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„Nachdruck“-Anstoß (vom 6. Januar): Krummes und Schräges

In loser Folge gehen wir mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit unveränderten »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten, die Irrungen und Wirrungen dieser Jahre in Erinnerung rufen, nicht zuletzt auch die eigenen. Neben den großen Themen gab es auch die kleinen, scheinbar harmlosen über Sport, Gott & die Welt, meist gebündelt im »Sport-Stammtisch«, der am 31. März 1979 seine Premiere feierte. Im 33. Jahr wollen wir mehrmals auf die Anfänge dieser Kolumne zurückblicken, zum krummen Jubiläum und mit oft schrägen Themen.
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Der Polizei ein Freund und Helfer – unter diesem Motto suchte ich ein halbes Dutzend Porträts von Turn-Ass Gienger aus unserem Foto-Archiv heraus, um bei der Fahndung nach einem jungen Mann zu helfen, der eine Apotheke in Ranstadt überfallen hatte und nach Zeugenaussagen verblüffende Ähnlichkeit mit Eberhard Gienger besitzen soll. Mit Hilfe unserer Fotos wurde ein sogenanntes »Pik«-Bild erstellt, doch bisher ohne Erfolg – der Gienger-Doppelgänger ist noch nicht gefunden.
 (28. März 1979)
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In Schülerkreisen scheint es sich herumgesprochen zu haben, dass wir in der Sportredaktion immer wieder mal schöne Sportfotos übrig haben. Damit unser Bestand nicht zu schnell schmilzt und damit sich die Jungs und Mädchen nicht nur für den Sport interessieren, sondern ihn auch selbst ausüben, gibt es demnächst Bilder nur noch gegen Vorlage einer Urkunde – zum Beispiel von Bundesjugendspielen –, die eigene sportliche Betätigung dokumentiert. Bei manchen Bild-Interessenten hatten wir nämlich den Eindruck, dass sie gar zu frühzeitig dem schlechten Vorbild manch eines erwachsenen Pantoffel- und Fernsehsportlers nacheifern.  (16. Mai 1979)
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Über Leserbriefe freuen wir uns immer, auch wenn sie kritisch sind. Wie dieser (im »Originalton«): »Mit seinen Entscheidungen brachte er Zuscher wie Spieler zur Weisklut der es fertich brachte zu sagen ich habe das Abseits wohl gesehen aber Tor gepfiffen denn es kann mir keiner beweissen das ich gesehen habe so eine Ausage und das zweimalige Handspiel was ein Blinder gesehen hätte deshalb möchte jeden Verein warnen vor einem Schiri mit Namen W. der noch sagte ich bin Poliseibeamter was wolt ihr den.« – Schlusssatz: »Ich vertrae darauf das ein leser seine meinung äusern darf und auch veröfentlicht wird.« – Na klar! (23. Mai 1979)
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»Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.« An dieser Binsenweisheit sind zwei Dinge erstaunlich. Zum einen, dass sie von Berthold Brecht stammt und bereits im Jahre 1928 (!) ausgesprochen wurde, zum anderen, dass sie noch heute nicht von jedem geglaubt wird. Man sollte diesen Brecht-Satz ohne großes Wehklagen akzeptieren, Sportunfälle und Gesundheitsrisiken als unvermeidlichen Tribut an den Hochleistungssport hinnehmen und sich dafür der optisch nicht erfassbaren Brutalität zuwenden und alles tun, um die Gefahren zu verringern, die im Kindersport, in der Manipulation durch Geld und Geltungssucht, der Verführung zu falschen Lebenseinstellungen der sporttreibenden Jugendlichen und einer gewissen Desensibilisierung liegen. Gut dazu passt Karl Adams, des Ruderprofessors, Ansicht, dass der Faustkampf eine ideale Möglichkeit sei, den Umgang mit der Gefahr zu erlernen. Das Verbot einer brutalen Sportart war in seinen Augen »nur ein Schritt von der Welt der Wölfe zu einer solchen der Möpse«. (30. Mai 1979)
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Phantombild eines Kriminellen mittels Gienger-Foto aus unserem Archiv! Überhaupt, die Fotos: Begehrte Sammel-Objekte für Kinder und Jugendliche, die in die Redaktion kamen und eine Siegerurkunde vorweisen mussten! Auch bei Erwachsenen waren Sportler-Fotos begehrt – ich setzte sie als Prämie aus (die Fotos, nicht die Erwachsenen)  für Fehler, die von Lesern in »gw«-Artikeln gefunden wurden (beinahe wären uns die Fotos ausgegangen). Das waren noch Zeiten! Karl Adams Möpse allerdings haben uns über die Jahrzehnte hinweg begleitet – zuletzt erst gestern. So schließt sich der Kreis. Und kreist weiter. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle