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Samstag, 11. Februar, 17.20 Uhr.

Halbzeit in Dortmund. Kagawa, mein aktueller Lieblingsspieler (Platz zwei: Lewandowski), macht kurz vor Schluss das Tor. Der BVB, mein kleiner Ulle-Ersatz.
Christian Lugerth (am 1. März feiert seine Inszenierung von »Nordost« Premiere am Gießener Stadttheater), kommentiert meine »Kündigung« als Ullrich-Fan:

 

Ich verstehe Deine harsche »Kündigung« als Fan. Aber trotzdem, war das nicht wunderbar 1997? Und fast noch wunderbarer 2003? Bis auf dieses blöde Bianchi – Trikot und den ständigen Angsthasenblick von Ulle auf den unerträglichen Texaner? Das damalige Mitfiebern bleibt doch über. Und war einfach schön.
Ich verbinde mit den Touren 1997 und 2003 ganz viel Privates. 1997 war ich verheiratet, hatte mich aber dummer – oder gescheiterweise anderweitig verliebt und bin mit dem vermeintlichen Neuanfang nach Thassos entfleucht und durfte dort in irgendwelchen Hafenpinten in der SZ vom vor- oder vorherigen Tage die Triumphfahrten von »uns Ulle« im wahrsten Sinn des Wortes: nachlesen. Die Welt glitzerte verheißungsvoll vor sich hin, die Wasser der nördlichen Agäis schwappten an die Kaimauer zu meinen Füßen und die neue Maid freute sich ob meiner Hochstimmung. Ich habe – und dies bis heute – kein einziges Fernsehbild gesehen von Ulles damaliger Fahrt ins »Maillot jaune« bis unter den Triumphbogen. Im Jahre davor saß ich noch vor der Glotze und dachte: »Wer hat dem jungen Mann verboten im Zeitfahren den bleichen Dänen einzuholen und warum? Der ist doch eindeutig schneller, unser Ossi!« Manchmal hat man so ein Gefühl. Und wünscht sich was. Im Sommer 1997 dachte ich: alle Wünsche sind nun erfüllt.
2003 war ich dann auf Kreta. Südküste, in der Nähe von Lentas. Ein alter Freund aus Jugendtagen hat da ein Häuschen. Ich war auf der Flucht. Der Neuanfang von 1997 hatte es sich anders überlegt und war plötzlich weg. Aber Ulle fuhr wieder schnell und auch wieder schlank die Berge hoch. Und ich dachte – ganz im Sinne von HR 2: »Gib mir das Gefühl zurück.« Oder eben jene Frau, wegen der ich mich einstens scheiden ließ. Nun gut. Wir saßen also in einer kleiner Taverna namens »Marias Place« und schauten auf den Minifernseher über dem Tresen – deutsche Lehrer, ein paar Freaks, ein paar kretische Bauern, mein Freund Holger, andere Touristen und ich – und dann fiel der Texaner vom Rad, wir reckten die Fäuste in den ouzogeschwängerten Himmel und der »Depp« – so nannte ihn mein Freund Holger damals – wartete. Er wartete tatsächlich auf den Texaner, der nicht gewartet hatte als Beloki auf dem Asphalt lag. (Mein Gott, war das nicht unfaßbar, wie der  Texaner damals die Abkürzung über diese Wiese nahm, ohne auf die – Entschuldigung – Fresse zu fliegen?)
Conclusio?
Vielleicht sollte man aufhören zurückzuschauen?
Für die zwei Sommer bin ich Ulle auf ewig dankbar.

Ich doch auch! Und noch ein paar Sommer mehr! Ich war seit dem bleichen Dänen bis zum unfassbaren Tag des Ausschlusses am Tag vor der Tour immer live vor dem Fernseher dabei, die Erinnerungen will ich mir nicht selbst mies machen. Einmal bin ich am frühen Nachmittag  nach Frankfurt gefahren, um am Main mit Matthias Beltz und Matthias Altenburg ein großes gemeinsames Interview zu machen. Warum und worum es ging, weiß ich nicht mehr (Fußball-EM 2000?). An diesem Tag stand eine wichtige schwere Etappe auf dem Programm, ich freute mich darauf, sie mir abends auf Eurosport in voller Länge anzusehen und schaltete auf der Fahrt nach Frankfurt das Radio nicht an, um mir die Spannung nicht nehmen zu lassen. Dann saßen wir am Main, von den beiden unsportlichen Matthiassen (MA war damals noch nicht auf dem Rad-Trip, ich glaube, er joggte nur ein wenig) drohte keine Verrats-Gefahr, dachte ich – doch die beiden Frankfurter kamen direkt vom Fernseher, Beltz sagte in etwa “Das war ja ein Ding mit dem Ullrich”, Altenburg ungefähr: “Lässt der sich so abhängen”, ich schrie auf und beide an, sie sollten den Mund halten, sofort, auf der Stelle, ich war einen Moment lang richtig aufgeregt wütend, und die beiden hatten ihren Spaß daran. Das war der Tag, an dem Ullrich den Hungerast hatte und, glaube ich, acht Minuten verlor.

Den grausamen Hungerast habe ich am Fernseher erlebt, in Konstanz, in der Fernsehabteilung des Hertie. Gab es damals noch. Zusammen mit schon erwähnter Frau von ›97. Es regnete, der Bodensee verharrte bei unwirtlichen 16 Grad und man suchte nach Schuhen und ähnlichem. Ich stand da vor 20 flimmernden Fernsehern und Ulle fiel im Nebel den Berg rückwärts runter. Das war richtig schlimm. Ich glaube, ich habe mich anschließend ordenlichst betrunken und mit der Frau gezankt. Irgendwer muß ja schuld sein. Vorschlag: Sammel doch sowas wie: Mein schönstes oder schlimmstes Ulleerlebnis. (Christian Lugerth)

Prima Idee. Wer macht mit?

Baumhausbeichte - Novelle