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Montag, 30. Januar, 11.30 Uhr

Auf dem Heimtrainer “Ostrock in Klassik live” gesehen und gehört. Berliner Konzert 2007. Das geht selbst dem steineskältesten Wessiknochen ans Herz. Selbst kannte man die Ostzone, SBZ und Gänsefüßchen-DDR ja nur durch die Grenzkontrollen in Helmstedt und Dreilinden oder im Zug und eventuell beim Tagesbesuch in Ostberlin. Die Diktatur des Spießerproletariats, in dem die Blockwart-Mentalität ihre sadistischen Triumphe feierte, die Schikanen der Grenzwächter, die allgegenwärtigen Mini-Apparatschiks, die martialischen Wachwechsel in Ostberlin, die Geducktheit der Machtlosen, der graue Geruch des armseligen deutschen Realsozialismus, das alles schmetterte den Bundesdeutschen nieder, der, auf der Rückfahrt, endlich auf  ”richtigem” deutschen Boden, vor Erleichterung, diesem kalten Grauen entkommen zu sein,  im Auto vor Freude laut schrie und das nächste beste bundesdeutsche Polizeiauto übermütig anhupte und winkend grüßte. Aber wer dort lebte, leben musste, geduckt oder gefährdet ungeduckt, für den war es trotz allem auch Heimat, Jugend, Liebe, Leben. Ihm das in herzloser Arroganz zu nehmen, indem man zusammen mit dem zu verachtenden System auch den einzelnen Menschen wenn nicht verachtete, dann doch geringschätzte  und von ihm erwartete, nicht nur den Staat, seine Schergen und die vielen Mittäter zu verdammen, sondern auch das eigene Leben als ein schlecht gelebtes und minderwertiges einzugestehen, das baute neue Mauern auf, die immer noch stehen und hinter denen auch, vielleicht nur aus Trotz und dem Widerspruchsgeist des Nichtakzeptierten, manches gedeiht, was uns heute Sorgen macht.

Wenn die Kamera über die Gesichter der seligen Zuschauer fährt, spürt der Heimtrainierende einen Kloß im Hals und schämt sich für manches, was er geschrieben hat, System und Mensch nicht trennend. Und die Musik: ganz groß. Vieles jedenfalls. Karat, natürlich mit den Sieben Brücken, aber auch dem Blauen Planeten, die Puhdys mit dem mitreißenden Alt wie ein Baum, oder ein Solist, dessen Namen nicht einmal gekannt zu haben weitere Scham bereitet: Dirk Michaelis. Als ich fortging und sein a capella gesungenes Wie ein Fischlein unterm Eis sind große späte Entdeckungen des ignoranten Wessis, der bei Wikipedia erfährt, dass Michaelis auf seiner aktuellen Platte deutsch getextete Welthits singt. Wird bestellt! 

Bei den Griechen scheinen wir ähnlich wenig Fingerspitzengefühl zu entwickeln. An unserem Wesen werden sie nicht genesen (wollen). Sie müssen selbst genesen, als Volk das Gefühl haben, die Wende zum Besseren aus eigener Kraft anzugehen und schaffen zu können, mit zurückhaltender und nicht auftrumpfender Hilfe europäischer Freunde. Die können  und sollen aber unnachgiebig bleiben, was die wenigen griechischen Millionen- und Milliardenabzocker betrifft und das System, das es ermöglichte.

Das alles unkontrolliert dahingeschrieben. Für Zwecke außerhalb des Blogs wäre es nur eine Notizensammlung.

Baumhausbeichte - Novelle