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Ein neuer alter Hut (vom 1. Februar)

Niemand glaubt noch, dass die Quadratur des Kreises gelingen oder das Perpetuum mobile gefunden wird. Aber fast im Jahrestakt werden neue Zauberformeln aus dem Zylinder gezogen, die den Fitnesswundergläubigen in die wie magisch anziehende Falle tappen lassen, mit minimalem Aufwand maximale Wirkung erzielen zu können. Doch die aus dem Zylinder gezogenen Kaninchen sind nur alte Hüte. Wenn man den Zauberern genau auf die Finger schaut, erkennt man das wahre Kunststück: Die jeweils neue Zauberformel verwandelt sich über das Kaninchen und den Hut in einen neuen Schlauch, in dem alter Wein ruht. Und in vino veritas.
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Der neueste Hit ist der bisher älteste Hut: »Endurex«, gerade erst im »Wissen«-Ressort der »Zeit« enthusiastisch vorgestellt: »Hier hat man ihn vielleicht gefunden, den Stein der sportwissenschaftlichen Weisen – die Formel, die schon Hunderte Ratgeberautoren und Pillenhersteller versprochen und nicht geliefert haben: kurzes Training = große Wirkung auf Kraft und Ausdauer.«
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Da haben wir es wieder: Minimaler Aufwand, maximale Wirkung, verbunden mit dem Bekenntnis, dass der Hokuspokus zuvor jeweils nur fauler Zauber war. Wie zuletzt das 2010 im »Spiegel« vorgestellte Intervalltraining, das »doppelt so wirksam wie ein normales Workout« sei: »Schon weniger als eine Stunde pro Woche zeitigt offenbar den gleichen Effekt wie die Quälerei jeden zweiten, dritten Tag beim Joggen oder Fahrradfahren.« Doch dieses »brandneue« Intervalltraining war in den 50er Jahren das Normaltraining der Mittel- und Langstreckenläufer (mit Varianten wie dem – schönes altmodisches Wort – »Fahrtspiel«), und erst, als das Intervalltraining seine Hauptrolle an das stete und sehr lange Laufen verlor, kam es im Ausdauersport zu einem Leistungs-Quantensprung. Mittlerweile sind die Trainingssysteme im Hochleistungssport hochkompliziert, auch in Intervallen wird trainiert, doch Gelegenheitsjoggern ist von der Nachahmung wegen Verletzungs- und Gesundheitsrisiken dringend abzuraten.
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Ein Jahr zuvor hatte der »Spiegel« einen anderen »HIT« (»Hochintensitätstraining«) als »Turbo-Trainingsmethode« angepriesen, die, na klar, »bei minimalem Zeitaufwand rasanten Muskelzuwachs« verspreche. Doch auch dieser Hit war ein Oldie, basierend auf dem guten alten Pyramidensystem, also, vereinfacht ausgedrückt, mit steigenden Gewichten bei sinkender Wiederholungszahl zu trainieren, bei einmaligem Heben des maximal möglichen Gewichts als Pyramidenspitze. Die so antrainierten Muskeln sehen nicht nur stark aus, sondern sind es auch, im Gegensatz zu denen, die durch typisches Bodybuilding (sehr viele Wiederholungen im sehr submaximalen Bereich) erworben werden.
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Und nun also »Endurex«. Ein »Zeit«-Redakteur macht den Selbstversuch: »Meine Beine sind abgebunden. In ihnen fließt kein Blut mehr, es steht still. Druckmanschetten um die Oberschenkel halten es zurück.« Aha, der neueste Hit ist also ein doppelt alter Hut, denn er basiert nicht nur, wie die Erfinder sogar zugeben, auf dem »HIT« (siehe oben), sondern letztlich auf dem »Flushing« (Blutzufluss), das schon V. M. Zaciorskij in den 60er Jahren in seinem trainingswissenschaftlichen Standardwerk »Die körperlichen Eigenschaften des Sportlers« beschrieben hat. Zaciorskij ging von der noch viel älteren muskelphysiologischen Regel aus, dass es schon bei 25-prozentiger Anspannung zu einer kompletten Gefäßkompression kommt – auch ohne Druckmanschette. Denn dann ist die Blutzufuhr unterbrochen, der Muskel arbeitet anaerob, und je länger er das tut (die maximale Anspannungszeit wird physiologisch durch die Maximalkraft bestimmt), desto mehr schmerzt das »Flushing«, wenn das Blut wieder zurück fließt. Und je mehr es »flusht«, desto größer ist der Trainingseffekt (warum und wieso, würde hier zu weit führen, es hat mit biochemischen Prozessen zu tun).
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Das Naturgesetz des Trainings verheißt keine wundersamen HITs, mit wenig Training viel Erfolg zu haben, sondern verlangt unerbittlich für auch nur kleine Erfolge größtmögliche Anstrengung. Wer anderes verspricht, ist ein Scharlatan. Also, was tun? Was tun!
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Warum aber werden immer wieder neue Zauberformeln aus dem Hut gezogen? Weil es, und nun sei es zugegeben, dennoch möglich ist, mit minimalem Aufwand maximalen Erfolg zu haben. Wichtigster Hinweis im »Endurex«-Artikel der »Zeit«: Eine Trainingseinheit (zwischen 15 und 45 Minuten) kostet 100 Euro. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle