Archiv für Februar 2012

Sonntag, 26. Februar, 6.30 Uhr.

Von Bob Marley in die Redaktion begleitet. Nicht der „Eichhörnchensheriff“ (I shot the sheriff), aber wie heißt das Lied? „Could you beloved“?  Bei Marley immer auch der Gedanke an Dr.Issels, an Knochenmehl und letzte Mittel in Grenzbereichen. Als Marleys Melanom im Endstadium war, vertraute sich der Star aus der Musikszene einem obskuren Star der buntesten deutschen Frauenblätter an. Eine bizarre Verbindung. In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod. Der andere Weg aber auch. Knochenmehl: Altgediente Leser erinnern sich. Für alle anderen greife ich mal kurz ins Archiv:

Vor Olympia 1976 wurde dem Bundesausschuss Leistungssport (BAL) eine Methode angeboten, mit der man Schwimmern eine bessere Wasserlage verschaffen konnte. Und zwar . . . indem man ihnen Luft in den Darm pumpte. Nie geklärt wurde, warum man die Methode nicht (wirklich nicht?) anwandte. Vielleicht ist aber auch nur das logistische Detonations-Problem der Luftentweichung beim Startsprung nicht zufriedenstellend gelöst worden.  Damals war’s auch, dass mir ein umtriebiger Erfinder ein Knochenmehlpulver (»man kann auch Menschenknochen nehmen«) anbot. Wer täglich ein paar Esslöffel zu sich nehme, spüre einen Doppel-Dopingeffekt, denn das Knochenmehlkonzentrat wirke leistungsfördernder als Anabolika und Amphetamine zusammen. Ein kleiner Nachteil sei allerdings die stark verstopfende Nebenwirkung, aber das nehme ein leistungswilliger Spitzensportler wohl auf sich. Dass damit auch das Detonations-Problem gelöst werden könnte, verriet ich dem BAL nicht. Sonst führten heute noch Luftpumpe und Knochenmehl im Doping-Duo-Ranking vor Epo und Testosteron.  Als ich seinerzeit den Artikel über den Knochenmehlerfinder geschrieben hatte, rief eine ältere Dame an. Sie habe gelesen, dass dieses Konzentrat laut Erfinder nicht nur bei Spitzensportlern, sondern auch bei Bandscheibengeschädigten Wunder wirke. Sie bitte herzlichst um die Adresse des Erfinders. – Letzte Mittel in Grenzbereichen. Wem der Arzt nicht helfen kann, der versucht sein Glück beim Wunderheiler. Wer schneller schwimmen will, lässt sich den Darm aufblasen. Ich fragte die Dame noch, was sie von der Luft-im-Darm-Geschichte halte. »Pfui Teufel«, empörte sie sich, »wie ekelhaft, da hört der Sport doch wirklich auf!« Notwendige Ergänzung: Eine wahre Geschichte, für die ich mich verbürge.

 

So, zurück aus der Vergangenheit: „Wenn’s nach mir ginge, würde Gauck nicht Bundespräsident.“ Der Satz, der den „Sport-Stammtisch“ vom Samstag einleitete, war keine politische Meinungsäußerung, sondern ein selbstironisches Stilmittel, was sich, nach dem scheinbar plumpen Einstieg in die Kolumne schnell herausstellen sollte. Aber welche Meinung habe ich wirklich zu Gauck? Jedenfalls keine, die mir besonders wichtig wäre.  Ein Bundespräsident ist Frühstücksdirektor der Bundesrepublik Deutschland. Ach was!? Bezeichnend, lustig, traurig usw. finde ich nur das Drumherum. Bei Wulff das Aufsteigersyndrom, jetzt auch, wie der Stern seine Frau realsatirisch hochjubelt, es aber todernst meint (ein besonders apartes Zitat folgt in „Ohne weitere Worte“). Bei Gauck, dass SPD und Grüne einen Kandidaten anpreisen,  der von ihnen politisch weit entfernt steht, und dass Merkel ihn zähneknirschend akzeptieren muss, obwohl er ihr politisch sehr nahe steht. Alles Resultat des tagesparteipolitischen Scheuklappenkampfes.

Mein Schliwwer im Finger beschäftigt mich mehr. Sehr spät im Leben erst realisiert, dass Schliwwer kein richtiges deutsches Wort ist, sondern eine Verballhornung von „Splitter“. Meiner eitert jetzt langsam raus.

Morgen im Fernsehen: Verfilmung des ersten Krimis von „unserem“ Matthias Altenburg/Jan Seghers. Da befangen und solidarisch zugleich, nie etwas zur „Braut im Schnee“ geschrieben.

Schon gleich sieben. Eine halbe Stunde am Blog geschrieben. Folgt die übliche Sonntags-Routine, zackzack, um dann ein Privileg des Berufs genießen zu können: Drei Spiele live am Stück, eins interessanter als das andere. Erst die Eintracht (psst, nicht verraten: nur die zweite Halbzeit, das reicht), dann die Bayern (Probe aufs Exempel der Selbstironie vom Samstag), zum Schluss ein Genuss-Spiel (hoffentlich) mit dem Lieblingsduo Kagawa/Lewandowski und deren tollen Team gegen die Stadt, die wenigstens einen Fußballverein hat,  auf den sie in diesen Tagen zu Recht stolz sein kann.

Veröffentlicht von gw am 26. Februar 2012 .
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Freitag, 24. Februar, 11.45 Uhr.

Früh angefangen, früh fertig mit der Kolumne. Steht schon online (mit einem Findling aus dem Steinesbruch-Blog vom Mittwoch).  Erste Befürchtung: Hoffentlich korrigiert im Laufe des Tages kein guter Geist das „vorraussichtlich“. Zweite: Hoffentlich hat  mir noch niemand den Taxi-Gag vorweggenommen (Harald Schmidt kann ich nicht mehr gucken, im Altersheim wird der Fernseher um zehn ausgeschaltet; daher übrigens auch kein Sport-Studio mehr). Dritte: Hoffentlich dringt bei allen Lesern die „Vorurteil“-Selbstironie durch, sonst wär’s sehr peinlich. Oder irreführend (Harald Sch./Sport-Studio; Nichtgucken hat andere Gründe).

Gestern erstmals seit vielen Wochen die (kleine) Runde gefahren. Sehr mühsam. Durch aufgeweichten Boden gepflügt, ist fast so anstrengend wie das Radfahren am dänischen Nordseestrand. Die zarte Liebste fährt da ihrem Zwei-Zentner-Mann leicht und locker voraus. 

Zuvor beim Radfahren im Keller doch wieder mit „Breaking Bad“ angefangen bzw. weitergemacht. Zweite Staffel. Der Hauptdarsteller hat wichtige Tele-Preise abgeräumt, obwohl er in der Serie vorwiegend ein und denselben Gesichtsausdruck zeigt (Mund dabei sichelförmig geöffnet).  Der Nebendarsteller gefällt mir aber als Schauspieler mindestens ebenso gut. Leider tot ist jetzt der durchgeknallte Drogen-Typ (Tuco oder so). Ein sehr überzeugender gemeingefährlicher Irrer. „Irre“ gut gespielt. Kaum zu glauben, dass er nicht wirklich durchgeknallt ist. Ähnlich gut am Sonntag im Polizeiruf der aggressive Schläger-Proll. Warum gefallen mir die beiden? Weil in mir auch ein Durchgeknallter schlummert?  Oder weil das Gegensätzliche am meisten fasziniert?

Veröffentlicht von gw am 24. Februar 2012 .
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Mittwoch, 22. Februar, 23.20 Uhr.

Sachen gibt’s. Zwei ehemalige Frankfurter Fußballer,  die am Main nicht gerade Wellen geschlagen haben. Ein ehemaliger Dortmunder, der dort Tore schoss,  aber nicht unbedingt eine Granate war. Ein ehemaliger Stuttgarter, der dort ein, nun ja, Stuttgarter war. Das ist schon fast die halbe Baseler Mannschaft. Dazu noch ein paar Noch-Nobodies, ein Breit-wie-hoch-Talent, das den Bayern zehn Millionen wert ist (neun Millionen davon ist er noch „schwach“), und zwei Einwechselspieler, die Lust darauf haben, ein Tor zu schießen – das reicht schon, um den individuell hochhaushoch überlegenen FC Bayern zu schlagen und in eine tiefe Krise zu stürzen? Ja. Weil bei Basel ein Mann im Tor stand, der zwei Bälle sensationell hielt, bei denen, hätte Neuer sie gehalten, die Nation ins Bester-Torhüter-aller-Zeiten-Weltklasse-Reflex-Delirium gefallen wäre? Auch. Weil die Partie nicht nur Basel gegen Bayern hieß, sondern auch Vogel gegen Heynckes, durchdachtes, erkennbares System gegen Na-ja-spielt-Fußball? Fußball als moderner Leistungssport gegen Retro-Nostalgie-Kicksport? Ja. Und in jedem Fall, für alle klar erkennbar: Hier spielte eine Mannschaft von Einzelkönnern höchster Klasse planlos gegen eine Mannschaft von Mannschaftsspielern durchschnittlicher Klasse, die einen Plan hatte. Dennoch, im Rückspiel ist noch alles möglich, denn das geballte Potenzial der Bayern ist einfach zu gut, um gegen nur gute Baseler auszuscheiden. Ach ja, auch das noch: Der erneute Coup, diesem Trainer ist er von Herzen zu gönnen, der physiognomisch und vom Verhalten her ein herrliches Gegenmodell ist für das, was heute angesagt ist. Kein Smartie, auch kein seltsamer, sondern ein seltener, ein toller Vogel.

Veröffentlicht von gw am 23. Februar 2012 .
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Sonntag, 19. Februar, 9.20 Uhr.

Dankeschön allen, die mich mit pointiert und gedankenreich (wie Dr. Hauschild) oder sogar sehr wütend (keine Namen!) gegen ein „differenziertes Lob“ verteidigen. Da dieser Blog aus guten Gründen  keine Kommentarfunktion hat und ich die zu veröffentlichenden Mails selbst auswähle, würde eine Präsentation in der „Mailbox“-Rubrik auch eine Art Selbstlob darstellen, daher lass ich’s. Aber: Dankeschön. Für mich war die Einstufung des Lesers  von „gw“ in regionale Spitzengruppen und die Meinung über den „Seemannsköpper“ übrigens kein Grund zum Ärger. War doch eigentlich recht wohlwollend . . .

Die Vorübungen für die „Montagsthemen“ sind  erledigt, der Themenzettel ist voll, zu voll sogar, von Rehhagel über Wulff zu Heynckes, Khedira und dem Machismo, Magath und Video, Beko-Bundesliga, Goethe, Lagerfeld, Armstrong, Ewald Lienen und das Schweinegeschäft – irgendwas muss ich „wegschießen“ wie Lienen die Kölner Spieler, nur was?  Und wie einsteigen? Flutschen wird’s heute garantiert nicht, dabei drängen noch  aktuelle Nachrichtenarbeiten und das logistische Problem.  Warum also in den Blog monologisieren? Ist ungefähr so wie bei einem Langläufer, der auf der Stelle trippelnd auf den Startschuss wartet. Unterschied: Ich muss mir selbst den Schuss geben. Also den Einstieg im Kopf haben. Trippel, trippel …

Ich hab einen Schuss!

Veröffentlicht von gw am 19. Februar 2012 .
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Sonntag, 19. Februar, 6.30 Uhr.

An jedem Sonntag  das gleiche Problem. Oder ist es dasselbe? Und wird dasselbe in einem oder zwei Wörtern geschrieben? Wenn sich das Hirn die Schlaftrunkenheit aus den Windungen reibt, weiß es das wieder. Hoffentlich. Das Problem ist ein moralisches, und das Sandmännchen im Hirnwindungsgetriebe ist Schuld daran, wenn es an dieser Stelle schon einmal auf den Sonntagsmorgentisch gekommen sein sollte: Die Ampel an der großen Kreuzung vor der Stadt steht auf „Rot“. Kein Mensch, kein Auto weit und breit. Keine Kinder, denen man kein schlechtes Vorbild sein möchte. Fuß auf die Bremse, nein, wieder Gas geben, da „Grün“. Warum wäre ich stehengeblieben? Als Recht und Ordnung  achtender Pedant? Nein, nur weil zu einem verschwindend geringen Prozentsatz die Gefahr droht, auch um diese Zeit geblitzt zu werden. Wenn die Gefahr bei Null stünde, wäre die Ampelfarbe egal. Strafe tut Not. Oder not? Probleme über Probleme.

Das nächste ist ebenfalls ein regelmäßig sonntägliches, kein moralisches, sondern logistisches, tritt aber zum Glück nur einmal im Jahr auf: Wie vermeide ich auf dem Weg in die Mittagspause und zurück die enthemmte Narrenzugsschar? Es beginnt gegen eins im eigenen kleinen Ortsteil, wenn vier,  fünf  Wagen nebst mitmarschierender Helau-Begleitung zum Aufwärmen durch die Dorfstraßen ziehen, um dann hinunter zum Festzug der Großgemeinde zu fahren. Beide Züge und närrische Einwohner zu vermeiden, die unerbittlich Helau-Grüße einfordern, ist fast unmöglich und nur in einem klitzekleinen Zeitfenster und auf verbotenen Feldwegen machbar. In der Stadt grölt … gröhlt? … nein grölt alles vom gemeinen Proll bis zum anständigen Bürger dem Zug entgegen, den zu vermeiden aber schaffbar ist, wenn die Mittagspause verkürzt wird. Verkürzte Mittagspause bedeutet aber erhöhte Gefahr in Dorf und Großgemeinde. Da beißt sich der Faschingsmuffel in den Narrenzugschwanz. Sein einziges karnevalistisches Vergnügen: Nach der Arbeit mal reinzappen, wenn bei Radio Berlin-Brandenburg der Bär steppt. Aber Vorsicht! Das nackte Grauen hält selbst der vergnügungssüchtigste Masochist nur ein oder zwei Minuten aus. Helau!

So, ran an die Arbeit. Was sagt die Mailbox? Heute nacht nur zwei wichtige Mails eingetroffen. „Möchten Sie gerne groß gewinnen?“ und „Potenzprobleme?“

Beide Mails könnte man auch in einer zusammenfassen: Sind Sie ein Gernegroß?  

Narrhallamarsch!

Veröffentlicht von gw am 19. Februar 2012 .
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