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Sport-Stammtisch (vom 14. Januar)

Seltene Einmütigkeit bei der Wahl zum Weltfußballer des Jahres: Natürlich Lionel Messi. Und dennoch wird leise an ihm herumgekrittelt: Er sei kein ganz Großer, weil er noch keinen WM-Titel geholt hat. Gequakter Quark. Messi kann, was Maradona konnte, aber was kann Messi für Maradona?
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Deutsche Spieler und Trainer landeten bei der Wahl auf hinteren Plätzen. Kleiner Denk- und Merkzettel für Überschwang-Begeisterte, die so tun, als sei das, was sie für die Zukunft erhoffen, schon verwirklichte Gegenwart.
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Wer Messi bewundert und die Jagd der Bundesligisten auf Kinderfußballer geißelt, sollte daran denken, dass auch Messi als Dreizehnjähriger aus seinem Zuhause entwurzelt und sogar über Kontinente hinweg transferiert wurde. In der aktuellen Diskussion werden manche Krokodilstränen runterheuchelt. Bei aller Problematik: Die meisten Bundesligaklubs betreuen ihre jungen Talente vorbildlich und sorgen für ordentliche Schulabschlüsse. Und für die zu Hause wie kleine Superstars umhätschelten kleinen Kicker kann in Hinsicht auf ihre Charakterbildung das Internatsleben ohne ständigen Kontakt mit klettenartig aufdringlichen Beratern und, ja, auch manchmal die Abnabelung von überstolzen Eltern durchaus von Vorteil sein. Auch der tägliche Vergleich mit ähnlich talentierten Jungs und der Sichtkontakt mit den »Großen« des Klubs hilft gegen entwicklungsschädliche Überlegenheitsgefühle.
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Michael Ballacks Karriere ist am anderen Ende angelangt. Verständlich, dass er noch gegen Versöhnlerisches bockt. Einmal »ei« machen, und alles ist wieder gut? Hat er nicht nötig. Sportlich bleibt festzuhalten: Ballack war der beste deutsche Fußballer des vergangenen Jahrzehnts. Was er mit seinen Mannschaften erreicht hat (Champions-League- und WM-Finale), müssen die junggenialen Zahmen erst mal nachmachen.
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Nach der Tatsachenbehauptung eine Vermutung: Bayer Leverkusens Entwicklung leidet nicht an Dutt, sondern an Ballack. Dilemma: Je besser Ballack in Form kommt, desto länger dauert sein schädlicher Einfluss. Wofür er nichts kann – er spielt eben so, wie er immer gespielt hat, und das passt einfach nicht zu dem Stil der Mannschaft. – Na ja, falls Ballack in Kürze Bayer zum Sieg über Barca führt, ignoriere ich adenauerisch einfach mein Geschwätz von gestern und behaupte in erprobter Expertenmanier das Gegenteil.
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Nicht gerade das Gegenteil des Behaupteten, aber dennoch eine eigene Fehlleistung: Die »Rallye Absurdistan« der Münchner Bayern war nicht so absurd wie von mir im letzten »Sport-Stammtisch« beschrieben, denn entgegen anderslautender Vorabinformationen lag die Neu-Delhi-Etappe nicht zwischen den Trainingseinheiten von Katar, sondern am Ende, als Zwischenstopp auf dem Rückflug nach München. Auch ein ziemlicher »Schlauch«, aber eben doch kein »Absurdistan«.
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Beim »Kicker« weiß man noch nicht so genau, ob die Wahl zum schlechtesten Schiedsrichter eine Fehlleistung war. Nach dem Suizidversuch von Babak Rafati fehlt diese Rubrik zwar in der neuesten Umfrage des Fußballmagazins, doch Chefredakteur Klaus Smentek weiß, dass es nicht logisch konsequent ist, bei Spielern und Trainern auch nach den Schlechtesten und bei Schiedsrichtern nur nach den Besten zu fragen. Smentek kündigt daher an, in der nächsten Umfrage auch bei den Schiedsrichtern wieder nach den Schlechtesten zu fragen – oder aber die Umfrage sterben zu lassen. Jetzt bietet sich zwar der morbide Gag an, besser die Umfrage als die Schiedsrichter sterben zu lassen, aber damit macht man es sich zu einfach, im Gegensatz zum respektablen »Kicker,« dessen Köpfe sich dieselbigen zerbrechen.
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Wenn es rein nach Logik ginge, könnte man es sich einfach machen mit der Vorhersage für das nächste Woche zu erwartende Urteil im Contador-Prozess. Wenn mexikanische Fußballprofis und deutsche Tischtennisspieler trotz Clenbuterol-Nachweis straffrei bleiben, kann auch kein spanischer Radprofi dafür bestraft werden, selbst wenn bei ihm (auch von mir) Absicht und kein Zufall vermutet wird. Dennoch bleibt es spannend, denn beim Contador-Prozess wird zwar nach dem Recht entschieden, aber vor allem nach dem Recht des Stärkeren im Hauen und Stechen hinter den Kulissen.
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Und sonst? Didi Hallervorden, der Chef des Berliner Schlosspark-Theaters, bekommt nun das zu spüren, was wir in dieser Kolumne einmal als »umgekehrten Rassismus« thematisiert haben: In dem Stück »Ich bin nicht Rappaport« wird die Rolle eines Schwarzen von einem schwarz angemalten Weißen gespielt, wie zuvor schon an 38 von 40 deutschen Theatern. Es findet sich halt eher ein weißer als ein schwarzer Schauspieler für die Anforderungen dieser Rolle. Was nie ein Problem war. Bis eine ziemlich meschuggene Internet-Initiative zu Protesten gegen diesen erzgemeinen Rassismus aufrief und Tausende hoch empört dem Aufruf der Facebook-Kampagne folgten. Und nun hat das deutsche Feuilleton einen Skandal – den, dass so etwas ein Skandal ist.
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Hat sich nicht irgendwann auch Boris Becker (für den »Stern«?) schwarz angemalt und eine Afro-Look-Perücke aufgesetzt, um unerkannt bleiben zu wollen? Pfui, Boris! Fehlt nur noch, dass jene unvermeidlichen ukrainischen Frauen, die bei jedem möglichen und unmöglichen öffentlichen Anlass barbusig protestieren (eine Art Cas-ting auf Ukrainisch?), sich im Kampf gegen den Rassismus nackig auf dem Boden vor dem Schlosspark-Theater winden.
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Doch den netzgepushten Protestattacken droht Nachwuchsmangel, denn die Fachwelt hat einen neuen In-Trend entdeckt: Ausstieg aus den sogenannten »sozialen« Netzwerken. Noch einmal zu Boris Becker: Der hat in seinem (besten) Werbesport gestaunt: »Ich bin drin!« Bald heißt es also:  Ich bin nicht drin. Ich bin in! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle