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Sport-Stammtisch (vom 7. Januar)

Ich muss gleich zum Emir. Also flott ran an die Kolumne: Dass die Rallye Absurdistan immer noch offiziell Rallye Dakar heißt, obwohl nur noch durch Südamerika gebrettert wird, soll uns heute nicht weiter interessieren. Dass ein Teilnehmer von einer Kuh überfahren wurde, die nach einem Hitzschlag ins Koma fiel … nein, wie war das? Ach so: Ein Fahrer fiel nach Hitzschlag ins Koma, eine Kuh wurde überfahren. Fahrer wieder fit, Kuh tot. Auch das ist kein Thema, und dass es fundamentalistische Tierschützer gibt, die einen umgekehrten Ausgang bevorzugt hätten, ist nur eine andere absurdistanische Variante unserer Zeit.
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Nein, uns geht es nicht um die Rallye Dakar, sondern um die Rallye Katar, und die führt von München über Katar nach Neu Delhi und über Katar zurück nach München, alles in einer guten Woche, und die Teilnehmer können sich dabei sogar noch ihrem liebsten Hobby widmen, dem Fußball. Es sind die Spieler des FC Bayern, die während ihres einwöchigen Trainingslagers in Katar einen Abstecher nach Indien machen, um in einem Werbespiel den asiatischen Markt zu pflegen. Ein absurdistanischer Wahnsinn, den auch andere Welt-Topklubs auf sich nehmen müssen und der erklären kann, warum Barcelona international und Bayern national doch nicht unschlagbar sind: Je besser, desto mehr leistungsstörende Nebengeräusche. Der weitere Saisonverlauf wird jedenfalls spannender als vermutet, zumal Dortmund Champions-League-Kräfte sparen kann und mit der Reus-Verpflichtung weiteren Aufwind erhält, schon bevor der Umworbene das BVB-Trikot tragen kann. Reus und in der Perspektive auch Leonardo Bittencourt, auf den alle Jagd gemacht hatten, bringen den BVB zusammen mit dem starken Stamm-Potenzial langsam in die FCB-Liga . . . und dann müssen die Borussen in ihrem nächsten Trainingslager ebenfalls nach Asien düsen.
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Davor muss Eintracht Frankfurt keine übermäßige Angst haben, obwohl einer ihrer Großsprecher, Ex-Schatzmeister Rainer Leben, vor einem Dutzend Jahren angekündigt hatte: »Wir brauchen einen Michael Jackson auf dem Rasen. Wir sind eine urhessische Traditionsmarke, die mit einem innovativen Vereinskonzept eine europäische Marke wird.« Mittlerweile ist Michael Jackson unter dem Rasen, und neben dem Rasen stand unter anderen Trainern auch Michael Skibbe, der nun mit großer Genugtuung den Lieblingsspruch geschasster Trainer aufsagt: »Mit mir wäre die Eintracht nie abgestiegen.« Niemand kann ihm das Gegenteil beweisen, obwohl Skibbes Wohlfühl-Training zur irreparablen physischen und psychischen Verfassung geführt hat, an der auch ein Klopp oder Heynckes nichts mehr hätten ändern können, Daums Doktorzauberspielereien schon gar nicht.
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Auch die ARD kann zaubern: Heute von Sonnenaufgang bis weit nach Sonnenuntergang Wintersport nonstop zu senden, ist allerdings fauler Zauber. Auch Skeleton wird gezeigt, jene Sportart, die einst Gunther Sachs in St. Moritz eingeführt hat, die wir aber schon früher als Sachs auf der Todesbahn am Friedhof (ja!) praktizierten: »Bauchplatscher« den Hang hinunter. Nur unseren Warnruf hört man heute nicht mehr. »Bahn frei, Kartoffelbrei!«
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Rummms! Nach all den Besserwissereien die Klatsche: Gestern im »Nachdruck«-Retroanstoß den Vornamen von Brecht falsch geschrieben. Berthold! Bin mir unhold. Dass mir der vom 1979-Text übernommene Fehler sogar als absichtlicher Gag zugute gehalten wird (weil  von Bildern als Belohnung für entdeckte »gw«-Fehler die Rede war), macht die Sache  nicht besser. Mich darauf rausreden, dass  Brechts Taufname in der Tat Berthold ist (Bert bzw. Bertolt nannte er sich erst später), will ich auch nicht.  Zum Glück hat kein Leser geschimpft oder gar gedroht, die Sache zu veröffentlichen. Dem hätte ich auch auf die Mailbox gewulfft!
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Ach ja, der arme Kerl. Spricht vom überschrittenen Rubikon und geht damit als Bundespräsident über die Wupper. Jetzt höhnen und spotten alle. Ich daher nicht mehr, wie vor einem Jahr über Vronisihrnfreundfreund. Man kann dieses kleinbürgerliche Emporkömmlingsdrama sowieso auch positiv sehen: In anderen Zeiten und auf anderen Kontinenten gerät ein Präsident erst in Bedrängnis, wenn er zu viele Milliarden beiseite schafft oder gar rauben und massenmorden lässt. Bei uns wackelt er wegen ein paar Prozenten bei der Eigenheim-Finanzierung. Tu felix Germania.
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Immerhin dürfte Wulff mit einem geflügelten Wort seine Amtszeit überdauern. Er sprach es, so die »SZ«, während seines Staatsbesuchs in Katar als ersten Satz auf die Mailbox des »Bild«-Chefs: »Ich muss gleich zum Emir.« Noch ein sehr schöner Satz, der bleiben wird, aus dem Internet gefischt: »Auch Wulff gehört zu Deutschland.« Und ich muss gleich zum Emir. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle