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Montagsthemen (vom 30. Januar)

Es ist nicht lange her, da hieß es in dieser Kolumne sinngemäß: Je länger Ballack für Bayer zum Einsatz kommt, desto länger dauert auch sein schädlicher Einfluss, weil sein Spiel, zumal in der Spätphase verschleißgeschädigt, einfach nicht zu dieser Mannschaft passt (was im übrigen ein Fußballgewiefter wie Völler schon vorher hätte wissen müssen). Bestätigung nach dem hochklassigen Match in Bremen: Ohne Ballack spielt Bayer wie das junge Bayer, mit Ballack wie der alte Ballack.
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 Ballacks Auftreten auf und neben dem Platz beschädigt seinen mehr als verdienten Nimbus des Chefs und Topspielers der immer und wer weiß wie lange noch erfolgreichsten deutschen Nationalmannschaft dieses Jahrhunderts. Warum wirkt dieser große Fußballer, ein Mann von überdurchschnittlicher Intelligenz, momentan wie ein verstockter kleiner Bub? Von Löw menschlich mies ausrangiert, ist er über den Jubeltrubel um das undeutsche Spielgenie der braven jungen DFB-Wilden sicher not amused, vom eigenen überhöhten Anspruch an die schwindende Leistungsfähigkeit im beruflichen Endleben verwirrt und im privaten Jetztleben vielleicht verirrt. Dazu kommt das Schicksal eines jeden Fußballprofis, nach einem spektakulär bunten  ersten Lebensdrittel vor weiteren zwei Dritteln grauer Normalität zu stehen, die im Vergleich zur bunten Zeit zuvor sogar rabenschwarz drohen können. Da drängt sich bei Ballacks Verhalten gegenüber Feind und Freund auch Freud auf. Dieser hatte als erster das Bild von der Spitze des Eisbergs gemalt: Das Ich (und wie es sich sichtbar verhält) driftet nur als Spitze des Eisbergs durchs Leben, mit sieben Achteln an Es und Über-Ich unsichtbar unter Wasser.

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Wie kriegen wir, verirrt und verwirrt vom tiefenpsychologischen Flachbohren, bloß wieder festen Boden unter die Füße? Versuchen wir’s über den Eisberg, die Titanic und den Costa-Concordia-Untergang hin zu Monty Python und Tick, Trick & Track. Die Monty Pythons vereinigen sich derzeit für einen neuen Film, dessen Titel auch Synonym für diese Kolumne und ihre Online-Version (»Sport, Gott & die Welt«) sein könnte: »Absolutely Anything« – und daher »nun zu etwas völlig anderem« (Monty-Python-Standardübergang), zur Diskussion um die Bergung des Wracks vor der Insel Giglio. Alle möglichen und unmöglichen Methoden werden angedacht, nur Carl Barks fehlt noch. Der Übervater aller Entenhausener Ducks hatte Donalds Neffen Tick, Trick und Track in einem frühen Comic ein Schiff heben lassen, indem sie Tischtennisbälle in das Wrack pumpten. Diese Barks-Idee wurde später einmal tatsächlich erfolgreich bei einer echten Schiffsbergung eingesetzt!
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Aber das nur am Rande, denn damit (Tennisbälle!) sind wir zurück im aktuellen Sport. Hier wird das Geschrei der Spieler(innen) skandalisiert. Kein Skandal, und das ist bei der grassierenden Skandalisierungsbereitschaft ein Phänomen, wird dagegen aus Martin Kaymers selbstkritischem Golf-Kommentar gemacht: »Man kann nicht gewinnen, wenn man puttet wie Stevie Wonder.« Glaubt man heute, Stevie Wonder sei ein unbekannter schlechter Golfer und kennt den großen Sänger nicht mehr, der mit Ray Charles nicht nur die Hautfarbe gemeinsam hat? Egal, zum Gekreische: Es kommt unwillkürlich von tief drinnen aus man/frau heraus, wenn der Ball, die Kugel, der Diskus oder der Hammer beim Schlag oder Wurf voll getroffen wird. Individuell unterschiedlich wird’s ein männlicher Urschrei, ein lautes Knurren, ein dumpfes Grollen oder eben ein weibliches Kreischen (auch von Männern!). Manchmal hört es sich aber auch nur an wie früher beim Schreiber dieser Kolumne und so, wie diese nun endet. Ihr geht die Luft aus mit einem leisen …. pfffffft. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle