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Sport-Stammtisch vom 31. Dezember

Späte Übereinstimmung. Als eine monströse PR-Maschinerie angeworfen wurde, um aus dem Familienfest einer Randsportart ein neues deutsches GröFaZ zu machen (größtes Fußballfest aller Zeiten), ahnte und schrieb ich, dass die deutschen Spielerinnen dem Erwartungsdruck eines wie selbstverständlich mit Glanz und Gloria zu gewinnenden WM-Titels nicht standhalten könnten und sie die enttäuschten Verliererinnen des absurden Megaeventrummels sein würden. Um im künstlich produzierten »Sommermärchen 2« nicht den Spielverderber geben zu müssen, konnte ich dann mein früh gegebenes Versprechen, kein böses Wort mehr zur Frauen-WM zu schreiben, nur einhalten, indem ich nicht nur kein böses, sondern gar kein Wort dazu schrieb. Als sich die abgrundtief enttäuschten Spielerinnen nach dem WM-Aus verzweifelt auf dem Rasen wanden, fühlte ich nicht die Spur besserwisserischer Schadenfreude, sondern nur Mitleid mit Sportlerinnen, die beim wichtigsten und größten Wettkampf ihres Lebens Opfer einer wahnwitzigen Propaganda wurden. Und nun, am Jahresende, bestätigen Bundestrainerin Neid und die Nationalspielerinnen Angerer und Bartusiak in einem großen »Bild am Sonntag«-Interview, dass der riesige Druck der überdimensionalen Erwartungen für das WM-Scheitern verantwortlich gewesen sei.
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Und noch eine späte Übereinstimmung, ebenfalls in »BamS« entdeckt (von »Anstoß«-Leser und Althandballer Michael Haitsch aus Biebertal): Nachdem ich Jahr für Jahr als mein wahres, einziges, echtes Unwort des Jahres für »Unwort des Jahres« gestimmt habe, schlägt nun auch »BamS« das »Unwort« als »Unwort des Jahres« vor.
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Ach ja, Dankeschön für viele freundliche Grüße und Wünsche. Einen greife ich heraus, aus bestimmtem Grund: »Nach turbulenten Jahren in der Ferne bin ich seit ein paar Monaten wieder in Deutschland, zusammen mit meinem Sohn. Während er sich mit der Unbekümmertheit seiner Jugend ziemlich rasch wieder eingelebt hat, fällt mir das doch wesentlich schwerer. Aber trotz allem bleibt mir immer wieder die Vorfreude auf das Lesen Ihrer Kolumnen. Mit den besten Wünschen für die Zukunft, Helmuth Born«.
Helmuth Born war vor vielen Jahren von Karben nach Thailand ausgewandert und gehörte dort zum ersten kleinen Stamm von in alle Welt verstreuten hessischen Lesern, für die der Online-»Anstoß« eingerichtet wurde. Der heißt nun »Sport, Gott & die Welt« und war also schon ein Blog, als es das Wort Blog noch gar nicht gab. Leser Born verdanke ich auch meinen bescheidenen thailändischen Wortschatz, denn damals grüßte er mit »Sawadee khrap«, und als ich hoffte, dass keine »asatische Unanständigkeit« dahinter steckt, klärte er auf: »Sawadee ton tschau, Khun gw, auch dies ist keine asiatische Unanständigkeit, sondern bedeutet: Guten Morgen, Herr gw«.
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Zu guter Letzt . . . nein, leider zu schlechter Letzt muss in dieser Jahresabschlusskolumne eine weltexklusive Meldung verkündet werden: Die Olympischen Spiele in London fallen aus! Und zwar, weil .  .  . aber zuerst die andere Schreckensmeldung, gestern erst in meiner aktuellen Fortbildungslektüre »Bildatlas der Bäume« gefunden: »Im Jahr 2000 werden alle Wälder der Erde ausgebeutet sein, um den Bedarf der wachsenden Weltbevölkerung zu decken, auch weil sich der Papierverbrauch im 20. Jahrhundert verzwanzigfacht hatte«. Nanu? Ich suche blätternd nach dem Erscheinungsdatum. Ach so! 1983.
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Weder ist der Wald gestorben, noch wird er des Papiers wegen total ausgebeutet sein, denn Papier ist in Zeiten des Internets mit den Pferdeäpfeln im London des  18. Jahrhunderts zu vergleichen, als gesellschaftliche Warner die apokalyptische Rechnung aufmachten, die Stadt läge in hundert Jahren unter einer zwanzig Meter dicken Schicht aus Pferdemist begraben, wenn sich die Zahl der Pferdefuhrwerke gleichbleibend schnell vergrößere.
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Daher also fällt Olympia in London aus – allerdings nur für rechthaberische Apokalyptiker, denn im London-City des 21. Jahrhunderts gibt es nicht nur aus hessischer Sicht viel mehr »Äppel«« als im 18. Jahrhundert, aber die stammen nicht mehr von Pferden, sondern von Steve Jobs. Hoffen wir also, dass die Apokalyptiker von heute mit ihren Schreckensankündigungen für 2012 genauso richtig liegen wie alle Wald-und-Äppel-Apokalyptiker seit je her. Prosit Neujahr! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle