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Anstoß extra: Der letzte Fan (vom 10. Februar)

Jan Ullrich hat einen seiner größten und letzten Fans verloren. Nein, nicht wegen des Doping-Urteils. Dieses überrascht nicht, ist sportlich belanglos und nur noch ein sehr später Treppenwitz der Sportgeschichte. Überraschend war das andere Doping-Urteil der Woche, das Contador schuldig sprach, obwohl zuvor andere Sportler in zwei nach den urteilsrelevanten Fakten identischen Fällen (deutscher Tischtennisspieler, südamerikanische Fußballer) freigesprochen worden waren. Das Contador-Urteil ist daher formaljuristisch vermutlich falsch, trifft aber sicher keinen Falschen. Allerdings: Zwar zweifelt der Kundige kaum daran, dass die freigesprochenen Fußballer und der Tischtennisspieler unschuldige Opfer clenbuterolverseuchten Fleisches waren. Auch nicht daran, dass Contador ein Blutmanipulations-Betriebsunfall unterlaufen ist (mit Clenbuterol als Altlast im später wiederverwerteten Blut). Doch die unbewiesene Vermutung zur Urteilsgrundlage zu machen, grenzt an Willkür. Aber noch einmal: Es hat wohl einen Richtigen getroffen, was immerhin mehr Sinn macht, als den Falschen immer wieder davonkommen zu lassen. Aber Armstrong ist heute nicht unser Thema.
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Sondern Jan Ullrich. »Ich habe nie einen Konkurrenten betrogen«, dieses bei vielen umstrittene Mantra bedeutete für den Radsport-Freund die reine, lautere sportliche Wahrheit. Der Fan interpretierte den Satz stilistisch als Ellipse, als Satzverkürzung also, die einen komplexeren Sachverhalt auf den Punkt bringt. Die Langform: Natürlich habe ich gedopt, aber nur wie alle anderen auch, daher habe ich auch keinen Konkurrenten betrogen. Schön ist es nicht, was wir getan haben, aber es verdeutlicht die Zerrissenheit der Sportler meiner Zeit, ehrlich sein zu wollen, aber lügen zu müssen, um siegen zu können.
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Leider muss der naive Fan nun vermuten, dass der Satz »Ich habe nicht betrogen« keine Ellipse der Ehrlichkeit ist, sondern eine winkeladvokatische Wendung und Windung.
Noch einmal: Nicht wegen des Urteils. Sondern weil ausgerechnet Ullrich tags zuvor als neuer Werbepartner des Haarwuchsmittels Alpecin auftrat, das jahrelang mit dem dümmlich augenzwinkernden Slogan »Doping für die Haare« warb. So viel Zynismus – oder ist’s nur unfassbare Dummheit? – kann auch ein ansonsten gerne mal zynischer Kolumnist nicht tolerieren
Jan Ullrich hat einen seiner größten und letzten Fans verloren.
Mich. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle