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“Nachdruck” (vom 9. Februar): Eine Verkettung rein deutscher Umstände

Mit »Nachdruck« gehen wir auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten, die Irrungen und Wirrungen dieser Jahre in Erinnerung rufen, auch eigene. Heute erinnern wir an die größte, peinlichste und bundesweit aufsehenerregendste aller eigenen Irrungen …
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Stolz auf die eigene Zeitung, aber auch ein wenig neidisch, kam ich nach ein paar freien Tagen in die Redaktion und gratulierte den Kollegen. Ihnen war ein Coup gelungen, von dem jeder Journalist träumt. Vierspaltig fette Schlagzeile am 21. Januar 1988: »Wieder ein hochkarätiger DDR-Internationaler geflüchtet« . . . und wir hatten die Geschichte exklusiv! Sensationell. Konrad Weise, eine Fußball-Ikone der DDR, war über Spanien nach Mittelhessen geflüchtet, direkt in unsere Arme. Ätsch, Bild-Zeitung! Aber merkwürdig, der zuständige Kollege, schon von Natur aus sehr zurückhaltend, verkroch sich fast in seinen Schreibtisch, deutete, hilflos achselzuckend, auf eine Agenturmeldung vom Tage: »DDR-Medien dementieren Flucht von Konrad Weise.« Au weia. In den folgenden Tagen ging es drunter und drüber. Wir blieben – wer glaubt schon der DDR! – zunächst bei unserer Supermeldung, bis sie sich schließlich endgültig als gigantische »Ente« erwies. Der Kollege, völlig verzweifelt, verfiel in Schockstarre, und ich versuchte, das Verwirrspiel zu entwirren. Überschrift: »Eine Verkettung rein deutscher Umstände.«
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Beim deutschen Konsulat in Cagliari auf Sardinien meldet sich ein Mann mit sächsischem Zungenschlag. Er sei Konrad Weise, ehemaliger Fußball-Nationalspieler der DDR, Mitglied des Trainerstabes, und er habe ein Trainingslager auf Gran Canaria zur Flucht genutzt. Auf Grund dieser Behauptung erhält der Mann eine vorläufige Identitätsbescheinigung des Konsulats und ein Darlehen, um vorerst über die Runden und in die Bundesrepublik zu kommen. Ein übliches Vorgehen. Der neue Bundesbürger Konrad Weise kann mit gültigen Papieren und komfortablem Taschengeld in die Bundesrepublik einreisen. Ausstaffiert mit den Cagliari-Dokumenten, findet er sich im zentralen Aufnahmelager in Gießen ein und bekommt die vorläufige Identitätsbescheinigung dieser Behörde. Mittlerweile doppelt nachweisbar identifiziert und legitimiert, stellt Konrad Weise den Antrag auf Ausstellung eines vorläufigen Bundespersonalausweises. Dies geschieht bei der Gemeinde Hüttenberg, in der er vorerst Unterkunft gefunden hat. Die Gemeinde gibt den Bundespersonalausweis aus, ausgestellt mit den Daten, die der Mann mit dem sächsischen Zungenschlag in Cagliari angegeben hatte. Nun meldet sich »Konrad Weise, ehemaliger Fußball-Nationalspieler der DDR und jetzt Mitglied des Trainerstabes«, telefonisch bei unserer Sportredaktion. Warum? Wieso? Er will kein Geld, stellt keine Forderungen. Die Affäre kommt ins Rollen. Aus Konrad Weise scheint ein ehemaliger DDR-Agent namens Harry Pfeil zu werden, der schon vor zehn Jahren vom Nachrichtenmagazin »Spiegel« (5/77) auf sechs Seiten (!) die Gelegenheit erhielt, eine unsägliche Homo-Sex-Räuber-Agentenpistole herbeizufabulieren, die ohne die bewusstseinsspaltenden deutsch-deutschen Gegebenheiten nicht erschienen wäre. 
 (1. Februar 1988)
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So weit, so schlecht, so peinlich. Aber es kam noch ein Nachschlag: Der Hochstapler meldete sich ein paar Monate später wieder. Er entschuldigte sich, er habe es nicht böse gemeint, und zur Wiedergutmachung wolle er uns brisante Geheimpapiere schenken. Der Kollege lehnte in panischem Schrecken jegliche neuerliche Kontaktaufnahme ab. Ich dagegen war neugierig und traf mich mit »Harry Pfeil« in einem leicht heruntergekommenen Gießener Bahnhofshotel. Das Geschenk erwies sich als handgeschriebenes Protokoll einer Sitzung des DDR-Fußballklubs Motor Plauen, in der die Forderung der SED-Bezirksleitung diskutiert wurde, »das Punktspiel gegen den FC K. M. Stadt so zu bestreiten, dass das Leistungsziel des Bezirkes K. M. Stadt, Aufstieg seines Leistungszentrums in die Fußballoberliga, nicht infrage gestellt wird.« Die Plauener gewannen dennoch mit 1:0. In der Nacht nach dem Spiel verunglückte der Trainer der Siegermannschaft tödlich. Behauptete Harry Pfeil.
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Handschriftliche Aufzeichnungen eines Hochstaplers – mit spitzen Fingern weg damit. Zusammen mit einem zweiten Geschenk von »Harry Pfeil«: autobiographischen Notizen. Auszüge: »Sept. 77: Zürich, Verurteilung wegen Betrugs / Dez. 79: Frankreich, Schießerei, Möbeldiebstahl, 18 Monate Urteil in Abwesenheit / Mai 82: Trainer bei Spvgg. Starnberg, gefeuert wegen Verhältnis mit einem Spieler / Sept. 83: Flucht nach Griechenland / Verhaftung in Ahaus, Geld gestohlen, Absetzen nach Italien / Auto geklaut, Co-Trainer bei Admira Wacker, einige Scheckbetrüge, Identitätswechsel Haare etc« und schließlich: »17. 1. 88: Flug Cagliari – Rom – Frankfurt. Notaufnahmelager.« – Und dann kamen wir ins Spiel . . .
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Nachtrag 2012: Einige der Angaben in »Harry Pfeils« Notizen erwiesen sich sogar als nachprüfbar wahr. Wo der seltsame Hochstapler heute abgeblieben ist, wissen wir nicht. Der echte Konrad Weise aber feierte am 17. August 2011 seinen 80. Geburtstag, auf dem Boden der ehemaligen DDR, den er als Fußballer und als Trainer (u.a. der jungen Talente Bernd Schneider und Robert Enke) nie verlassen hat. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle