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Nach-Lese (vom 14. 1. 2012): Ruin der Erinnerung

Adrian kommt neu in die Klasse von Tony Webster. Sie werden Freunde, sehr enge Freunde, reden über Gott und die Welt, über Literatur und die Mädchen, und irgendwann, Jahre später, zerbricht die Freundschaft. Natürlich wegen eines Mädchens. Jahrzehnte vergehen. Tony, mittlerweile Pensionär, kann sich immer noch haarklein an alle Details der Freundschaft und des Zerwürfnisses erinnern. Da erreicht ihn ein Brief, der seine Erinnerung auf die Probe stellt. Was sich daraus entwickelt, wird hier nicht verraten, denn es ist der Beginn Vom Ende einer Geschichte (Kiepenheuer & Witsch), des sich von Seite zu Seite verblüffender entwickelnden Erinnerungs-Romans von Julian Barnes.
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Das Buch lag auf dem weihnachtlichen Gabentisch und weckte Kurzzeit-Erinnerung an eine Nach-Lese, in der genau die Fragen gestellt wurden, die Barnes’ Protagonist schließlich mit quälender Gewissheit beantworten kann und muss: An was erinnern wir uns überhaupt? An das, was war? Was wahr war? Oder an das, was uns die Erinnerung als wahr vorgaukelt? Durch ihren Filter schönt sie manchem die Vergangenheit und blendet Unangenehmes aus. (Nach-Lese/5. 11. 11). Zu behaupten, dass es für Webster, als sein Filter weg- und ihm es wie Schuppen von den Augen fällt, unangenehm wird, wäre allerdings ein grotesker Euphemismus: Es wird für ihn existentiell erschütternd. Wie Barnes allmählich die Selbstzensur in den Erinnerungen bloßlegt, beweist seine ganze Meisterschaft (Süddeutsche Zeitung).
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Websters Leben gründete 40 Jahre lang auf der nur scheinbaren Gewissheit einer mit den Tatsachen identischen Erinnerung. So viel Zeit ist auch vergangen, seit der Psychologe Philip Zimbardo 1971 in einem Keller der Uni Stanford das legendäre Milgram-Experiment modifizierte. Zur – nun ja – Erinnerung: Stanley Milgram hatte zehn Jahre zuvor Testpersonen in New Haven Schüler beim Lernen überwachen lassen, mit der Maßgabe, ihnen für jeden Fehler Elektroschocks zu versetzen, mit bei jedem weiteren Fehler steigender Intensität. Was die Testpersonen nicht wussten: Die elektrischen Schläge waren nur vorgetäuscht und die »Schüler« Schauspieler, die immer erbarmungswürdigere Schmerzensschreie ausstießen. Testpersonen, die abbrechen wollten, wurden vom Versuchsleiter energisch aufgefordert weiterzumachen – was zwei Drittel auch noch taten, als die Stromstöße, was sie wussten, tödlich gewesen wären. Zimbardo teilte dann 1971 seine Testpersonen in zwei Gruppen auf: »Wärter« und »Gefangene«. Im Gefängnis-Mikrokosmos des Uni-Kellers begannen die »Wärter« schon bald, die »Gefangenen« schwerst zu misshandeln, sodass der Test abgebrochen werden musste.
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Milgram wollte erforschen, wie es zum Holocaust kam, Zimbardo, wie Gelegenheit, Situation und Umstände das Böse hervorrufen. Späte Nachfragen zu beiden Experimenten könnten heute vermutlich auch die manipulative Kraft der Erinnerung beweisen, doch dass misshandelnde »Wärter« oder Stromschlag-Sadisten das Böse in sich nicht akzeptiert, sondern mit dem Erinnerungs-Filter selbstgnädig bearbeitet haben, ist zwar zu vermuten, aber mangels Befragung (noch?) nicht zu beweisen.
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In der Rückschau neigt man auch dazu, sich an die Vergangenheit mit dem Wissen und Wollen von heute zu erinnern und dabei andere ungnädiger zu beurteilen als sich selbst. Aktuelles Beispiel: Das mörderische Neonazi-»Terror-Trio«. Fast einhellig kritisieren Öffentlichkeit und Medien massiv, dass dem Trio trotz erkennbarer »Signale« und Indizien nicht schon vor den Morden das Handwerk gelegt wurde. Aber bei der Vielzahl damaliger (und heutiger) »Signale« und Indizien für unterschiedlichst motivierte schwere und schwerste Straftaten bräuchten wir mehr Gefängnisse als Supermärkte, um jeden vermutbar Gewalt- und Mordbereiten einzusperren.
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Im Nachhinein sind wir alle Besserwisser. Nur wenige wussten schon im Vorhinein besser. Auch von ihnen war in der November-Nach-Lese die Rede, vornehmlich vom erstaunlichen Sebastian Haffner. Nun kommt, jedenfalls für den Nach-Lese-Kolumnisten, ein »neuer« Name hinzu, an den er sich nicht »erinnern« konnte, obwohl es sich, was erst nachgelesen werden musste, um einen großen deutschen Philosophen, Pädagogen und Pazifisten handelt: Friedrich Wilhelm Foerster. In seiner Lebensführung beschrieb er schon 1909 (!), welche individuelle menschliche Verfasstheit Hintergrund der aktuellen globalen Krise ist. Die Bewahrung der inneren Freiheit gegenüber dem Geld wäre am notwendigsten, gerade für diejenigen, die berufsmäßig am meisten mit dem Geld zu tun haben. Denn das Wirtschaften mit den materiellen Gütern verlangt hohe moralische Qualitäten.
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Aber nicht nur von Bankern, Pleitestaaten & Co. Auch von uns, da es zu wenige Menschen gibt, die sich in Geldsachen von Grund aus anständig erweisen, sobald sie wirklich auf die Probe gestellt werden (siehe Milgram, siehe Zimbardo)  – Man denke an Erbteilungen, wo viele Menschen plötzlich zeigen, was sie sind und was in ihrer Seele die Oberherrschaft hat, und wo auch viele wertvolle Naturen durch den überwältigenden Zug zum Greifbaren ihrem besseren Selbst entfremdet werden. Foerster wurde 1917 von seinen Studenten verprügelt, als er über die deutsche Kriegsschuld sprach, aber das nur am Rande.
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Barnes’ Roman fand sich auf dem Gabentisch, Foersters Lebensführung war vor einigen Tagen nur ein vergilbter Zufallsfund, und jetzt blinkt auf dem Lesegerät OYO (auf dem Gabentisch lag auch dieses »Kindle« von Thalia)  auf Seite 85 des dieswöchigen eigenen Lesestoffs die Quintessenz der Erinnerungs-Nach-Lesen auf: Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte um sie herum, und machte sie die Welt rückwärts, gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten ihre Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es spürbar näher zu bringen und zu tragen.
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(Wieder) gelesen im (kostenlos herunterzuladenden) großen Roman von Robert Walser, geschrieben im Jahr 1907: Der Gehülfe. Darin erinnert sich Walser an eigene Lebens- und Leidenszeit als Gehilfe seines fidel und großkotzig dem unvermeidlichen Ruin entgegentraumtanzenden Herrn und Meisters. Und damit schließt sich der Kreis zu Barnes, dessen Tony Webster auch die Welt gleichsam rückwärts überschaut, mit den feinen Armen des Gedächtnisses die Gegenden des Erinnernswerten umschlingend. Bis zum unvermeidlichen Ruin. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle