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Montag, 13. Februar, 10.30 Uhr.

Wegen Server-Arbeiten wird der Blog für 24 Stunden stillgelegt. Vorher aber noch schnell dieser Beitrag von Dr. Hans-Ulrich Hauschild, wie immer anspruchsvoll und anstoßgebend, und in wenigen Sekunden folgt noch die Zitaten-Kolumne, deren Titel  ”Ohne weitere Worte”  dann auch für den Blog gilt.

Religion und Humor? Ich will heute nicht sehr tief graben und eine kurze Antwort auf eine nicht einmal aufgeworfene Frage versuchen. Kann man sich vom Absoluten distanzieren oder sich doch distanziert verhalten? Denn Humor gibt es nur aus der Distanz. Dem Absoluten dürfte dies relativ (ha, ha) gleichgültig sein; die Verantwortung liegt bei uns. Gibt es in der Religion einen Raum für Humor? Schauerlich sind Religionen, die alles, übrigens religionswidrig, grundsätzlich nehmen. Gerade in Amerika, genau in den USA, finden Sie im Republikanischen Wahlkampf eine Reihe Beispiele für die humorlose und deshalb gefährliche Orientierung am Absoluten oder besser an dem, was sie dort dafür halten.

Nun aber zur Sache.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen Humor in der christlichen einerseits und der jüdischen Religion andererseits gibt. Ich habe, wie gesagt, nicht sehr tief gegraben, jedoch sieht es so aus, es wolle das (protestantische) Christentum in trivialster Weise das Thema »Humor und Religion« abfertigen; erledigen mit solch köstlichen Blüten wie »wir haben eine frohe Botschaft, also können wir lachen, und zwar über die Welt«; oder: Christen sind frei (Freiheit eines Christenmenschen) also können sie »locker« mit den Problemen der Welt umgehen: Lachen und Humor haben geschehen auf Kosten der Welt. Zwar gibt es da noch den Wanderwitz (wandert witzstrukturell durch jeden beliebigen Sachverhalt) vom Klosterbruder, der bei beten nicht essen darf, aber – unter Befragung der Statuten – beim Essen beten; so etwa also: beim beten nicht lachen, aber beim lachen beten darf; dies ändert aber nichts daran, dass für viele christliche Theologeme ein sehr verkrampfter Humor die anfechtbaren Zustände dieser Welt, der Gesellschaft, der Naturgesetze Gegenstand des scheinbar humorvollen Herunterspielens sind.

Wie anders doch die jüdische Religion: in folgender Geschichte, die ich hier schon einmal wiedergegeben habe, wird eine ganze Religion fundamentalkritisch ebenso zerpflückt wie eine neue gefordert:

Der Schriftsteller und Auschwitz – Überlebende Elli Wiesel erzählt folgende Geschichte:

»Eine kleine Gruppe Juden hatte sich im von Nazis besetzten Europa in einer kleinen Synagoge zum Gebet versammelt. Mitten im Gottesdienst stürmte plötzlich ein fremder Jude, der ein wenig verrückt war – denn alle frommen Juden waren zu jenem Zeitpunkt ein wenig verrückt – zur Tür herein. Schweigend hörte er einen Augenblick zu, wie die Gebete aufstiegen. Langsam sagte er »Pst, Juden! Betet nicht so laut, sonst hört euch Gott. Dann erfährt er, dass in Europa noch ein paar Juden am Leben geblieben sind.«

Der Humor liegt natürlich nicht in der Geschichte also solcher, diese ist in ihrer Traurigkeit unantastbar, sondern in der Tatsache, dass sie erzählt wird und, vor allem, vom wem sie erzählt wird. Hans Jonas, der jüdische Philosoph, hat nach der Shoah seine ganze Philosophie der Verantwortung auf den hier gemeinten Umgang mit Religion gebaut. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

Baumhausbeichte - Novelle