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Die Eintracht-Abhängigkeit und unsere Selbsthilfegruppe

Liebes Eintracht-Tagebuch, auch wenn ich lange überlegt habe, ob ich es Dir erzählen soll, habe ich mich entschlossen, es jetzt doch zu tun. Was mich allerdings eine gewisse Überwindung kostet, denn wer gibt schon gerne zu, dass er zu den »Anonymen« geht. Du weißt, was ich meine. Gruppen wie die »Anonymen Alkoholiker«, die »Anonymen LSDler« oder die »Anonymen Spielsüchtigen«. Wobei ich glaube, dass es sich in unserem Fall um eine deutlich kompliziertere Sucht handelt, weil wir, im Gegensatz zum Beispiel zur Alkoholsucht, ständig mit neuen unkalkulierbaren Faktoren zu tun haben. Was bedeutet, dass es nichts nutzt, einen stringenten gemeinsamen Therapieplan einzuhalten.
Ach so, bevor ich es vergesse … »wir«, das sind die »Anonymen Eintracht-Abhängigen«! Gegründet haben wir unsere Gruppe in den letzten Wochen der vergangenen Saison. Unmittelbar nach diesem Spiel gegen Köln, bei dem nicht nur quasi der Abstieg besiegelt wurde, sondern es auch noch zu diesen extrem unappetitlichen Ausschreitungen kam. Seit dieser Zeit treffen wir uns mindestens einmal die Woche in einem Hinterzimmer des Eintracht-Museums, um dort unsere Suchtproblematik zu besprechen. Was mitunter viele Stunden dauert!
Zum Glück haben wir einen klasse Therapeuten, der es echt immer wieder versteht, uns ein gutes Gefühl und Vertrauen zu vermitteln. Und uns immer und immer wieder versichert, dass es weltweit Millionen ähnlicher Fälle gibt, bei denen Menschen, ungeachtet von Herkunft, Hautfarbe und Religion, ein tiefes Abhängigkeitssymptom zu einem bestimmten Fußballverein entwickelt haben. Was uns natürlich tröstet.
Trotzdem, wie gesagt, denke ich, dass wir in unserer Gruppe es besonders schwer haben, »clean« zu werden. Denn nichts ist komplizierter, als abhängig von einem Verein zu sein, der einen seit Jahrzehnten, und immer wieder aufs Neue, durch Höhen und Tiefen hetzt! Der uns manchmal mit echt miesem, und dann wieder mit richtig gutem Stoff versorgt. Wie sollen wir uns denn aus diesem Zustand befreien, wenn wir ständig mit neuen Zuständen und Nachrichten konfrontiert werden, die das eigentlich so notwendige »Loslassen« regelrecht verhindern?
Nimm zum Beispiel mal die letzte Saison nach Beendigung der Hinrunde. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich das erste Mal, dass ich viel zu viel Zeit und viel zu viele Gedanken an die Eintracht verschwendete. Während mir zum Beispiel ein Freund etwas Wichtiges, Vertrauliches erzählte, schweiften meine Gedanken, statt zuzuhören, um die aktuelle Bundesliga-Tabelle und den wunderbaren siebten Platz, auf dem mein Verein da stand!
Und darum, wie viele Spiele der Eintracht in der Europaleague ich wohl live sehen könnte. Ja, ich lernte sogar sämtliche Heimspieldaten der Rückrunde auswendig, während ich die Geburtstage meiner Kinder vergaß! Also versuchte ich bereits da, Abstand zu gewinnen, um wieder in ein normales Leben zurückzukehren. Aber so sehr ich mich auch bemühte, an andere Dinge zu denken … es ging nicht.
Hatte ich morgens noch den Sportteil der Zeitung aus Selbstschutz beiseite gelegt, sprang ich mitten in der Nacht aus dem Bett, um ihn doch noch zu lesen. Ging ich ins Theater oder Kino, um mich einfach mal neu inspirieren zu lassen, saß ich spätestens ein paar Minuten nach dem Nachhausekommen am Computer, um auf der Eintracht-Homepage zu erfahren, wer von den Spielern gerade Schnupfen oder Blähungen hatte.
Und als wäre so eine Sucht nicht schon schlimm genug, fing die Eintracht plötzlich an, Spiel für Spiel zu verlieren. Was mir eine Entziehungskur komplett unmöglich machte, da mich meine Sorge um diesen Verein emotional noch näher an ihn drückte als vorher. Gottseidank bekam ich dann in dieser schwierigen Zeit den Tipp, dass sich eben jene Therapiegruppe gegründet hatte.
Ich will jetzt nicht akribisch aufzählen, was wir dort schon so alles besprochen, veranstaltet und aufgearbeitet haben. Aber glaube mir, liebes Tagebuch, unser Coach, wie er sich selbst nennt, weiß, was er macht. So hat er zum Beispiel für die »Rostock-Traumatisierten« unter uns einfach per Computertechnik in den damaligen »Sportschau«-Bericht vom Hansaspiel nachträglich noch einen Eintracht-Treffer reinanimiert, sodass jetzt alle glauben, wir wären 1992 doch Meister geworden! Aber natürlich arbeiten wir vor allem an aktuellen Dingen, die uns Eintracht-Abhängige besonders beschäftigen. Vor dem Rückrundenstart gegen Braunschweig, vor dem ja alle irgendwie ein ungutes Gefühl hatten, hat er uns zum Beispiel noch mal das Hinspiel anschauen lassen und uns so daran erinnert, dass die Mannschaft in der Hinrunde ja auch oftmals ausgesprochen gut gespielt hatte. Was sofort Zuversicht auslöste, die sich ja dann auch kurz drauf als begründet erwies.
Besonders gut hat mir das Aufarbeiten des geplatzten Helmes-Transfers gefallen. Zuerst hat er uns Bilder und Fotos von großen Diktatoren und Unterdrückern gezeigt, angefangen bei Dschingis Khan über Nero bis hin zu Idi Amin. Verbunden mit dem Hinweis, dass all diese Fieslinge irgendwann ihre gerechte Strafe bekommen haben! Dann stellte er mitten in unseren Kreis einen Pappaufsteller von Felix Magath, was für uns Betroffene erst einmal hart war. Aber nur so lange, bis er uns aufforderte, diesen Pappkameraden zuerst mit grüner Soße zu überschütten, um ihn dann mit kleinen Handkässtückchen zu bewerfen … ein altes hessisches Ritual, aus dem übrigens später das Teeren und Federn abgeleitet wurde! Und als wäre das nicht schon schön genug, durften wir dazu lauthals hundert Mal »Magath, du kannst uns mal!« rufen!
Liebes Tagebuch, Du glaubst gar nicht, wie gut das getan hat! Danach war der ganze Ärger über das Thema wie weggeblasen! Natürlich haben wir ihn auch gefragt, ob wir vor dem schweren Spiel in Düsseldorf irgendwas machen sollen. Aber da hat er nur den Kopf geschüttelt, um uns dann lächelnd zu sagen, dass sein Gefühl ihm sage, dass wir uns diesbezüglich keine zusätzlichen Sorgen machen müssten, weil die Eintracht das Topspiel dort gewinnen würde.
Was natürlich schön wäre. Uns in Sachen »Abhängigkeit« allerdings nicht wirklich weiterbringen dürfte …! In diesem Sinne.  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle