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Sport-Stammtisch (vom 11. Februar)

Nein, nichts mehr zu Jan Ullrich. Abgehakt. Gestern mit »Der letzte Fan« gesagt, was noch zu sagen war. Alles weitere ist jetzt nur noch zum in die Haare schmieren. Außerdem: Die sportlich entscheidend wichtigen Themen der Woche heißen nicht Contador oder Ullrich, sondern Gladbach und Schweinsteiger.
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In Berlin kamen Dummheit eines Herthaners, Unsportlichkeit eines Gladbachers und Fehlbarkeit eines Unparteiischen zusammen. Mit meiner »Video-Hilfe für den Schiedsrichter« (erste urkundliche Erwähnung in dieser Kolumne vor genau 30 Jahren) wäre das nicht passiert. Aber auch diese alte gw-Marotte ist abgehakt, zusammen mit der »Ulle«-Affenliebe. Ab in den Orkus.
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Bastian Schweinsteigers Verletzung ging zwischen den Doping-Urteilen fast unter, obwohl sportlich folgenreicher. Der ehemals »Schweini« genannte »Poldi«-Kumpel hat sich enorm entwickelt, ist die einzige echte Schalt- und Kampfzentrale der Bayern und für deren Spiel wichtiger als die Robbens und Riberys. Ob und wie er in der momentan für den FC Bayern besonders heiklen Bundesliga-Phase und zunächst auch in der Champions League ersetzt werden kann, gehört zu den spannendsten sportlichen Fragen der nächsten Wochen.
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»Spannend«? Sorry, eine inflationär gebrauchte Floskel. »Wir denken nur von Spiel zu Spiel« – auch so eine? Die Standard-Antwort auf die Titel-Frage treibt Interviewer hurtiger auf die Palme, als jeder Affe sie erklimmen kann. Aber nicht die Antwort ist die Floskel, sondern die Frage eine affige. Natürlich sollte jeder Fußballer nur von Spiel zu Spiel denken, natürlich sollte jeder Dortmunder, Münchner, Schalker und auch Gladbacher Spieler Meister werden wollen, aber das wird am ehesten der Klub, bei dem von Spiel zu Spiel und nicht nur an die Schale gedacht wird.
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Zu wenig nachgedacht hatte ich am Schluss der »Nachdruck«-Folge vom Donnerstag (»Eine Verkettung rein deutscher Umstände«) über den Hochstapler, der sich als DDR-Altinternationaler Konrad Weise ausgab und uns damit die größte Peinlichkeit unserer Sportredaktionsgeschichte bescherte. Der echte Konrad Weise feierte 2011 nicht seinen 80., sondern erst seinen 60. Geburtstag, was hiermit zerknirscht korrigiert wird. Ein ehemaliger DDR-Bürger hat mich für den Schreibfehler streng gerüffelt. Hoffentlich urteilt er heute nicht noch strenger, wenn er die DDR-Passagen in der »Nach-Lese«-Kolumne (siehe Kulturseite) liest.
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Der Hochstapler, der sich Harry Pfeil nannte, bot uns später noch einmal spektakuläre Enthüllungen über Betrug im DDR-Fußball an. Aber schon der erste Satz weckte mein tiefstes Misstrauen: »Diese Geschichte beruht auf Wahrheit.«
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Hundert Jahre bevor »Harry Pfeil« uns zu Fall brachte, wurde ein späterer US-Präsident zu Fall gebracht. Er verletzte sich am Knie, als er in einem Footballspiel versuchte, einen – ebenfalls erst späteren – Olympiasieger zu stoppen. Den (und nicht den US-Präsidenten) suchen wir in der Februar-Runde von »Wer bin ich?«, die hiermit wie angekündigt unvermittelt und in einer »normalen« Kolumne versteckt eingeläutet wird. Drei Punkte für jeden, der jetzt schon errät, um wen es sich handelt! Nach dem nächsten Hinweis gibt es nur noch zwei, nach dem dritten und letzten nur noch einen Punkt zu gewinnen.
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Noch einmal zum »Nachdruck«. Als Guttenberg als Plagiator entlarvt wurde, wollte ich allzu selbstgerechten Journalisten einen Spiegel vorhalten und beweisen, dass zum Beispiel auch ein sehr angesehenes und für seine Recherchegenauigkeit gerühmtes Nachrichtenmagazin abgeschrieben hat. Von mir! Ich konnte mich nur nicht mehr exakt an die Sache erinnern und fand sie auch im Archiv nicht mehr, zumal mir ein griffiges Suchwort fehlte. Aber jetzt, in dieser Woche, beim Durchforsten alter Zeitungsbände in Sachen »Konrad Weise«, stieß ich wieder darauf. Mein Unterbewusstsein hatte die Sache wohl unter »Vergessen« eingeordnet, denn sie ist nicht nur für das Nachrichtenmagazin kein Ruhmesblatt . . .
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Denn: Als ich aus exklusiver und zuverlässiger Quelle erfuhr, dass ein Leichtathlet die Dopingkontrollen ad absurdum führte, indem er die schriftliche Aufforderung, zum Test zu kommen (so ging das damals) ebenfalls schriftlich ablehnte, schrieb ich am 15. August 1990 in einer »Anstoß«-Kolumne: »Höflich, aber bestimmt antwortete der Sportler, er habe keine Zeit.« Dreimal habe er auf diese Art Dopingtests vermieden, schrieb ich noch, obwohl ich die genaue Zahl gar nicht wusste. Am 27. August 1990 berichtete dann auch das Nachrichtenmagazin von drei schriftlichen Weigerungen. Hatte ich per Zufall die richtige Zahl getroffen, die kritisch-investigative Journalisten penibelst genau recherchiert hatten? Möglich. Aber der nächste Satz des Magazins bewies nur noch Guttenberg-Qualitäten: »Höflich, aber bestimmt erwiderte der Athlet, er habe keine Zeit.« Aus »antwortete« und »Sportler« wurde »erwiderte« und »Athlet«, der Rest blieb unverändert.
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Nun ja, werden Sie vielleicht sagen, auch das könnte durchaus Zufall gewesen sein und der Plagiats-Vorwurf nur eine fixe Idee eines Provinzjournalisten mit Minderwertigkeitskomplex. Nein, der Beweis, dass das Nachrichtenmagazin von mir abgeschrieben hat, ist ebenso zwingend wie für beide Seiten peinlich, denn sowohl die Form (»höflich, aber bestimmt«) als auch den Grund (»habe keine Zeit«) der Ablehnung . . . hatte ich mir einfach nur ausgedacht.
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Dennoch glaube ich, dass eine meiner journalistischen Eigenheiten durchaus nachahmenswert ist: Ich habe nie eine Hand frei – die eine schreibt, die andere fasst sich an die eigene Nase.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle