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Anstoß vom 12. Januar (Wenn Narziß sich in die Hässlichkeit verliebt)

Wir kennen die Animositäten und Aversionen von Dichtern und Denkern gegen den Sport, von Robert Musil (»Ersatzkrieg«) bis Theodor W. Adorno (»Reich der Unfreiheit«) sind sie in unserer Kolumne schon zu Wort gekommen, und die »Mauer zwischen Sport und Geist« war einer der ersten »Anstöße« überhaupt. Die alten Bosheiten der Intellektuellen zielten in grundsätzlicher Absicht gegen den Sport. Nun sind zwei zeitgenössische Autoren hinzugekommen, die Sitten bzw. Unsitten am Rande des modernen Sports aufs Korn nehmen: Julian Barnes und Martin Mosebach.
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In seinem neuen Roman »Vom Ende einer Geschichte« (Crossover: Das Buch wird auch am Samstag in der Feuilleton-Kolumne »Nach-Lese« eine Rolle spielen) nimmt sich der Engländer Barnes den Profi-Fußball vor. Sein alternder Protagonist sinniert über die Freuden des Rentnerdaseins: »›Du kannst Lucas ja zum Fußball mitnehmen, wenn er älter ist‹, sagte sie einmal zu mir. Ach, da sitzt der triefäugige Opa auf der Tribüne und weiht den Kleinen in die Geheimnisse des Fußballspiels ein: Wie man Leute in andersfarbigen Hemden hasst, wie man eine Verletzung vortäuscht, wie man aufs Spielfeld rotzt – guck mal, mein Junge, man drückt fest auf ein Nasenloch, damit es zubleibt, und lässt den grünen Schleim aus dem anderen schießen. Wie man eingebildet und überbezahlt ist und seine besten Jahre hinter sich hat, bevor man überhaupt begreift, worum es im Leben geht. Oh ja, ich freue mich darauf, mit Lucas zum Fußball zu gehen.«
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Sehr, sehr böse beschrieben. Aber auch sehr, sehr gut beobachtet. Und nun kommt Martin Mosebach. In seinem neuen (überwiegend: Reise-) Buch »Als das Reisen noch geholfen hat« ätzt er gegen Freizeit-Sportphänomene wie Joggen und Fitness-Studios: »Der Jogger mit den Stöpseln seines Walkman im Ohr, der sich mit holzwurmartiger Selbstgenügsamkeit im Gewackel seiner Laufschritte fortbewegt, erlebt, von Filmmusik umrauscht, sich selbst als einsamen Helden eines unerhörten Dramas. In mit ledergepolsterten Folterinstrumenten ausgestatteten Gymnastikstudios wird in zeitlosem Versunkensein die Hantel des Sisyphos gestemmt. Mit unbefangenem Blick gesehen, gleichen diese Studios wahrlich einer antiken oder dantesken Hölle, in der die Verdammten schweigend und ächzend die ewige qualvolle Strafarbeit verrichten, die ihrem Laster auf der Erde in höhnisch perverser Weise entspricht.«
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Und dann kommt Mosebach zum »schrecklichsten der Schrecken« – moderne Sportkleidung: »Das Unvorstellbare, dass Narziß sich einmal in die Hässlichkeit verlieben würde, das hat uns die heutige Sportkleidung geschenkt. Widrig Hautenges, den Leib wie ein Ganzkörperpräservativ Umspannendes, und formlos Schlabberndes markieren die beiden Generaltendenzen. Die Farben sind stets Nicht-Farben, entweder signalkreischend oder tot und erstickt: giftig pink oder betonblau. Sportkleidung wird am besten immer getragen. Sie vermittelt, ob im Büro oder beim Verzehren eines Würstchens an der Imbissbude, ob im Auto oder zu Hause vor dem Fernseher, für den ganzen Tag das Gefühl, mit der von ihr gewährten Bequemlichkeit gegenüber der gesamten Menschheit im Recht zu sein.
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Dass Mosebach mit dem Sport und seinen Randerscheinungen derart unbarmherzig zu Gericht geht (ja, zugegeben: auch großartig, auch witzig, auch genial), könnte mit schulkindlicher Traumatisierung zu tun haben: »Ich gehörte zum Häuflein der ›Flaschen‹ und Drückeberger, die am Rande des Spielfelds herumlungerten und so taten, als sei ihnen schlecht oder als hätten sie sich die Zehen gequetscht.«
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Klar, die Typen kennen wir! Von Mosebach wissen wir zudem, dass er stets klassisch korrekt gekleidet ist. Man hat ihn sogar schon, will das Gerücht wissen, im Frankfurter Stadtverkehr im Dreireiher mit Weste und Einstecktuch auf dem Fahrrad gesichtet. Wenn wir ihn dort demnächst im Ganzkörperpräservativ überholen, stecken wir ihm unsere quietschbunte Miniluftpumpe als Ersatzrose ins Knopfloch. Als Dank dafür, dass er uns den Spiegel vorhält. Ob es wirklich nur ein Zerrspiegel ist? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle