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Montagsthemen (vom 2. Januar)

Gute Vorsätze. Zum Beispiel Horst Seehofer. Gönnerhaft verkündet der CSU-Chef am 31. Dezember 2011, er wolle sich »sehr darum bemühen«, Guttenberg zurückzuholen. Das solle aber nicht öffentlich, sondern im privaten Gespräch erfolgen. Seehofer kündigt es nicht im privaten Gespräch, sondern öffentlich an. Noch 2011, und schon der schnellst gebrochene Vorsatz für 2012.
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Aber das kennen wir ja. Von uns selbst. Vor allem, wenn’s um Sport geht. Alle Jahre wieder, Massen von Spritzgebäck haben sich in konzentrischen Ringen um die Körpermitte gelegt, nehmen wir uns vor: Jetzt wird trainiert und abgespeckt, bis die Schwarte kracht! Aber Vorsicht: Wer so denkt, dem kracht die Schwarte vielleicht schon, wenn noch kein Gramm Fett geknackt ist.
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Gilt nicht nur für sporadisch ehrgeizige Neujahrsbürger, sondern auch für Sportprofis: Abrupt hartes Training, restalkoholisiert, nach einer durchzechten Nacht (oder nach scheinbar harmlosem Infekt), kann lebensgefährlich sein. Totmacher-Spruch von gewissen Trainer-Haudegen: Wer säuft, kann auch trainieren.
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Eben nicht. Was aber keine Ausrede für einen faulen Sack sein darf, auf demselben liegen zu bleiben. Nehmen wir uns für die guten Vorsätze daher ein Beispiel an einem alten Lieblingslied meiner liebsten Zielgruppe: Frauen kommen langsam, aber gewaltig. Was das bei Frauen bedeutet, haben wir nie kapiert, wohl aber, was es für unsere eigenen sportlichen Anstrengungen heißt: Erst anfangen, wenn Alkohol- oder sonstige Beeinträchtigung abgeklungen ist, behutsam einsteigen, langsam steigern – und dann langfristig gewaltig zum Erfolg kommen.
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Was Frauen und Männer unterscheidet, dafür gibt es tausend Beispiele. Tausendunderstes: Schizophrene Männer fühlen sich von anonymen Mächten wie Geheimdiensten oder der Mafia bedroht, Frauen von Menschen aus ihrer näheren Umgebung. Das sei evolutionär bedingt, meint der Psychiater Martin Brüne von der Uni Bochum, auf den wir noch zu schreiben kommen. Aber zunächst zum besten und am einfachsten zu verwirklichenden guten Vorsatz: Optimut!
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Ähnliches fordert Matt Ridley, Autor des Buches »Der rationale Optimist«, den die Süddeutsche Zeitung in ihrer Silvesterausgabe interviewt. Ein kleiner persönlicher Schock, denn Ridley spricht von Dingen, die am selben Tag in unserer Silvester-Kolumne stehen: Über die Pferdeäpfel im Postkutschen-London, mit denen man Apokalyptiker ebenso veräppeln kann wie mit dem in den Achtziger Jahren für 2000 verkündeten Tod der Wälder. Bin ich ein Abschreiber, ein KT der Sportkolumnen? Ach wie gut, dass es den »gw«-Blog »Sport, Gott & die Welt« gibt, denn dort stand der Samstags-»Anstoß« schon am Freitag online.
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Dennoch wird es immer schwieriger, in diese Kolumne neue Gedanken und Begriffe und sogar abseitige Albernheiten einzuführen, über die nicht jeder mit einem Klick mehr und Genaueres im Internet lesen kann. Zum Beispiel die grammatische Nonsens-Form »abgeschwiffen«, im Kopf des Kolumnisten geboren und vermeintlich ein Unikat, bis er nach mehrmaliger Verwendung das Wort suchwortelte und tausendfach »Abgeschwiffenes« fand.
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Ähnlich würde es ihm, glaubte er, also ich, mit dem »Optimut« ergehen. Das Wort wurde erstmals in den frühen Dreißiger Jahre im legendären »Kabarett der Komiker« (mit Werner Finck) gesprochen, als »zusammengebraute Gesundheitsmischung aus Optimismus und Mut«. Aber siehe da: Bei Google angeklickt, gibt es bei »Optimut« zwar 16 000 Treffer, aber zumindest die ersten hundert sind fast ausschließlich französisch- oder englischsprachige Firmen- oder Produktnamen, und der erste deutsche Optimut ist eine »einseitige Kantenanleimmaschine mit und ohne Lärmschutzverkleidung«.
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Und nun noch einmal zu Psychiater Brüne, der uns auf die Vorteile hinweist, wenn wir unsere guten, auf Glücksgewinn zielenden Vorsätze zwar anstreben, aber nicht erfüllen. Es gibt einen Forschungstrend, nach dem es »keine selektiven Vorteile bringt, immer nur froh und glücklich zu sein. Vielmehr könnte es so sein, dass eine gewisse Unzufriedenheit Menschen erst dazu antreibt, aktiv zu werden und ihre Lage zu verbessern«.
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Gute Vorsätze. Zum Beispiel, die Sport-Kolumne mit Sport zu füllen. So habe also auch ich heute den Seehofer gemacht. Aber ich gebe nicht auf, weder was den Sport in der Kolumne noch was die konzentrischen Spritzgebäck-Ringe angeht. Ob mit oder ohne einseitige Kantenanleimmaschine – Hauptsache Optimut! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle