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Nachdruck (vom 26. Januar: Nichts besseres verdient?)

In loser Folge begeben wir uns mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten, die Irrungen und Wirrungen dieser Jahre in Erinnerung rufen, nicht zuletzt auch die eigenen. Die heutigen Beispiele stammen durchweg aus “Sport-Stammtisch”-Kolumnen der zweiten Hälfte des Jahres 1979.
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Die Turnerinnen, die zur WM wollen, mussten sich u.a. dazu verpflichten, schulische Minderleistungen in Kauf zu nehmen. Ebenso wird von ihnen verlangt, höchstens 0,28 bis 0,30 Kilogramm pro Zentimeter Körpergröße zu wiegen. Mithin darf ein 1,65 m großes Mädchen nur 46 Kilogramm wiegen, und das bei ausgeprägter Muskulatur.
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Ein grandioses Foto ziert das Titelblatt des Fachorgans »deutsche volleyball zeitschrift«. Greg Lee, in Deutschland vornehmlich als »Meistermacher« der Leverkusener Basketballer bekannt, ist als Strandvolleyballer abgebildet. Lee gilt als einer der besten Sportler dieses Metiers in Amerika und holt sich mit der im tiefen Sand äußerst kräftezehrenden Tätigkeit die Kondition für den jährlichen Trip ins Basketball-Entwicklungsland Deutschland.  – Nachtrag: Hier tauchte erstmals in einer deutschen Zeitung eine Sportart auf, die heute unter ihrem englischen Namen olympisch ist.
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Beim Vierländerkampf in Bremen wurde der Weitsprung kurzfristig von Sonntag auf Samstag vorverlegt. Grund: Ein englischer Weitspringer weigerte sich aus religiösen Gründen, am Sonntag anzutreten. DLV-Sportwart Klappert warb um Verständnis: »Wir hatten früher auch einen Geher, der nur nach Sonnenuntergang startete, und da bekamen wir auch immer Schwierigkeiten mit dem Zeitplan.«
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Bis hin zum DFB nach Frankfurt schwappten die Wellen über, die Herbert Widmayers im »Stammtisch« veröffentlichtes Zitat geschlagen haben (»So was kann nur einer schreiben, der von Fußball keine Ahnung hat. Das muss ein ganz dummer Mensch sein. Das war eine Mannschaft früher, was die rein fußballerisch und mit dem Ball anfangen konnte, da könnte sich die heutige Nationalmannschaft mal eine Scheibe von abschneiden.«). Anlass dieser Sätze, die ich eher lustig fand und von denen ich mich nicht beleidigt fühlte, war ein »Stammtisch«-Beitrag, in dem ich die Meinung vertreten hatte, dass im Zuge der allgemeinen sportlichen Entwicklung auch die Leistungen im Fußball enorm gestiegen seien und die Nationalmannschaft von heute die WM-Elf von 1954 klar schlagen würde. Herbert Widmayer, Vorsitzender des Bundes Deutscher Fußballlehrer, hat sich nun bei mir gemeldet, entschuldigt und versichert, dass ein Missverständnis vorliege, dass unser Mitarbeiter, der die Widmayer-Sätze anlässlich eines Fortbildungslehrgangs der Gießener Trainer-Vereinigung mitgeschrieben hatte, etwas in die falsche Kehle bekommen haben müsse, kurzum, dass ihm die Sache leid tue. In einer kleinen Fußball-Plauderei stellte es sich übrigens heraus dass ich mich prächtig mit dem versöhnlichen Gemütsmenschen Widmayer verstand, zumal wir der übereinstimmenden Meinung waren, dass zwar früher der schönere Fußball gespielt wurde, dass aber die Fritz Walter, Helmut Rahn und Co. gegen die athletischeren, schnelleren und ausdauernderen Bundesliga-Spieler von heute keine Chance hätten. – Nachtrag: Dass Widmayer vom DFB zur Entschuldigung verdonnert worden war, verschwieg ich 1979 höflich.
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Jetzt aber noch einmal zum Thema »Fußball und Fernsehen«: Die Lösung des Problems auch für diesen Bereich kann nur das Privatfernsehen sein. Wenn private Unternehmer in Konkurrenz mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten auf zehn oder mehr Kanälen um die Gunst des Zuschauers kämpfen, könnte eines der Programme den Wunsch der Fußball-Fans erfüllen, ohne dass andere Fernsehteilnehmer sich fußballgeschädigt fühlen müssten.
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Kritiker befürchten, dass privates Fernsehen die Tele-Sucht noch vergrößert, dass sich alle Programme nach dem Geschmack der Zuschauer orientieren und nur noch Sport, Krimis und seichte Unterhaltung bringen, das geistige Niveau des Durchschnittsbürgers also noch weiter absänke. Meine Meinung dazu: Sollte dies wirklich der Fall sein, hätten wir nichts besseres verdient.
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Tja. Ohne weitere Worte. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle