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Mailbox (Religion und Humor)

Dass ich unseren alten Kolumnen- und Blog-Freund Dr. Hans-Ulrich Hauschild heute im Blatt zu »Hauschütz« verunstaltet habe, ist mir so was von peinlich! Zum Glück reagierte Dr. Hauschild mit Humor, was die folgenden beiden Mails beweisen. Im Anschluss daran eine längere und sehr lesenswerte  Stellungnahme (plus tolle »Zugabe«) von Pfarrer Paul-Ulrich Lenz, unseren Lesern ebenfalls bestens bekannt, zum Thema »Religion und Humor«, angestoßen von Dr. Hauschild nach den »Montagsthemen« dieser Woche.

Was da mein geschätzter Kollege Hauschild in Ihrem hervorragenden Blog zu Religion und Humor schreibt, stößt auf große theologische Bedenken. Warum eigentlich lassen Sie diesen schrecklichen Schreiberling, der von seinen Themen in der Regel nie irgendwas versteht, sondern immer nur sprachlich undurchschaubare Riesensätze bildet, so oft zu Wort kommen. Der Sinn seiner Ausführungen läuft darauf hinaus, höchste Werte in den Schmutz zu ziehen. Hingegen vorbildlich ernst zur Sache verhalten sich die amerikanischen Evangelikalen, die keinen Spaß kennen, wenn sich ein Sünder, in der Regel in vieler Hinsicht ein »armer Sünder«, auch nur erlaubt, ein Brötchen zu klauen. So soll es sein. Für Humor ist bei derartigen Verstößen kein Platz.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Hans-Werner Hauschütz, Büttelborn
Ich habe nachgesehen und festgestellt, dass mein geschätzter Kollege Hauschütz doch eigentlich wohl eine ganz andere Auffassung zum Thema Humor und Religion vertreten würde als ich es in Ihrem Blog getan habe. Nach einem kurzen Telefonat gestern Abend vertrat er die Auffassung, dass man Menschen wie mich eigentlich wissenschaftlich nicht ernst nehmen könne-  er wolle das Ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen. Hat er das getan? Es interessiert mich dann schon, was er gesagt hat. Können Sie es mir zugänglich machen.
Kölle Alaaf. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild)

Helau! Und noch mal: sorry!

 

Natürlich habe ich am Sonntag nicht hr gehört, weder hr 1 noch hr 3 oder gar hr4. Ich war mit Gottesdiensten gut beschäftigt. Das Thema aber – Humor und Religion – dazu möchte ich doch etwas sagen.
Ich glaube, hier ist Vorsicht geboten. Es gibt so wenig humoraffine Religion wie es humoraffine oder humorlose Völker gibt. »Die« Deutschen als Humor-Volk oder als humorlose Horde, »die« Engländer, »die« Iren – ich glaube, das ist alles zu kurz gesprungen. Auch die Vorstellung, dass der Katholizismus wegen des Karnevals besonders humorverbunden oder der Protestantismus wegen Strenge und rigider Moral besonders humorfeindlich sei – ich weiß nicht so recht. Und sogar beim Volk der Juden oder der jüdischen Religion – was das so richtig ist, ist ziemlich schwierig zu sagen – müssten man vorsichtig sein mit »die«. Tatsache ist, dass es viel jüdischen Humor gibt – oder genauer: jüdische Menschen mit Humor.
Beispiel: Ein Jude strandet auf einer einsamen Insel und muss dort lange Jahre allein leben. Als er schließlich doch gefunden wird, sehen seine Retter, dass er zwei Synagogen erbaut hat. Auf die Frage, wozu das denn gut sein soll, zeigt er auf die eine und sagt: »In die gehe ich nicht.«
Es gibt fröhliche und verkniffene Christen, Juden, Atheisten, Agnostiker. Es gibt fröhliche Katholiken und solche, die garantiert humorfrei, um nicht zu sagen humorlos sind. Und es gibt das gleiche auf protestantischer Seite. Manfred Lütz ist ein Beispiel für ziemlich humorige Katholiken. Die Inquisition stand eher für das Gegenteil.
Humor hat vermutlich eher dann eine Chance, wenn jemand sich von sich selbst distanzieren kann, wenn er nicht auf Tod oder Leben durchsetzen muss, was er denkt, fühlt, glaubt.
Das gilt dann auch für Völker, Konfessionen staatliche Ansprüche, Philosophien und Ideologien: Wo immer sie einen totalen Anspruch erheben – das ist etwas anderes als zu sagen: Ich kann nicht anders! – da wird es gefährlich. Der totale Wahrheitsanspruch zieht eine Blutspur durch die Geschichte.
Auch das kann humorvoll beleuchtet werden: Mit tiefernstem Gesicht lauschte Konfuzius der Rede eines Feldherrn im Parlament von Peking. Nach seiner Ansprache machte sich der große Krieger über das finstere Gesicht lustig, das der Weise während seiner Rede zur Schau getragen hatte. Konfuzius erwiderte: »Mein ernstes Gesicht tut niemandem wehe. Aber das Lachen von Leuten deines Schlages hat den Staat schon ein Meer von Tränen gekostet!«
Christenmenschen können – hoffentlich – manchmal auch über die Welt lachen – aber das ist nicht die spezifische Humor-weise von Christen. Sie können hoffentlich auch über sich selbst lachen. Und manchmal auch über ihre Religion und die Art ihrer Religionsausübung.
Es gibt so viele komische Situationen im Rahmen der Religionsausübung. Ich z. B. habe immer darauf gewartet, dass die Gottesdienstbesucher in Gelächter oder »Mach’et« Rufe ausbrechen, wenn ich am Schluss des Konfirmationsgottesdienstes sagte: »Die Gemeinde bleibt so lange stehen, bis der Pfarrer und die Konfirmanden ausgezogen sind.« Da kann man steinalt werden – die Gemeinde lacht nicht!
Also: keine Pauschal-Urteile über die Protestanten oder die Katholiken oder ….
Ein wunderbares Humor-Beispiel möchte ich aber doch gerne zugänglich machen – es stammt von dem »schwarzen Schaf vom Niederrhein« Hanns Dieter Hüsch. Ich bin ziemlich sicher: Der liebe Gott hat seine helle Freude daran!
Choral

Wir alle sind in Gottes Hand
Ein jeder Mensch in jedem Land
Wir kommen und wir gehen
Wir singen und wir grüßen
Wir weinen und wir lachen
Wir beten und wir büßen
Gott will uns fröhlich machen

Wir alle haben unsre Zeit
Gott hält die Sanduhr stets bereit.
Wir blühen und verwelken
Vom Kopf bis zu den Füßen
Wir packen unsre Sachen
Wir beten und wir büßen
Gott will uns leichter machen

Wir alle haben unser Los
Und sind getrost auf Gottes Floß
Die Welt entlang gefahren
Auf Meeren und auf Flüssen
Die Starken mit den Schwachen
Zu beten und zu büßen
Gott will uns schöner machen

Wir alle bleiben Gottes Kind
Auch wenn wir schon erwachsen sind
Wir werden immer kleiner
Bis wir am Ende wissen
Vom Mund bis zu den Zehen
Wenn wir gen Himmel müssen
Gott will uns heiter sehen.
Aus: Wir sehen uns wieder
(Paul-Ulrich Lenz/Schotten)

Es folgt die “Zugabe”, der Beweis,wie gut Pfarrer Lenz Andachten mit Humor verknüpfen kann:

