Archiv für Januar 2012

Dienstag, 24. Januar, 13.35 Uhr

Rüdiger Schulz alias Eintracht-Exblogger „Kid Klappergass“ hat eine Frage zum Helge-Schneider-Zitat in „Ohne weitere Worte“, da er sich „auf die Füße getreten“ fühlte, da er selbst „einen Text über Ali geschrieben habe, der Schneider bestätigen könnte“  (seinen sehr schönen Text über Musik, Ali und mehr hängte er an). Er fragt: „Interpretiere ich zu viel in Ali hinein?“ Da die Antwort wegen der Intention der Kolumne grundsätzlicher Art ist, folgt sie auszugsweise im Blog. Aber zunächst noch einmal das Zitat:
»Ich mache irgendwas, bei dem ich selber nachher so ein Aha-Erlebnis habe, wenn einer mich darüber aufklärt, was ich eigentlich aussagen wollte. (…) Die Intellektuellen haben auch Boxen ganz intelligent umgeschrieben. (…) Zum Beispiel Muhammad Ali: Egal, was der gemacht hat, da wurde unheimlich viel reininterpretiert. Das ist ja ein großer Philosoph, ein Kämpfer für die Rechte der Armen. Und der braucht nur einen Satz zu sagen, den man erst einmal gar nicht verstand, und trotzdem konnte man da etwas hineininterpretieren.« (Helge Schneider im WamS-Interview)

 

Die „Ohne weitere Worte“-Kolumne hatte früher im Blatt immer den Zusatz:

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.

Den Zusatz lasse ich seit einiger Zeit weg, um ein Zitat mehr unterbringen zu können und weil die Zeitungsleser langsam wissen dürften, dass ich die unterschiedlichsten Zitate vereine, ohne dass deutlich werden soll, was ich davon halte. Sie sollen nur mindestens eine der angeführten Eigenschaften besitzen, welche, soll der Leser für sich selbst entscheiden. Noch ein wichtiges Kriterium: Die Zitate sollen nicht schon allgemein bekannt sein. „Vada a bordo, cazzo“ hatte daher keine Chance. Für mich eine schöne Erholung zwischen den meinungsstarken Kolumnen, außerdem, glaube ich, recht interessant, weil anregend (um zu lachen, zu denken, sich ärgern  oder was auch immer). Helge Schneider habe ich vor allem wegen des ersten Teils übernommen, denn ich fand ihn früher oft genial spontankalauerig mit herrlichem Nonsens, zwischendurch aber auch mit nur dummem Zeug, und habe mich oft gewundert, was darüber hinaus in seine Texte hineingeheimnist wurde. Wie er also auch, wenn ich seinen Satz richtig verstehe.
Zu Ali: Natürlich auch ein Held meiner Jugend. Nur eine Sache hat mich damals gestört: Dass er seine Gegner verächtlich machte. Hatte zwar Sinn und Methode, war mir aber unangenehm. Dennoch ist er ja nun wirklich der „Größte“, kein Zweifel. Dass ihn der/die eine oder andere Intellektuelle ins Übermenschliche überhöht hat, nach meinem Empfinden stellvertretend für sich selbst, dürfte der Sinn des zweiten Teils des Schneider-Zitats sein. Aber das ist vielleicht schon Überinterpretation von mir und genau das Gegenteil von dem, was ich mit der Kolumne bezwecke. 

Ein ebenfalls sehr geschätzter Leser schreibt … nein, er schreibt nicht,  denn

 „das Folgende bitte als nicht geschrieben betrachten. Hintergrund: die Verblüffung über Ihren Eintrag im Blog zu Wulff, dem man aus menschlichen Gründen vermutlich nicht widersprechen kann. Dennoch: bei allem, was Sie dazu gesagt haben, ist dieser Eintrag eben verwunderlich.“

