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Sonntag, 12. Februar, 6.25 Uhr.

Aufgewacht mit dem Gedanken: Werden auch Hunde dement, können sie Alzheimer haben? Pino, im 14. Lebensjahr und im Winter seines Lebens, schaut manchmal, als wisse er nicht, wo und wer er ist. Aber manchmal ist er auch ganz der Alte. Seit einem Jahr schon versucht, auf den Abschied vorzubereiten. Gelingt nicht. Wird schwer. Zähes, liebes Kerlchen.

Nächster Morgen-Gedanke: Erst jetzt “Tschick” von Wolfgang Herrndorf gelesen. Zuvor keine Lust gehabt: Zwei 14jährige Ausreißer on the road, was soll ich alter Sack damit? Dann aber in einem Rutsch verschlungen. Als kritischer Rezensent mein fundiertes literarisches Werturteil: Toll! Jetzt will ich auch sofort “Sand” lesen.

Herrndorf schreibt im Internet einen . . . Blog?  Ist es einer? “Arbeit und Struktur”, ein Tagebuch. Es geht um intimste existentielle  Dinge, dennoch fühlt sich der Leser nicht als Voyeur, der einem Exhibitionisten zusieht. Große Literatur. Um mich mal von ca. hundertundeinprozent allen Geschriebenens (ist das grammatisch korrekt? Ist “alles Geschriebenen” besser? So früh am Morgen weiß ich das nicht)  über Herrndorf abzuheben: Das HT-Wort fällt hier nicht.

Morbide geht’s weiter in den Tag: Auf dem Weg in die Redaktion höre ich auf HR1, was ich in der Redaktion nachlese. Eilmeldung um 2:19 Uhr: Whitney Houston gestorben. Unwillkürlich an den Freund gedacht, an dessen bizarre Beerdigung. Gleich noch einmal nachgelesen, im “Sport-Leben” (unterster Link rechts).

 Einige junge Bodybuilder, die ich nicht kenne und für die Jan fast eine Vaterfigur gewesen sein soll, geben der Zeremonie ein filmreifes Ambiente. Braungebrannte Muskelmänner mit Pferdeschwänzen und mit unbewegter Miene hinter verspiegelten Sonnenbrillen – beinahe hätte ich laut gelacht, zumal jetzt in der kleinen Kapelle Whitney Houston vom Band losröhrt: >>One moment in time<<. Ein Laienprediger verstärkt die surreale Atmosphäre, indem er seine Standardansprache mit Versatzstücken ausschmückt, die er einem Gespräch mit Maria entnommen und falsch verstanden haben muß.
Als die kleine Trauergemeinde hinter der winzigen Urne zum Grab geht, bleibt ein herrenloser Kranz in der Kapelle zurück. Da ich als letzter gehe, drückt ihn mir ein Friedhofsangestellter in die Hand. Als ich auf die Kranzschleife blicke, schießen mir Tränen in die Augen – vor Anstrengung, denn es gelingt mir heldenhaft, einen Lachkrampf zu vermeiden. In den mehr als 25 Jahren unserer Freundschaft gehörte es zu Jans größten Freuden, wenn Fremde meinen Nachnamen falsch aussprachen oder schrieben, was oft genug der Fall war. Wenn ich an Hotelrezeptionen oder am Flughafen meinen Namen buchstabierte und dennoch ein Steins, Steiners, Stein, Steinmetz oder Steiner herauskam, amüsierte er sich jedesmal königlich. Und nun gehe ich mit einem Kranz hinter seiner Urne her, der wohl schon länger herumliegt, denn er stinkt penetrant nach Hundeurin, und auf ihm steht: >>Ein letzter Gruß von Dr. Stein<<. Ich höre Jan im Himmel wiehernd lachen.

Warum ich damals aus Ralf “Jan” machte? Aus Pietät? Sonstigen Bedenken? Weiß nicht mehr. Kurz schweifen die Gedanken ab, von der bizarren Beerdigung zum Aha-Erlebnis, gestern im Auto. Auf der Rückfahrt von der Redaktion (genau: vom BVB-Gucken) einen alten Popsong gehört, auf dem immer ein alberner “Parmesan, Parmesan”-Refrain  erklingt. Auf dem Display erscheint der Titel: How Bizarre. Ich höre ganz genau hin: Richtig, da singt’s nicht “Parmesan”, sondern “How Bizarre”. Wie bizarr.

Bizarr auch, wie’s heute früh nach der Whitney-Houston-Meldung auf HR1 weiterging: Musikalisch mit Barry White, Let the Music Play. Erstmals gehört vor hundert Jahren auf der musikbeschallten Strandpromenade in Nizza, als ich mit dem Freund nach dem enttäuschenden Wettkampf und vor dem enttäuschenden Besuch des  Spielkasinos (verloren nicht im Ruhl, da ließen sie uns nicht rein, sondern im Mediterranee, beide gibt’s wohl nicht mehr, da macht’s auch nichts, wenn ich sie ungeprüft aus der Erinnerung falsch schreibe) die Zeit totschlug. Zu der Musik von Barry White schritt eine etwa 80jährige Dame – ja, eine echte Dame, man sah und fühlte es – vom Hotel über die Straße und die Promenade zum Strand. Topless.

In Stimmung für die Montagsthemen bringt erst das “Inspirationen”-Thema des HR: Humor und Religion. Weiß nicht, was im HR dazu gesagt wird, da schon vor der Redaktion angelangt. Für mich die Gemeinsamkeit von Religion und Sex und Leistungssport:  Niemand lacht, wenn er betet, beischläft oder sich sportlich anstrengt.  Komisch wirkt’s oft nur auf andere.

Schon zehn nach sieben? So lange warmgeschrieben? Jetzt aber ran an die Montagsthemen.

Baumhausbeichte - Novelle