Eines Tages, am Samstag begab es sich, dass der Pfarrer einer Gemeinde einfach keine Lust verspürte, Gottesdienst zu halten. Er hatte sich schon die ganze Woche mit der Predigt geplagt und jetzt war er es endgültig leid, wenigsten für diesen Sonntag. Statt dessen wollte er viel lieber einen Tag lang Golf spielen. Deshalb rief er bei seinem Küster und der Vorsitzenden des Kirchenvorstandes an und sagte: »Ich liege mit einer ganz schlimmen Erkältung im Bett und kann morgen nicht predigen und auch sonst nichts im Gottesdienst tun. Ihr müßt irgendwie für Vertretung sorgen.« Und weil er wußte, dass seine Gemeindeglieder ihren kranken Pfarrer bestimmt besuchen würden, sagte er zur Vorsicht gleich noch dazu: »Aber ihr dürft mich nicht besuchen, weil meine Erkältung hoch ansteckend ist.«
Es wirkte – Küster und Kirchenvorstandsvorsitzende organisierten – sehr kurzfristig – eine Vertretung für ihren kranken Pfarrer und informierten ihn telefonisch darüber. Da stand unser Pfarrer fröhlich von seinem Schreibtisch auf, packte seine Golfsachen ins Auto und fuhr zu einem Golfplatz, der in sicherem Abstand von seiner Gemeinde lag. Er übernachtete im Golfhotel und am Sonntagmorgen ging er frohgemut ans Werk.
Schon am ersten Loch gelang ihm ein Traumschlag: 276 m flog der Golfball und traf direkt ins Loch. Wie freute sich da unser Pfarrer. Nur einige Engel im Himmel, die das ganze Unternehmen beobachteten, waren entsetzt: ›Er lügt seine Gemeinde an, schwänzt den Gottesdienst und jetzt dieser Traumschlag. Hätte Gottvater das nicht verhindern müssen?«
Dann spielte unser Pfarrer so lala weiter – aber am 9. Loch gelang ihm das Kunststück noch einmal – diesmal über eine Entfernung von 318 m, und einen Teich überflog der Ball dabei auch noch. Wieder helle Aufregung bei der Zuschauerschar im Himmel. Nach eher durchschnittlichen weiteren Schlägen kam der letzte Abschlag. »Jetzt wird ihn der Herr strafen« – sagt einer der Engel zu den anderen. Aber was geschah? Der Ball flog und flog und traf tatsächlich zum dritten Mal direkt ins Loch – das hatte es in der ganzen Golfgeschichte noch nie gegeben. Unser Pfarrer schlug mindestens drei Purzelbäume vor Stolz und Freude.
Bei den Engeln aber herrschte helle Empörung. ›Das geht zu weit. Das hätte er nicht tun dürfen.« – so sagten sie und schickten Michael zum Protest zu Gottvater. Michael trug den Engelprotest auch vor und redete von falscher Nachsicht und der Bedrohung der Wahrheitsliebe. Und sagte: ›Das durftest du ihm nicht zulassen – so eine Unehrlichkeit und dann dieses Jahrtausendspiel. Du hättest ihn bestrafen müssen.« Gottvater sah Michael an und sagte: ›Aber ich habe ihn doch bestraft!« Michael fragte zurück: ›Wie bitte? Dreimal »Whole in one« – wo ist da die Strafe? Überall wird man davon reden, wie großartig er gespielt hat«. Da lächelte Gottvater und sagte: ›Aber wem kann er es denn erzählen?«

Unsere Geschichte macht auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis aufmerksam: Wir wollen gerne mit anderen teilen, was wir Gutes erfahren haben. Wir wollen gerne mit anderen teilen, was uns das Herz erfüllt. Wir wollen gerne anderen erzählen: Du, das war großartig, was ich da erlebt habe. Und es ist schade, wenn uns keiner zuhört. Es ist ein Jammer, wenn ich niemandem meine Freude mitteilen kann – über ein wunderbares Konzert, über eine gelungene Geschichte, über einen herrlichen Sonnenuntergang, über einen traumhaften Urlaub, über meine Glückschläge beim Golf.
Ich wünsche Ihnen dreierlei:
1. Dass Sie wunderbaren Erfahrungen in Ihrem Leben machen, die tiefer gehen als drei traumhafte Golfschläge.
2. Dass Ihre Erfahrungen im Leben Ihnen etwas davon zeigen, wie gütig Gott mit Ihnen umgeht, auch wenn Sie es gar nicht immer verdient haben.
3. Dass Sie alle Ihre schönen Erfahrungen frohgemut mit anderen teilen können, und dabei entdecken können: Die Freude wächst im Erzählen.
Im Übrigen verrate ich Ihnen zum Schluß noch ein Geheimnis: Auch die Freude am Glauben wächst im Weitersagen und Teilen.

Baumhausbeichte - Novelle