Meine Antwort auf das nicht Geschriebene: In der Sache selbst gibt es wohl kaum Differenzen, selbst Wulffs Parteifreunde (ja, wohlmeinende  Freunde, nicht die vielzitierte Steigerung „Parteifeinde“) verteidigen ihn weniger als halbherzig. Aber mir ging es diesmal um das rein Menschliche, um die furchtbare Vorstellung, wie man selbst an Stelle von Wulff, aber mit dessen Sozialisation und Lebensweise, weiterleben würde und könnte, und was die Alternative wäre. Gilt auch (sorry, es folgt ein mehr als gewagter Vergleich) für den armen Wicht von feigem Gockel-Kapitän. In beiden Fällen: Mitleid. Aber vielleicht ist das nur sehr egomanisches Mitleid, weil aus eigener Perspektive betrachtet. Wenn Wulff oder der Kapitän ganz anderes ticken als man selbst, wenn sie Überlebenskünstler sind, die Schuldgefühle nicht an sich heranlassen bzw. ihr Selbsterhaltungstrieb die Schuldvorwürfe nur als bösartige und sachlich unzutreffende Angriffe auf die eigene Person interpretiert, wäre Mitleid fehl am Platz.

Veröffentlicht von gw am 24. Januar 2012 .
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Montag, 23. Januar, 11.30 Uhr.

Aufstieg und Fall eines kleinen Mannes. Bei Wulff wird langsam zu viel „recherchiert“. Was da rauskommt, käme so oder so ähnlich bei fast  jedem raus. Das Ganze hat eine tragische Note, denn fast alles, was ihm vorgeworfen wird, hat in irgendeiner Weise mit dem Wortsinn von „recherchieren“ zu tun, mit suchen: Cherchez la … Zugegeben, das ist sehr platt und wird derzeit an jedem Stammtisch höhnisch in die Runde geworfen, aber das bedeutet ja nicht, dass es nicht wahr sein muss. Wer Wulff bei seinen jetzt raren Auftritten in die Augen schaut, und sei es nur via Tele, dem kann angst und bange werden um diesen Mann und wie er enden könnte. Wer übernimmt dann  die Verantwortung? Die Medien? Ganz sicher nicht. Die machen nur verantwortlich.

Veröffentlicht von gw am 23. Januar 2012 .
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Sonntag, 22. Januar, 7 Uhr

Warm, nass, windig. Dieses Wetter verhindert den Schlaf und fördert das Verschlafen. Nur acht Minuten gebraucht für die Fahrt  in die Redaktion, zu nichtnachtschlafender Werktagszeit dauert es manchmal eine halbe Stunde. Seit Mitternacht nichts in der Mailbox, nicht mal Müll. Nächtliche Nachrichtenlage dünn. Romney verliert überraschend Vorwahl. Der alte Mormone steht schon länger auf dem Stichwortzettel (OK-Präsident Lake Placid, Französisch usw.). Am Berliner  Homo-Mahnmal wird das Video ausgetauscht: Jetzt küssen sich nicht nur Männer, sondern auch Frauen, Alice Schwarzer sei Dank.  Und Männer und Frauen. Und Alte und Junge. Und Dünne und Dicke. Und Sinti und Roma. Und Neonazis und Linksliberale . . . nein, so weit geht die Korrektheit nun doch nicht. Auf dem Montagsthemen-Zettel bisher: Schalk im Nacken / optimale Vorbereitung / untere 3 / Dschungel-Millionen / Jahresweltbestleistung + Jörg Dahlmann / Jugend-Olympia + Kochkurs + McDonalds. In dieser Reihenfolge. Ach ja, das Homo-Mahnmal könnte ich noch reinquetschen. Wird aber nicht alles reinpassen, heute stehen zwei interessante  BL-Spiele auf dem Programm, da will ich dem Kollegen htr, der die erste Seite macht, nicht zu viel Platz wegnehmen. Und jetzt fleißig ans Werk, damit ich nachher BVB gucken kann.

*

Nachtrag, aus leider gegebenem Anlass: Erst flutschten die „Montagsthemen“ nur so, dann wurde gequetscht, gekürzt, gestaucht, und dennoch blieb’s ein Riemen, den ich als Seitenmacher jedem Schreiber um die Ohren hauen würde, mit der Auflage, erst wiederzukommen, wenn der Text halb so lang ist. Sorry, Ronny (= htr)! Zum Glück hat er Ehrfurcht vor grauen Haaren, Stand und Alter. Oder er toleriert nur senile Narrenfreiheit.

Veröffentlicht von gw am 22. Januar 2012 .
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Freitag, 20. Januar, 17.30 Uhr.

Nach dem dezenten Hinweis ist die Sache eindeutig: „Nachdruck“ soll bleiben. Hätte mich auch gewundert, denn beim Sichten, Ausmisten und Auswählen des eigenen zum Teil uralten Archiv-Materials (derzeit eine Lebensabschnittsvorbereitungsarbeit) bin ich oft selbst verblüfft von kleinen Randgeschichten, Anekdötchen oder auch nur kurzen Informatiönchen, auf die ich stoße, die ich längst vergessen habe und die daher für kleine Aha-Erlebnisse sorgen, weil sie auf aktuelle Themen von heute verweisen, manchmal  deren Hintergründe erhellen oder aber überhaupt erstmals im „Sport-Stammtisch“ aufgetaucht und manchmal irre absurd sind, wie die „Werbung am Mann“, einst ein fast ebenso irrational diskutiertes Heiligergottseibeiuns-Thema wie später und heute das Doping. Nächste Woche grabe ich wieder ganz tief unten, in den frühen 80er Jahren.

Während ich dies schreibe und schon zuvor beim „Sport-Stammtisch“ (steht jetzt online) wummt und brummt es im Bauch, weil draußen in unserer Baustelle (neue Maschinen braucht das Zeitungsland!) eine Riesenramme zu arbeiten scheint. Ich bekomme Urlaubsgefühle dabei, denn es hört sich haargenau an und fühlt sich im Bauch ebenso wie beim Ablegen einer Riesenfähre im Piräus, wenn die Dieselmotoren aufgedreht werden. Nie, nie habe ich Angst gehabt, selbst auf den rostigsten Fähren nicht, selbst nicht, wenn die Heckklappe verboten lange offen blieb und Wasser reinschwappte. Irrationale Nichtangst könnte man das nennen. Mein Psychosomatik-Pendel schwingt dafür im Flugzeug in die andere Richtung aus: irrationale Totalangst. Aber wie nennt man das, wenn das Schwesterschiff der Costa Concordia nachts in voll aufgebretzeltem Lichterkleid (Lichtkleid ist wohl was anderes) sightsehend an dem havarierten Schiff vorbeigleitet? Neue Attraktion bei Kreuzfahren? Mit angenehm schaurigem Gefühl, das dort unten tote Leichen im Abendkleid treiben, und hier oben lebende Leichen … na ja, bitte keine Altendiskriminierung, bin doch selbst einer.

Der Kapitän, wohl ein echter Gockel, der unbedingt und immer „bella figura“ machen will, tut mir fast schon leid. Ist mir zu billig, einzustimmen in den Chor aller, die sich über die Absurditäten, Lügen und Feigheiten des ins Rettungsboot Gefallenen aufregen und/oder amüsieren. Wie soll der arme Kerl weiterleben, wenn er seine Schuld nicht mehr verdrängt, wenn ihm klar wird, was er angerichtet hat? Im übrigen ist es fast ein Wunder, dass bei einer Havarie nachts auf einem Riesenschiff so viele panikende Menschen, in der Mehrzahl ja wohl nicht unbedingt die jüngsten und körperlich fittesten, fast unversehrt gerettet wurden. Es wird viel über das Chaos und das Versagen der Rettungskräfte gesprochen –  irgendwas müssen sie aber ziemlich richtig und zum Teil heldenhaft richtig gemacht haben. Jedenfalls kein Grund zu germanischem Überlegenheitsgefühl.

Veröffentlicht von gw am 20. Januar 2012 .
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Sonntag, 15. Januar, 7 Uhr.

Verschlafen. Erst um sechs Uhr aufgewacht. Hektik. Ausgerechnet heute ist das Auto von einer hartnäckigen Eisschicht überzogen. Wie ein alter Vettel in die Redaktion gedüst. Thema bei den HR-„Inspirationen“: Treue. Für mich wäre ein anderes Thema angebracht: Zwanghaftigkeit. Niemand zwingt mich, niemand lobt mich, niemand tadelt mich, niemand belohnt oder bestraft mich dafür, wenn ich am Sonntag Morgen statt um halb sieben schon um viertel nach sechs oder um viertel vor sieben in meinem Redaktionsstübchen sitze. Die Viertelstunde heute könnte auch eine halbe oder ganze Stunde oder gar zwei sein, irgendwie würde ich die Zeit wieder einarbeiten, zumal heute am Nachmittag keine mich interessierenden Fußballspiele anstehen, die ablenken und Zeit rauben könnten. Ich weiß also, was Zwanghaftigkeit ist. Sie auch, zumindest einige von Ihnen, die bei den „Wer bin ich?“-Runden mitmachen. Im Lauf des letzten Jahres wurden die Teilnehmerzahlen etwas geringer und der Einsatz der weiter Mitmachenden sehr viel größer. Einige stiegen aus, weil sie der Sucht entkommen wollten, sich ein, zwei und mehr Wochen lang in den jeweils aktuellen Fall zu verbeißen, manche aber wurden rückfällig und danach um so engagierter, da sie Punkte verpasst hatten. Wieder andere machen immer weiter, obwohl sie sich gerne abnabeln und nur noch zum Spaß mitraten würden. Ich weiß das alles, weil die „Süchtigen“ in Mails  ihre Sucht eingestehen und sich manchmal sogar mit herzlichen, bedauernden Worten verabschieden (um dann doch wieder mitzumachen). Wenn ich schon nicht die eigene Zwanghaftigkeit ablegen kann, will ich wenigstens helfen, die der Leser zu therapieren. Wie, weiß ich noch nicht so richtig. Vielleicht die nächsten Runden dezent und beiläufig im Rahmen des Sport-Stammtischs veröffentlichen, die „ewige“ Top 10 seltener auflisten, die Runden in noch größeren Abständen bringen – mal sehen. Erst einmal bekommt die abgeschlossene Runde in dieser Woche ihre Auflösung plus ehrenvolle Erwähnung der erfolgreichen WBI-Spurensucher.

Spurensuche in den Nachtmeldungen der Agenturen: Streit ums Schneeschippen  – Ex-Rodler Hackl verletzt / Bonnie und Clydes Waffen werden versteigert / Alaska stöhnt über ungewöhnlich harten Winter / Katze aus dem Fenster geworfen  Passantin im Koma / Polizei jagt Nackten – Ausrede verblüfft Beamte. Die letzten beiden Meldungen klingen nach Fake. Mal reinschauen:

(dpa) – Ein hitziger Ehestreit hatte in Argentinien
dramatische Folgen für eine unbeteiligte Passantin. In Buenos Aires
wollte Medienberichten zufolge ein wütender Ehegatte seiner Frau eine
 Katze an den Kopf werfen. Er verfehlte allerdings sein Ziel und die
Katze flog aus dem Fenster im vierten Stock. Das Tier landete auf dem
Kopf einer 85-jährigen Passantin. Die Frau erlitt einen Schädelbruch
und lag längere Zeit im Koma. Der Vorfall ereignete sich bereits im
Juli, wurde aber erst am Freitag (Ortszeit) bekannt, berichtete die
Nachrichtenagentur DyN. Das Unfallopfer liege immer noch im
Krankenhaus, hieß es. Über den Gesundheitszustand der Katze gab es
keine Informationen.

 Wetten, dass die dpa-Kollegen feixten, als sie die Meldung versendeten!? Auch der Nackte ist obskur:

 (dpa) – Ein splitterfasernackter Mann hat der Polizei
in Geislingen bei Stuttgart eine erstaunliche Begründung für seinen
unbekleideten Ausflug aufgetischt. Er übe fürs Nacktbaden, erklärte
der 25-Jährige den verdutzten Beamten, die ihn am Samstag um 3 Uhr
morgens auf einer Straße erwischten.

Hier noch eine Meldung für die Montagsthemen, ein echter Knüller: Die Australian Open wurden kurz vor dem Start abgesagt. Von einem Deutschen! Schlagzeile: Mayer sagt die Australian Open ab. Ja, ja, ich weiß, alte Rumreiterei auf Sprachschlampigkeiten. Bin doch selbst schlampig genug. Hoffentlich nicht in den gleich zu schreibenden Montagsthemen. Zeit zur Unschlampigkeit ist ja genug.

Veröffentlicht von gw am 15. Januar 2012 .
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