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Dienstag, 24. Januar, 13.35 Uhr

Rüdiger Schulz alias Eintracht-Exblogger “Kid Klappergass” hat eine Frage zum Helge-Schneider-Zitat in “Ohne weitere Worte”, da er sich “auf die Füße getreten” fühlte, da er selbst “einen Text über Ali geschrieben habe, der Schneider bestätigen könnte”  (seinen sehr schönen Text über Musik, Ali und mehr hängte er an). Er fragt: “Interpretiere ich zu viel in Ali hinein?” Da die Antwort wegen der Intention der Kolumne grundsätzlicher Art ist, folgt sie auszugsweise im Blog. Aber zunächst noch einmal das Zitat:
»Ich mache irgendwas, bei dem ich selber nachher so ein Aha-Erlebnis habe, wenn einer mich darüber aufklärt, was ich eigentlich aussagen wollte. (…) Die Intellektuellen haben auch Boxen ganz intelligent umgeschrieben. (…) Zum Beispiel Muhammad Ali: Egal, was der gemacht hat, da wurde unheimlich viel reininterpretiert. Das ist ja ein großer Philosoph, ein Kämpfer für die Rechte der Armen. Und der braucht nur einen Satz zu sagen, den man erst einmal gar nicht verstand, und trotzdem konnte man da etwas hineininterpretieren.« (Helge Schneider im WamS-Interview)

 

Die “Ohne weitere Worte”-Kolumne hatte früher im Blatt immer den Zusatz:

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.

Den Zusatz lasse ich seit einiger Zeit weg, um ein Zitat mehr unterbringen zu können und weil die Zeitungsleser langsam wissen dürften, dass ich die unterschiedlichsten Zitate vereine, ohne dass deutlich werden soll, was ich davon halte. Sie sollen nur mindestens eine der angeführten Eigenschaften besitzen, welche, soll der Leser für sich selbst entscheiden. Noch ein wichtiges Kriterium: Die Zitate sollen nicht schon allgemein bekannt sein. “Vada a bordo, cazzo” hatte daher keine Chance. Für mich eine schöne Erholung zwischen den meinungsstarken Kolumnen, außerdem, glaube ich, recht interessant, weil anregend (um zu lachen, zu denken, sich ärgern  oder was auch immer). Helge Schneider habe ich vor allem wegen des ersten Teils übernommen, denn ich fand ihn früher oft genial spontankalauerig mit herrlichem Nonsens, zwischendurch aber auch mit nur dummem Zeug, und habe mich oft gewundert, was darüber hinaus in seine Texte hineingeheimnist wurde. Wie er also auch, wenn ich seinen Satz richtig verstehe.
Zu Ali: Natürlich auch ein Held meiner Jugend. Nur eine Sache hat mich damals gestört: Dass er seine Gegner verächtlich machte. Hatte zwar Sinn und Methode, war mir aber unangenehm. Dennoch ist er ja nun wirklich der “Größte”, kein Zweifel. Dass ihn der/die eine oder andere Intellektuelle ins Übermenschliche überhöht hat, nach meinem Empfinden stellvertretend für sich selbst, dürfte der Sinn des zweiten Teils des Schneider-Zitats sein. Aber das ist vielleicht schon Überinterpretation von mir und genau das Gegenteil von dem, was ich mit der Kolumne bezwecke. 

Ein ebenfalls sehr geschätzter Leser schreibt … nein, er schreibt nicht,  denn

 ”das Folgende bitte als nicht geschrieben betrachten. Hintergrund: die Verblüffung über Ihren Eintrag im Blog zu Wulff, dem man aus menschlichen Gründen vermutlich nicht widersprechen kann. Dennoch: bei allem, was Sie dazu gesagt haben, ist dieser Eintrag eben verwunderlich.”

Meine Antwort auf das nicht Geschriebene: In der Sache selbst gibt es wohl kaum Differenzen, selbst Wulffs Parteifreunde (ja, wohlmeinende  Freunde, nicht die vielzitierte Steigerung “Parteifeinde”) verteidigen ihn weniger als halbherzig. Aber mir ging es diesmal um das rein Menschliche, um die furchtbare Vorstellung, wie man selbst an Stelle von Wulff, aber mit dessen Sozialisation und Lebensweise, weiterleben würde und könnte, und was die Alternative wäre. Gilt auch (sorry, es folgt ein mehr als gewagter Vergleich) für den armen Wicht von feigem Gockel-Kapitän. In beiden Fällen: Mitleid. Aber vielleicht ist das nur sehr egomanisches Mitleid, weil aus eigener Perspektive betrachtet. Wenn Wulff oder der Kapitän ganz anderes ticken als man selbst, wenn sie Überlebenskünstler sind, die Schuldgefühle nicht an sich heranlassen bzw. ihr Selbsterhaltungstrieb die Schuldvorwürfe nur als bösartige und sachlich unzutreffende Angriffe auf die eigene Person interpretiert, wäre Mitleid fehl am Platz.

Baumhausbeichte - Novelle