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Brocken und sein dick gefülltes Rücktrittsheft

Liebes Eintracht-Tagebuch, vor ein paar Tagen habe ich nach längerer Zeit mal wieder meinen guten Kumpel Brocken getroffen. Er saß in diesem Café am Marktplatz, und während er ein überdimensionales Cremetortenstück in seinen Mund schob wie einen dieser Container, die man am Hafen in den Bäuchen der Frachtschiffe versenkt, schrieb er hoch konzentriert etwas in ein großes Schulheft. Er war so vertieft, dass er nicht mal bemerkte, dass ich mich neben ihn setzte.
Als ich ihn leicht antippte, erschrak er so sehr, dass keine Sekunde später jede Menge kleiner Tortenstücke an meiner Brille klebten. »Tut mir leid, aber ich hab dich echt net komme sehn«, stammelte er leicht verlegen, um mir dabei mit einer Papierserviette unbeholfen über die Gläser zu wischen.«
»Schon okay, besser Kuchen als Sülze«, antwortete ich, während ich ihm die Serviette abnahm. »An was für einer Doktorarbeit sitzt du denn gerade, dass du nix mehr um dich rum mitbekommst?« »Des is mein Rücktrittsheft!« »Was ist denn ein ›Rücktrittsheft‹?« »Ich erklär’s dir! Letzte Woche is doch de Wulff zurückgetrete, unsern Bundespräsident.« »Ja, und auch nicht ganz zu Unrecht, oder? War zum Schluss ein bisschen viel mit der Klüngelei.« »Ja, aber darum geht’s mer grad net.« »Sondern?« »Ei, als ich des gesehen hab, is mir uffgefalle, dass so’n Rücktritt überhaupt ne schöne Sache ist. Und weil de Wulff ja net aus Überzeuschung uffgehört hat, sondern weil die Öffentlichkeit ihn dadezu gedrängt hat, mach ich jetzt auch so was …« »Was ›so was‹?« »Na, ich schreib hier all die Arschlöcher rein, von denen ich mein, dass sie zurücktreten solle, und dann sammel ich Unnerschriften. Und wenn ich genug dadevon hab, schick ich des der betreffenden Person, und die muss dann zurücktrete! Geile Idee, oder?« »Nimmst du zurzeit irgendwas?«, fragte ich ihn besorgt. »Quatsch! Ich bin glasklar im Kopp! Des nennt man ›modernes Druckmittel‹!«
»Aha! Und wen willst Du so alles unter Druck setzen? Ich mein, bei den Politikern gibt es ja noch einige, die …« »Ich red net von Politikern! Ich hab des ganze mehr auf Fußball angelegt! Genauer gesagt auf die Eintracht!« »Hm?« »Noch genauer gesagt, auf Leute, die wir aus Eintracht-Sicht net mehr sehn wolle!« »Oh! Na dann bin ich ja mal gespannt!«
Brocken rückte sich auf dem etwas zu schmalen Stuhl in Position, warf einen stolzen Blick auf sein Heft und schlug die erste Seite auf! »Als Erstes, und des wird dich net überrasche, muss Alfons Berg zurücktrete!« »Moment … das ist der Schiedsrichter, der damals 1992 das Spiel in Rostock gepfiffen bzw. den Elfer nicht gegeben hat!« »Genau, und wesche dem wir eine Schale wenischer in de Vitrine stehe habbe!« »Aber Brocken, der pfeift schon lange nicht mehr. Der ist schon allein altersbedingt zurückgetreten!« »Sehr gut, und schon mach ich en Häksche dahinner!«
Er grinste mich an. »Des funktioniert ja besser als ich gedacht hab! So, der nächste ist natürlich Lothar Matthäus! Schon desdeweschen, weil er damals de Grabowski und de Harry Karger kaputtgetreten hat!« »Von was soll er denn zurücktreten? Lothar Matthäus ist zurzeit ein arbeitsloser Trainer.« »Siehste, und noch en Häksche! Wahnsinn!«
»Brocken, sei mir nicht böse, aber das sind doch Relikte aus vergangenen Zeiten, alte Kamellen! Wir leben aber im Hier und Jetzt!« Er setzte jetzt sein allerwichtigstes Gesicht auf! »Des weiß ich natürlich! Und genau desweschen steht hier auch als nächstes …« … er machte eine dramaturgische Pause … »Fortuna Düsseldorf!« Ich stutzte. »Moment, du willst einen kompletten Verein auffordern, zurückzutreten?« »Logo! Guck dir doch die Drecksäck an. Ob jetzt de Sascha Rösler, dieser miese Schauspielkönisch, oder auch die ganzen annern Fallsüchtigen! Dazu ihr durchgeknallter Manager, dieser Wolf Werner, der nach dem Spiel einfach irgendeine Scheiße babbelt, die überhaupt net stimmt. Und vor allem dene ihrn Trainer, de Koppnuss-Meier. Der manipuliert mit seinem ständische Armrumgefuchtel bei jedem Spiel die Schiedsrichter-Assistente, bis sie bleed wern … der ist so was von unsportlich! Außerdem trägt er eine hässliche Brille!«
Natürlich, liebes Tagebuch, konnte ich meinen Freund in diesem Moment verstehen. Dieses Spiel in Düsseldorf mochte vielleicht in den Köpfen der Spieler abgehakt sein. In unseren Gehirnen aber erschien es dieser Tage immer noch unauslöschlich. Trotzdem widersprach ich ihm erneut. »Ich weiß, was du meinst! Das war extrem unsympathisch, was die abgeliefert haben. Aber so ein Verein besteht ja nicht nur aus ein paar Leuten. Denk doch mal an das ganze Umfeld, die Fans. Die warten jetzt schon seit der Kreidezeit darauf, wieder guten Fußball zu sehen. Denen würdest du ja mit deiner Aktion das Fußballherz brechen.« Brocken sah mir tief und ernst in die Augen. »Des will ich natürlich net!«
»Soll ich dir ma was sagen, Brocken? Ich glaub, das mit den Rücktritten brauch es gar nicht! Letztendlich liegt es doch nur bei einem selbst, was man macht bzw. schafft. Und das gilt auch für unsere Eintracht. Die Mannschaft ist gut genug, der Trainer ist gut genug und der Vorstand plus Sportdirektor auch! Die kommen auch ohne Rücktritte von anderen zurecht!« Ein leichtes Nicken sowie das Kauen auf seiner Unterlippe signalisierten, dass er mir recht gab.
Kurz entschlossen riss er ein paar Seiten aus seinem Heft. »Mehr hat ich eh noch net!« Und während er ein dickes Papierknäuel formte, erhellten sich seine eben noch zugekniffenen Augen wieder. »Jetzt weiß ich, wen ich zum Rücktritt aufforder!« Schon kritzelte er wieder eifrig ins Heft. »Verrätst du es mir?« »Logo! Diesen Metzger auf der Hauptstraße. Der hat letzte Woche die Preise für Hackbrötchen um über zehn Prozent erhöht. Einfach so. So was geht doch net!« Ich stimmte ihm zu. »Gib her, da unterschreibe ich auch gleich!«
Zufrieden grinsend sah Brocken mir zu, wie ich seine Rücktrittspetition für den maßlosen Metzger unterschrieb. »Der wird sich wunnern, wenn ich ihm des unner die Nas reib!«
»Das glaub ich auch! Sag mal, wie heißt eigentlich dieser Spieler von Paderborn, der diese Saison so viele Tore geschossen hat?« »Nick Proschwitz! Wieso willst’n des wisse?« »Nur so«, murmelte ich, während ich unauffällig eine neue Seite aufblätterte … In diesem Sinne.  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle