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Freitag, 17. Februar, 15.10 Uhr.

Ein historischer “Sport-Stammtisch” steht online: Als der erste Satz geschrieben wurde, materialisierte sich auch die erste Eilmeldung auf dem Bildschirm: “Wulff zurückgetreten”. Jeder weitere Satz wurde von einer neuen Vormeldung begleitet, kurz nach dem letzten Satz kam die erste Tageszusammenfassung. Eben: Ein historischer Tag – und ich habe mitgeschrieben.

Schöne Mail bekommen. Bezieht sich auf eine Guten-Morgen-Kolumne in unserem Gießener Blatt. Zum besseren Verständnis zunächst für WZ- und Nur-Online-Leser meine AZ-Kolumne vom Montag: 

Als er den ersten Wagemutigen auf dem Eis der Lahn sieht, fallen dem alten Schlammbeiser schmerzlich-schöne Kindheits-Erinnerungen ein. Mit seiner »Asterweg-Bande« strolchte er damals durch das Sandfeld, und obwohl er die Handschuhe vergessen hatte, hätte er ums Erfrieren nicht den Kälterückzug hinter den heimischen Herd angetreten. Für ihn als Jüngsten der Bande galt ständige Präsenzpflicht. Bibbernd und zitternd läuft er den älteren Kindern hinterher, die schon am Ufer stehen. Und siehe da, über Nacht hat sich eine dünne Eisschicht über den Fluss gelegt. Kriegsrat: Wer wagt sich aufs Eis? Niemand. Doch da schlägt die Stunde des Jüngsten: »Ich traue mich!« Gesagt, getan, er stürzt sich todesmutig aufs knisternde, knackende Eis. Das Herz (und noch etwas anderes) rutscht in die Hose, aber dann krabbelt der Junge mit stolzgeschwellter Brust siegreich an Land. Er glüht, spürt kaum noch die grimmige Kälte und sonnt sich auf dem Heimweg

im Gefühl, mutiger als alle anderen gewesen zu sein. Das wird die Eltern stolz machen! Doch merkwürdig, zu Hause freut sich niemand über die Heldentat des Sohnes. Du warst auf dem Eis? Die Mutter, leichenblass, greift sich ans Herz, der Vater, zornesrot, zum Spazierstock, und zum ersten und einzigen Mal im Leben des kleinen Helden setzt es eine fürchterliche väterliche Tracht Prügel. Warum aber ist die Erinnerung nicht nur schmerzlich, sondern auch schön? Als sich die Aufregung gelegt hat, tröstet die Mutter den Buben, und der Vater verleiht seiner Erleichterung über den glimpflichen Ausgang des lebensgefährlichen Abenteuers sicht- und lesbaren Ausdruck, denn am Abend dieses denkwürdigen Tages bekommt der Sohn das erste Comic-Heft seines Lebens geschenkt. Mit heißem Herzen und glühendem Po verschlingt er das Heftchen, dessen Held Tarzan viele Abenteuer besteht, aber nie solch ein eisiges wie der Junge aus dem Asterweg.

 

Und nun hat der Leser das Wort:

 

Ich, Baujahr 1950, habe mit einem Schmunzeln Ihre Glosse vom 13. 2. 2012 gelesen. Erinnerungen wurden sofort wach an Ende der fünfziger Jahre an ein fast ähnliches Erlebnis. Als jüngstes Mitglied der »Backesberg-Bande« haben die Älteren mich und meinen Kumpel animiert, die Tragfähigkeit des Eises auf dem Elbbach bei Hadamar, der in Limburg in die Lahn mündet, zu testen. Beide brachen wir bis über die Kniee ein. Mein Vater war zum Glück nicht zu Hause, sonst wäre es mir wie Ihnen ergangen. Mein Kumpels Vater, Landwirt, war immer zu Hause. Er traute sich nicht heim. So begaben wir uns zu meiner treusorgenden Mutter. Hose, Strümpfe und Schuhe wurden über den Kohleherd gehängt. Es gab heißen Kräutertee und ein Schmalzbrot. Nach gut zwei Stunden war alles soweit wieder trocken. Mein so gutes Mütterlein, mittlerweile 90 Jahre alt, hat natürlich meinem Vater nichts erzählt. Und schon gar nicht dem Landwirt. Ich habe die Geschichte von damals noch mal meiner Mutter erzählt. Sie ist mittlerweile im Kurzzeitgedächtnis sehr vergesslich. Ihr Langzeitgedächtnis funktioniert total gut. “Das war im Winter 1961. Da war ich mit deiner Schwester schwanger”. Stimmt. Meine Schwester ist im April 1961 geboren. Mein Langzeitgedächtnis scheint auch noch in Ordnung zu sein. Der kürzlich im »Anstoß« wiederholte Leserbrief aus 1979 (der Schiri, vor dem gewarnt wurde; er hat abseits gesehen, aber nicht gepfiffen, weil ihm das keiner beweisen kann; er sei Poliseibeamter, was wollt ihr denn :-) ) kam mir irgendwie bekannt vor. Ihr »Anstoß« ist gut bis sehr gut, Spitzengruppe der Regionalliga würde ich sagen. Und ab und zu wird auch mal ein Erst- oder Zweitligist rausgeworfen. Als Buchautor? Na ja, nicht so ganz der Brüller, aber o.k. (Rainer Gotthard/Gießen)

 

Dankeschön für das, nun ja, differenzierte Lob. Leider bin ich nur noch Mitglied der Spitzengruppe der Regionalliga. Kurz zuvor hatte mich  ein  Leser zum “Kolumnen-Meister der Wetterau” gekürt (ich find die Mail nicht mehr, kam vor kurzem erst an, wurde vom System bei der Server-Umstellung verschluckt oder von mir verschlampt; wenn sie von einem WBI-Teilnehmer kam plus Lösung, bitte melden!)

Nachtrag 16.30 Uhr: Heureka, ich hab’s gefunden! Nicht verschlampt. Ein Dankeschön an Uwe Lemke aus Wöllstadt.

Baumhausbeichte - Novelle