte. Er sei Napoleon, soeben habe ihn eine höhere Macht angerufen, er müsse sofort nach Waterloo, denn im zweiten Anlauf würde er die Schlacht gewinnen. Wie in den anderen Fällen auch tat der Taxifahrer das einzig Richtige, stimmte dem Verrückten zu und lieferte ihn statt in Waterloo in der Psychiatrie ab.
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Und warum würde Gauck, wenn es nach mir ginge, nicht Bundespräsident? Also: Ich bin Taxifahrer. Ein ansonsten unauffälliger älterer Herr steigt ein. Plötzlich sagt er, soeben habe ihn die Bundeskanzlerin angerufen: »Sie fahren jetzt den neuen Bundespräsidenten. Wir müssen die Richtung ändern und direkt zum Bundeskanzleramt fahren.« Ich tue das einzig Richtige, sage: »Klar, Chef, mach ich« und liefere ihn statt am Bundeskanzleramt in der Psychiatrie ab.
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Tja. Und nun wird er doch noch Bundespräsident. Und die Bayern? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle