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Anstoß (vom 5. Januar): Martin Schmitt und die Rallye Dakar – Aufhören? Verbieten?

Gehört Martin Schmitt verboten? Sollte die Rallye Dakar aufhören? Bei den aktuell heiß diskutierten Fragen kann man leicht durcheinander geraten, denn einiges wird durcheinander gebracht.
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Versuch, beides auf die richtige Reihe zu bringen: Sollte Martin Schmitt aufhören? Die mediale Antwort ist eindeutig: Ja. Weil er nicht mehr ganz vorne mitspringt. Weil er   Innsbruck verpasst hat, als siebtbester Deutscher in Garmisch (sechs wurden nominiert). Weil er seit 2002 kein Weltcupspringen mehr gewonnen hat.
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Dass Schmitt immerhin noch 2009 Vizeweltmeister auf der Großschanze und Gesamtvierter der Tournee war, passt den Niederschreibern statistisch nicht ins Konzept. Und: Siebtbester Deutscher – wer von denen, die Martin Schmitt nieder-, ab- und wegschreiben, könnte von sich behaupten, im deutschen Sportjournalismus so weit vorne zu stehen? Sehr weit hinten rangieren jedenfalls alle, die Schmitt noch vor ein paar Tagen und wohl mangels anderer Schlagzeilen für Platz 13 in der Garmisch-Qualifikation sportlich total sinnlos zwischenhochgejubelt hatten.
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Ein alternder Boxer kann durchaus einen Kampf zu viel machen, von dem ihm die Medien massiv hätten abraten sollen (Ali!). Aber höheres Alter erhöht die Risiken im Skisprung nicht, eher im Gegenteil, weil die jugendliche Bedenkenlosigkeit fehlt, jener weitenfördernde Bonus, während erfahrene, gereifte Skispringer mit dem Weiten-Malus des kritischen Hinterfragens zurechtkommen müssen.
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Vielleicht hört Schmitt nur wegen seines Milka-Vertrags nicht auf und weil er noch keine andere Lebensperspektive entwickelt hat. Aber womöglich macht er auch weiter, weil er ganz einfach Lust aufs Skispringen hat. Noch einmal: Sollte Martin Schmidt aufhören? Ja. Aber nur, wenn und wann ER will – und nicht die anderen.
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Zur zweiten Frage: Gehört die Rallye Katar verboten? Sorry, kleiner Freudscher Verschreiber. Nach und in Katar sind ja die Münchner Bayern unterwegs, sogar bis nach Indien und zurück, aber das ist ein anderes Thema (kleiner Schlenker dazu am Samstag im »Sport-Stammtisch«). Also: Rallye Dakar, früher Rallye Paris – Dakar, jetzt in Südamerika beginnend und – egal auf welcher Route – immer durchs wilde Absurdistan führend. Dabei kommt es auch zu spaßigen Situationen, zum Beispiel, als ein VW in der Wüste im Wasserloch stecken blieb, aber spätestens nach dem ersten Toten beginnen die Betroffenheits-Diskussionen. Und die gibt es immer, denn im statistischen Dakar-Schnitt wird pro Woche ein Negerkind totgefahren.
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Zusammengezuckt? Wegen der Tatsache an sich? Oder wegen der unkorrekten Wortwahl? Dann nennen wir die bei der Rallye Dakar unschuldig zu Tode Kommenden einfach mal Möpse. Kleine, süße Hundewelpen. Und kommen zum entscheidenden Unterschied: Wenn bei der Rallye Dakar ein Fahrer tödlich verunglückt, ist das traurig für seine Freunde und Angehörigen, aber nicht tragisch, denn dieses Wort passt nicht, wenn mut- und freiwillig lebensgefährliche Risiken eingegangen werden. Denn sie wissen, was sie tun.
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Es gibt das alte und in dieser Kolumne schon oft bemühte Bonmot (vom legendären Ruder-»Professor« und Boxtrainer Karl Adam), ein Verbot des Boxens würde aus der Welt der Wölfe eine Welt der Möpse machen wollen. Gilt auch für die Rallye Dakar. Also kein Verbot. Aber mit der Einschränkung: Absoluten Vorrang haben muss der Schutz der Möpse vor den motorheulenden Wölfen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle