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Freitag, 20. Januar, 17.30 Uhr.

Nach dem dezenten Hinweis ist die Sache eindeutig: “Nachdruck” soll bleiben. Hätte mich auch gewundert, denn beim Sichten, Ausmisten und Auswählen des eigenen zum Teil uralten Archiv-Materials (derzeit eine Lebensabschnittsvorbereitungsarbeit) bin ich oft selbst verblüfft von kleinen Randgeschichten, Anekdötchen oder auch nur kurzen Informatiönchen, auf die ich stoße, die ich längst vergessen habe und die daher für kleine Aha-Erlebnisse sorgen, weil sie auf aktuelle Themen von heute verweisen, manchmal  deren Hintergründe erhellen oder aber überhaupt erstmals im “Sport-Stammtisch” aufgetaucht und manchmal irre absurd sind, wie die “Werbung am Mann”, einst ein fast ebenso irrational diskutiertes Heiligergottseibeiuns-Thema wie später und heute das Doping. Nächste Woche grabe ich wieder ganz tief unten, in den frühen 80er Jahren.

Während ich dies schreibe und schon zuvor beim “Sport-Stammtisch” (steht jetzt online) wummt und brummt es im Bauch, weil draußen in unserer Baustelle (neue Maschinen braucht das Zeitungsland!) eine Riesenramme zu arbeiten scheint. Ich bekomme Urlaubsgefühle dabei, denn es hört sich haargenau an und fühlt sich im Bauch ebenso wie beim Ablegen einer Riesenfähre im Piräus, wenn die Dieselmotoren aufgedreht werden. Nie, nie habe ich Angst gehabt, selbst auf den rostigsten Fähren nicht, selbst nicht, wenn die Heckklappe verboten lange offen blieb und Wasser reinschwappte. Irrationale Nichtangst könnte man das nennen. Mein Psychosomatik-Pendel schwingt dafür im Flugzeug in die andere Richtung aus: irrationale Totalangst. Aber wie nennt man das, wenn das Schwesterschiff der Costa Concordia nachts in voll aufgebretzeltem Lichterkleid (Lichtkleid ist wohl was anderes) sightsehend an dem havarierten Schiff vorbeigleitet? Neue Attraktion bei Kreuzfahren? Mit angenehm schaurigem Gefühl, das dort unten tote Leichen im Abendkleid treiben, und hier oben lebende Leichen … na ja, bitte keine Altendiskriminierung, bin doch selbst einer.

Der Kapitän, wohl ein echter Gockel, der unbedingt und immer “bella figura” machen will, tut mir fast schon leid. Ist mir zu billig, einzustimmen in den Chor aller, die sich über die Absurditäten, Lügen und Feigheiten des ins Rettungsboot Gefallenen aufregen und/oder amüsieren. Wie soll der arme Kerl weiterleben, wenn er seine Schuld nicht mehr verdrängt, wenn ihm klar wird, was er angerichtet hat? Im übrigen ist es fast ein Wunder, dass bei einer Havarie nachts auf einem Riesenschiff so viele panikende Menschen, in der Mehrzahl ja wohl nicht unbedingt die jüngsten und körperlich fittesten, fast unversehrt gerettet wurden. Es wird viel über das Chaos und das Versagen der Rettungskräfte gesprochen –  irgendwas müssen sie aber ziemlich richtig und zum Teil heldenhaft richtig gemacht haben. Jedenfalls kein Grund zu germanischem Überlegenheitsgefühl.

Baumhausbeichte - Novelle