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Sport-Stammtisch (vom 28. Januar)

Das haben die Bayern nun davon, dass sie tapsig vertwittert auf den Facebook-Livestream-Zug aufspringen und einen neuen Stürmer ankündigen. Live und exklusiv sei er auf Facebook zu sehen. Helle Aufregung, sogar der nüchterne »kicker« meldet’s online – und dann kommt auf Facebook die selbstkrepierende Gag-Bombe, dass die Bayern-Fans als zwölfter Mann dieser »neue Stürmer« seien. Witzischkeit kennt koa Grenzen. Die User-Szene winkt nicht gelangweilt ab, sondern nimmt es erst ernst und später richtig übel.
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Schön irre neue Medienwelt. Aber in dieser Woche aus hessischer Sicht nur am zweitirrsten. Denn in einem ganzseitigen Interview der Frankfurter Rundschau mit Eintracht-Sportmanager Bruno Hübner gehen beide Seiten aufs große Ganze. Es beginnt mit der gewohnt kritischen FR-Frage zum »schlappen Auftreten beim Hallenturnier«. Hübner antwortet nicht, dass schlappes Auftreten bei einem Hallenturnier in der Winterpause dem Aufstieg dienlicher sein könne als das große Hallenhurra, sondern, ganz verbalstylisher Manager, dass leider versäumt worden sei, »pro-aktiv« tätig zu werden. Befragt zu Sinn und Unsinn des teuren und reiseaufwendigen Trainingslagers eines Zweitligisten in Katar, reagiert er nicht mit der berechtigten Gegenfrage zu Sinn und Unsinn der teuren und reiseaufwendigen Entsendung eines Redakteurs der bekanntlich im Geld schwimmenden FR zu diesem Trainingslager, sondern, und jetzt setzen wir ein dreifaches Sternchen, um der grandiosen Antwort ein gebührendes Alleinstellungsmerkmal zu geben:
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»Dieses Trainingslager eröffnet uns große Möglichkeiten. Die Marke Eintracht Frankfurt ist für die da unten total interessant (…). Wir wollen viele Kontakte in Katar knüpfen, da liegt ja eine Menge Potenzial. Wir wollen Partnerschaften eingehen, neue Wege gehen, es gibt da sehr, sehr viele Möglichkeiten. Wir müssen innovativ sein. Wir müssen die Marke Bundesliga gerade in Asien stärken.«
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Fast Originalton Rainer Leben. Der Ex-Schatzmeister hatte einst getönt: »Wir brauchen einen Michael Jackson auf dem Rasen. Wir sind eine urhessische Traditionsmarke, die mit einem innovativen Vereinskonzept eine europäische Marke wird.« Da ist sie also wieder, die alte Diva! Statt die Marke Eintracht in Paderborn oder Fürth zu stärken, stärkt die Eintracht in Asien die Marke Bundesliga und zeigt nebenbei den Münchner Bayern, die ja das Gleiche versucht haben, was eine hessische Harke ist!
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Als die FR auf kongenialem bankfurter Formulierungsniveau mit der Frage nachhakt, wie Hübner »den Turnaround« schaffen« wolle, verhindern Lachtränen das Weiterlesen. Selbst Ailton macht sich mittlerweile über die Eintracht lustig und bietet sich als Neuzugang an, nicht auf Facebook, sondern den Schwanenhals direkt aus dem Dschungel bis in den Main aroundgetörnt. Eintracht ’12: Ailton statt Michael Jackson.
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Sorry Eintracht, sorry FR. Ich sollte mehr an den alten Euripides denken: »Wir alle sind zu tadeln und zu mahnen klug, und alle sind wir für die eig’nen Fehler blind.« Daher auch keine Kritik mehr am neuen Griechenland. Das kauft jetzt, bekanntlich wie die FR im Geld schwimmend, über tausend ausgediente Panzer der US-Army auf. Die waren bisher in der Wüste von Nevada zwischengelagert, nun werden sie für ein paar Millionen Dollar nach Hellas verschifft, dort für noch ein paar Millionen mehr flottgemacht und an der Grenze zu einem altbösen Feind und NATO-Freund endgelagert. Auch Irrsinnischkeit kennt keine Grenzen. Aber das nur am Rande.
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Anderes Thema. Hans-Jürgen Bäumler, Marikas ehemaliger Eis-Prinz, feiert heute seinen 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, auch zu seiner späten Offenbarung: »Eiskunstlaufen war nie mein Hobby. Freiwillig macht das niemand. Oder glauben Sie, dass ein vierjähriges Kind zur Mutter sagt: ›Mami, wann darf ich mir wieder die Füße blutig laufen?‹«
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Da fällt mir die alte Fernsehwerbung ein, für einen Schokoriegel, in der, es ist schon dunkel, eine junge, restlos geschaffte Eiskunstläuferin von ihrer strengen Trainerin eine kleine Süßigkeit bekommt – als wunderbare Belohnung dafür, dass sich das Mädchen an seinem Geburtstag den ganzen Tag über bis spät in die Nacht die Füße blutig laufen durfte.
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Ach ja, die hübschen, süßen, kleinen Eiskunstläuferinnen. »Dieses knappe Kinderröckchen am samtlila Trikot, unschuldig und doch zu nichts anderem gut, als uns entgeisterte Blicke zu gönnen auf einen wahrhaft kostbaren, blühenden Arsch im Höschen.« Diese Päderasten-Phantasie stammt nicht aus einem Kinderporno-Chat, sondern von der linken Autoren-Ikone Hermann Peter Piwitt. Der, obwohl einer der ersten selbsternannten Feministen, griff sexsabbernd zum Griffel, als er einst Denise Biellmann beglupschte, »die schöne blonde Göttin meiner kleinen Tode«. Piwitt, heute 77, brachte dies in etwa zu der Zeit zu Papier, in der eine andere linke Ikone, Daniel Cohn-Bendit, über seine Tätigkeit in einem Kinderladen schrieb, dass sein Flirt mit den Kindern erotische Züge annahm und dass Kinder seinen Hosenlatz geöffnet und ihn gestreichelt haben.
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Ekelhaft. Aber schon hebt Euripides mahnend den Finger. Also, zugegeben: Beim Sichten der Texte für die nostalgische »Nachdruck«-Serie fällt mir auf, dass ich in diesen späten 70er und frühen 80er Jahren bei der Auswahl der zu veröffentlichenden Sportlerinnenfotos nicht nur sportliche Kriterien beachtete und insofern sogar auf realsozialistische Abwege geriet, indem Kati Witt in etwa so oft im Bild auftauchte wie alle anderen Sportlerinnen zusammen.
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Nicht ansatzweise mit Sex zu tun hatte am letzten Samstag die Aufforderung, es dem Papa der Tennisspielerin Mona Barthel nachzumachen, der als junges Kugelstoß-Talent eine volle Bierflasche freihändig tragen konnte, gehalten nur von und zwischen seiner gewaltigen Brustmuskulatur, dem Musculus pectoralis major. Foto-Beweise werden gerne veröffentlicht, kündigte ich an. Es kam nur einer, eingesandt von Arndt Schöniger (Rosbach), aufgenommen offenbar bei einem Biker-Festival in den USA. Ein wirklich beeindruckender Beweis, aber er »giltet« nicht: Die Beweisperson hat nicht das richtige Geschlecht, und nach meinen anatomischen Grundkenntnissen ist es nicht der Pectoralis major, der die Flasche trägt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle