Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Mailbox

Ich möchte  noch mal einen Denkanstoß für Ihre Kolumne liefern. Ich bin ein großer Fan besonders der Ballsportarten, habe natürlich auch die Handball-EM genau verfolgt (interessant übrigens, wie die Einschätzung der dänischen und der deutschen Mannschaft innerhalb von wenigen Tagen gewechselt hatte…), und wie jedes Mal wundere ich mich über den Modus mit dem Direktvergleich. Diese EM ist zwar vorbei und wahrscheinlich mach nur ich mir hierzu solche Gedanken, aber im Hinblick auf »DIE« EM im Sommer, die meines Wissens bei Punktgleichheit ebenso verfährt, folgende Gedanken:
Den Direktvergleich bei Punktgleichheit halte ich für höchst ungerecht, gerade bei wenigen Teams. Man muss dann gleich zwei Spiele mehr als der Gegner gewinnen, und das bei nur wenigen Spielen insgesamt. Dies war mir schon in den 90er-Jahren in der sog. »Medenrunde« beim Tennis aufgefallen, und dort wurde der Direktvergleich bald abgeschafft. Bei der Eishockey-WM gibt es ihn m. E. auch noch.
Grund für die Ungerechtigkeit: Eine Niederlage im Direktvergleich, gerade bei nur 4 Teams in der Gruppe wiegt so schwer, dass er kaum aufzuholen ist. Beispiel: Deutschland verlor das erste Spiel gegen Tschechien. Dies konnte nur aufgeholt werden, indem BEIDE verbleibenden Spiele gewonnen (bzw. für Tschechien verloren) wurden, remis und Dreierpunktgleichheiten mal außen vor gelassen. Mit dem 2. Spiel (Sieg gegen Mazedonien) wurden »wir« punktgleich mit Tschechien, das hätte wegen des verloreren Direktvergleichs aber immer noch nicht gereicht.
Grotesk auch: Nachdem Deutschland gegen Schweden gewonnen hatte, drückte man Mazedonien gegen Tschechien die Daumen, um mit 4:0 Punkten in die Zwischenrunde zu starten. Bei einer Niederlage gegen Schweden hätte man zu Tschechien halten müssen, um überhaupt weiterzukommen, mit 0:4 Punkten dann allerdings. Wie Dänemark zeigt, nicht immer zum Nachteil…
Unabhängig vom Ausscheiden der Deutschen: Auch die Entscheidung in der deutschen Gruppe führte zu einer Rechenschieberentscheidung mit Mazedonien und Polen (Ok, wär mit Tordifferenz auch nicht anders gewesen). Im Direktvergleich ging es um ein Tor, das MAZ mehr gegen Polen geworfen hatte, als sie gegen Deutschland verloren hatten. Und wenn das z. B. fällt, weil der Gegner gegen Ende den Torwart runter nimmt? Das schädigt dann evtl. noch einen Dritten…
Aber zum Direktvergleich: Hätte Polen nicht nach 9:20 noch remis gegen Schweden gespielt, wären »wir« nur mit MAZ punktgleich gewesen, wären Dritter und hätten um Platz 5 und »Olympia« gespielt. Hätte Dänemark nicht in der Schlusssekunde gegen MAZ gewonnen, wär die Konstellation wieder total anders gewesen, mit zwei oder drei anderen punktgleichen Teams, das sind m. E. Zufallsentscheidungen, so dass man auch gleich würfeln könnte. Zumal die meisten Spiele sehr sehr eng waren.
Die Konfusion komplett machte aber der Quali-Modus für London. Man war auch noch abhängig vom Abschneiden der Teams der anderen Gruppe, konkret Slowenien. Die waren auf einmal noch Dritter, weil nur mit Ungarn punktgleich, und klar, dem gewonnenen Direktvergleich bei 4:6 Punkten. Auch hier: Island und Frankreich lagen mit 3:7 dahinter und spielten Remis gegeneinander; wenn einer gewonnen hätte, wär er mit 4:6 dazugekommen, und alles wäre wieder ganz anders gewesen, und Deutschland hätte als 7. noch ne Chance gehabt (nur beim Sieg Serbiens im Finale).
Ihnen raucht der Kopf? Ich kann mich in so was reinsteigern, und zerbreche mir gerne den Kopf, was wäre wenn, und brauch dazu keine Medien, die den Zuschauer aufklären, »Deutschland kommt weiter, wenn…«. Zumal die (Medien) auch nur mit Wasser kochen und manchmal irren…
Nur am Rande: Für einen Mathematiker ist das ein schöner Zeitvertreib, hab übrigens mit Jörg Reitze studiert, der im Anstoß ja recht bekannt ist. Ziegenproblem? Alter Hut, sonnenklar…;-)
Zurück zum Sport: Toll übrigens auch, wie verwundert immer alle sind, dass vor dem letzten Spiel noch so viel möglich ist, und alle noch weiterkommen können (man wird es bei der Fußball-EM wieder sehen): Das ist bei nur vier Teams völlig normal, besonders natürlich bei Direktvergleichen bei Punktgleichheit. Man kann (im Fußball/Dreipunktregel/Vierergruppe) mit 3 Punkten Gruppensieger wie auch -letzter werden (alle Spiele remis), mit 2 Punkten als Zweiter weiterkommen (Punkteverteilung 9/2/2/2), mit 6 Punkten als Dritter ausscheiden (6/6/6/0), Gijon 1982 lässt grüßen (damals dreimal 4:2, Chile 0:6 Punkte).
Die Fußball-Bundesliga geht garantiert nicht so knapp aus, wie es jetzt – gut für die »Medien« steht. Es sind noch 15 Spiele.. (Michael Trendel/Staufenberg)

Stimmt, mir raucht  der Kopf. Bei der Fußball-EM werde ich sicher noch darauf zurückkommen, in meinem Zettelkasten liegt auch schon lange das Sichwort »Vierergruppe«, in dunkler Erinnerung habe ich, sogar schon mal etwas dazu geschrieben zu haben: So in etwa: Dass bei den wenigen Spielen am Schluss unsportliche Entscheidungen gefällt werden könnten, mir fällt dazu das Wort Koeffizient ein.
Und die flugs wechselnden »Analysen« zu Deutschland und Dänemark haben mir natürlich auch sehr gut gefallen .

Baumhausbeichte - Novelle