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Nach-Lese vom 11. Februar: Lana und das Lustgruseln

November, sehr früher Sonntagmorgen, nass, ungemütlich, dunkel. Auf der Fahrt in die Redaktion HR1 gehört. Von einer außergewöhnlichen, einer hypnotischen Stimme beeindruckt. Auf dem Display tauchen Titel des Liedes und Name der Sängerin auf. Noch nie gehört.
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Stimme und Lied wollen nicht aus dem Kopf. Auf Wikipedia nachgeschaut: Video Games von Lana Del Rey. Bei Youtube reingeklickt. Seltsam zusammengepuzzelte, offenbar recht alte Bilder. Sechziger Jahre oder so. Die Sängerin aber mit hochmodernen Schlauchlippen. Alte Bilder hin, neue Lippen her: Tolles Lied, tolle Stimme. Die magische Wirkung bleibt.
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Die Platte kommt dann erst Ende Januar auf den Markt. Die Popkultur-Rezensenten laufen zur Hochform auf. Ein Wutausbruch nicht nur in der Frankfurter Allgemeinen. Viel Häme in den Feuilletons. Weil’s das nächste große Retro-Ding (FAZ) ist und ein kühl kalkulierter Marketing-Coup. Auch am Lied wird rumgemäkelt, auch an der Sängerin, ihrem Aussehen, ihrem Outfit. Die Kultur-Medien sind sich einig wie nur beim neuen Dietl-Film.
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Wie würde das Lied wirken, wenn ich es erst jetzt zum ersten Mal hörte? Wenn es für mich, im Sinne des Titels dieser Kolumne, eine Nach-Höre wäre, mit all den klugen Bosheiten der Branche im Kopf?
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Szenenwechsel. In diesen kalten Tagen fährt der Fitness-Freak im Keller Rad, auf dem Heimtrainer, und schaut sich beim Strampeln den Stones-Film Shine a Light von Scorsese an. Wieder mal abgestoßen vom Bühnengehabe des Mick Jagger. Keith Richards geht’s wohl ähnlich. Unnachahmlich: Charlie Watts trommelt gelassen vor sich hin, leicht gelangweilt sieht er zu, wie die Buben vor ihm rumturnen. Tags zuvor auf dem Heimtrainer Watts’ Trommel-Kollegen Ringo Starr gesehen und gehört. Live at the Greek Theatre. Mit alten Kämpen wie Edgar Winter (bei dem Albino stört immer nur der Gedanke, dass er Scientologe sein soll).
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Nicht abschweifen. Nach Rolling Stones und dem Lieblings-Beatle bleibt als einzige ungehörte DVD Ostrock in Klassik live übrig: Berliner Konzert 2007. DDR-Nostalgie pur. Am nächsten Heimtrainer-Tag in Ermangelung »richtiger« Musik in den DVD-Spieler geschoben, mit überheblich-arroganter altbundesrepublikanischer Erwartungshaltung.
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Und dann wärmt es im eiskalten Keller selbst dem noch kälteren Wessiknochen das Herz. Er kannte die Ostzone, SBZ und Gänsefüßchen-DDR ja nur durch die Grenzkontrollen in Helmstedt und Dreilinden, vom Transit-Zug und beim Lustgrusel-Tagesbesuch in Ostberlin. Die Diktatur des Spießerproletariats, in dem die Blockwart-Mentalität ihre sadistischen Triumphe feierte, die Schikanen der Grenzwächter, die allgegenwärtigen Mini-Apparatschiks, die martialischen Wachwechsel in Ostberlin, die Geducktheit der Machtlosen, der graue Geruch des armseligen deutschen Realsozialismus, das alles schmetterte den Bundesdeutschen nieder, der, auf der Rückfahrt, endlich auf »deutschem« Boden, vor Erleichterung, diesem grauen Grauen entkommen zu sein, im Auto vor Freude laut schrie und das nächste beste bundesdeutsche Polizeiauto übermütig anhupte und winkend grüßte.
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Aber wer dort lebte, leben musste, geduckt oder gefährdet ungeduckt, für den war es trotz allem auch Heimat, Jugend, Liebe, Leben. Ihm das in herzloser Arroganz zu nehmen, indem man zusammen mit dem verachteten System auch den einzelnen Menschen wenn nicht verachtete, dann doch geringschätzte und von ihm erwartete, nicht nur den Staat, seine Schergen und die vielen Mittäter zu verdammen, sondern sich und uns auch das eigene Leben als ein schlecht gelebtes und minderwertiges einzugestehen, das baute neue Mauern auf, die immer noch stehen und hinter denen, vielleicht nur aus Trotz und dem Widerspruchsgeist der Nichtakzeptierten, manches gedeiht, was uns heute Sorgen bereitet.
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Wenn die Kamera über die Gesichter der selig mitsingenden Zuschauer fährt, spürt der Heimtrainierende einen Kloß im Hals und schämt sich für manches, was er als Kolumnist geschrieben hat, System und Mensch nicht trennend. Und die Musik: ganz groß. Vieles jedenfalls. Karat, natürlich mit den Sieben Brücken, aber auch mit dem Blauen Planeten, die Puhdys mit dem mitreißenden Alt wie ein Baum, oder ein Solist, dessen Namen nicht einmal gekannt zu haben weitere Scham bereitet: Dirk Michaelis. Als ich fortging und sein a capella gesungenes Wie ein Fischlein unterm Eis sind große späte Entdeckungen des ignoranten Wessis. Wie würden diese Lieder wirken, wenn er sie schon damals gehört hätte, vorurteilsfrei und unbeeinflusst wie jetzt die Video Games von Lana Del Rey?
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Vorurteile machen arrogant und unbeliebt. Jetzt scheinen wir ähnlich wenig Fingerspitzengefühl zu entwickeln. An unserem Wesen werden sie nicht genesen (wollen). Sie müssen selbst genesen, als Volk das Gefühl haben, die Wende zum Besseren aus eigener Kraft anzugehen und schaffen zu können, mit zurückhaltender und nicht auftrumpfender Hilfe ihrer Freunde. Die können und sollen aber unnachgiebig bleiben, was die alten Großabzocker betrifft und deren System, das in den Staatsbankrott führt.
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Führt? Wieso Gegenwart? Die DDR ist doch Vergangenheit! Ja, zum Glück. Aber was ist mit Griechenland? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle