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Das war’s im November/Dezember: Bernie Bushido und . . . mein lieber Scholli!

Samstag, 5. November: Nach Schweinsteigers Bruch des Schlüsselbeins (Clavicula) kann ich stolz behaupten, in den Journalismus die Methode des »method acting« übernommen zu haben (Wikipedia: »US-Variante des Naturalismus im Schauspiel. Der Schauspieler arbeitet dabei mit Erinnerungen an eigene Erlebnisse«). Um Schweinsteigers Verletzung naturalistisch beschreiben zu können, habe ich sehr methodisch agiert und mir ebenfalls das Schlüsselbein gebrochen, um als einzig anerkannter Clavicula-Fachjournalist diese Verletzung kompetent analysieren zu können.
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Montag, 7. November: Kyrgiakos war, warum auch immer, ein Liebling der Eintracht-Fans. Der alte griechische Haudegen kam aus England, wo er sich weigerte, englisch zu lernen, nach Deutschland, wo er sich weigerte, deutsch zu lernen. Wie spricht Magath mit ihm? Ach so, überhaupt nicht. Wie mit jedem Spieler. Kyrgiakos selbst verständigt sich nicht mit Worten, auch nicht mit Händen und Füßen, sondern mit dem Ellbogen. Kurzes, knackiges Gespräch mit Subotic. Seitdem hat er stumm unseren Wortschatz erweitert: »Gesichtsmittelbruch.«
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Samstag, 12. November: In sooo großen Schlagzeilen wurde er gefeiert und im »heute-journal« in epischer Länge gepriesen: Der junge Mann, der idealtypisch den Geist der Zeit verkörpert. Unser neuer Held. Nicht Özil oder Götze, sondern Heinz. Vorname Pius, der Fromme. Poker ist gesellschaftsfähig geworden, was folgerichtig ist, da auch in der Finanzwelt das Zocken, Pokern und Wetten (auf Schweinehälften, Ernten, Staatsbankrotte) maximalen Profit verspricht und die Gegenspieler aus der Politik derart schlechte Karten haben, dass sie Zuflucht beim Schneeballsystem suchen. Und jetzt katapultieren sie die Schneebälle sogar mit mächtigen Hebeln, das vervielfacht auch die Lawinengefahr.
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Montag, 14. November: Auf die simple Frage des Richters, ob er den Bayern-Banker Gribkowsky mit 44 Millionen Dollar bestochen habe, faselte Ecclestone fast so unverständlich herum wie Bushido bei seiner wirren Bambi-Rede. Anmerkung für Leser der Corega-Tabs-Generation: Bushido ist kein japanisches Geriatrikum, sondern der Künstlername eines Milieusprechsängers (= Rapper).
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Donnerstag, 17. November: Als die Holländer Fußball spielten wie die Deutschen am Dienstag, wer gewann dann bei den großen Turnieren? Deutsche, die wie die Dienstags-Holländer spielten. Von daher bedeutete der grandiose 3:0-Sieg zwar eine kleine Sternstunde – aber eben nur eine kleine. Große erlebt man nur bei großen Turnieren
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Montag, 21. November: Da an jedem Bundesliga-Spieltag zu viele Reporter zu viele Mikrofone zu vielen Fachprominenten unter die Nase halten, taten sie dies auch am Samstag. Und so verbreiteten sie eine Rekordzahl an hilf- bis sinnlosen Worthülsen zur Rafati-Tragik. Huub Stevens: »Es ist kaum zu glauben, dass so etwas passiert. Dafür finde ich kaum Worte. Die Gesundheit ist immer das Allerwichtigste.«
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Dienstag, 13. Dezember: Dass Guttenberg europäischer Sonderbeauftragter für die Freiheit im Internet wird, gehört zu den absurden Ausbuchtungen der Realität, die Kabarettisten das Leben so schwer machen. Jetzt muss er aber auch Bundesvorsitzender der PIPI (PIratenParteI) werden, denn wer wenn nicht er gehört an die Spitze der Bewegung, die das Recht auf geistiges Eigentum auf den Papiermüllhaufen der Copyright-Geschichte werfen will.
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Dienstag, 20. Dezember: Bei Youtube mehrmals ein neues Trainings-Video von Jacko Gill angesehen. Der Junge ist 16 und springt buchstäblich über Tische und Bänke. Dunking mit der Kugel, seltsame Übungen mit der Hantel, schon beim Sehen tut die eigene Wirbelsäule weh. Den Jungen treibt was. Hoffentlich nicht der Wahnsinn. Schule schon geschmissen, ist Profi-Kugelstoßer, trainiert dreimal am Tag bzw. in der Nacht (steht erst um 12 auf, dritte Trainingseinheit nachts um zwei). Sensationell die Sprungkraft, scheint auch sehr sprintschnell zu sein. Hat mit der Männerkugel schon 20,38 gestoßen und gestern seinen abgefahrensten Weltrekord verbessert, den mit der 5-kg-Kugel seiner Altersklasse auf 24,45 m. Hoffentlich geht das alles gut.
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Freitag, 23. Dezember: Die fiese Attacke von Jones war derart brummsdumm, dass sie nur mit einem geistigen Aussetzer erklärbar scheint. Denn fiese Attacken mögen zur Bonameser Straßenkultur gehören, Brummsdummheit aber nicht. Sehen wir das Positive: Wie anständig und fair sich Reus verhält und sich trotz insistierender Reporterfragen nicht in die gewünschte fassungslose Empörung treiben lässt, das gibt einen dicken Sympathiepunkt! Von denen hat Mehmet Scholl in unseren Kolumnen schon viele gesammelt, in diesem Ranking steht er in den Anstoß-Top 10 weit oben, aber jetzt fällt er mit einem mindestens doppelten Malus zurück (»Das gehört zum Fußball. Hauptsache solche Spieler sind in der eigenen Mannschaft«). Bei aller Sympathie für Scholli, bei aller Kritik an Netzer (für beides gibt es viele Dutzend Belege im »Anstoß«-Archiv): Die Statur von Netzer hat Scholl nicht, Netzer hat nicht nur buchstäblich eine größere Schuhnummer. Dass sich dem Schreiber bei diesen Sätzen fast die Finger querstellen, ahnt der geneigte Leser. Mein lieber Scholli!
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Sonntag, 25. Dezember: »Der legendöre Johannes Heesters ist tot«, schreibt dpa. Schöner Schreibfehler, schönes neues Wort: »legendör«. Dem Inscheniör ist nichts zu schwör, drum Daniel D. ist legendör. Auch eine schöne Meldung der Weihnachtsnacht: Uli Stein wird 65. Test auf Fußball-Fachidiotie bestanden, denn erster Gedanke war: Schon so alt? Erst dann gerafft: Nicht der Torwart, sondern der Comic-Zeichner Uli Stein wird 65.
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Ohne weitere Worte: »Ich hoffe, dass dadurch ein Boom für die ganze Sportart entsteht wie damals nach meinem Sieg in Wimbledon für das Tennis.« (Boris Becker im WamS-Interview zum Poker-WM-Sieg von Pius Heinz) (gw)

Baumhausbeichte - Novelle