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Das war’s im September: Zwei Milchbubis und ein Fehlstart als „Renner“

Donnerstag, 1. September: Bolts Fehlstart: Dass der Superstar nicht rennen durfte, war der Renner der ersten WM-Halbzeit. Die Regel ist blöd, aber auch blöde Regeln müssen eingehalten werden, denn dass sie, ob blöd oder nicht, für alle gelten, ist die Basis des Wettkampfsports.
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In Zusammenhang mit den Diskussionen um Pistorius war ich schon vor einiger Zeit auf die Geschichte eines einbeinigen Collegesportlers gestoßen, der vor knapp 30 Jahren im »normalen« Football- und Basketball-Collegeteam mitspielte und sogar den Dunking schaffte – ohne Prothesen, einbeinig! Aus meiner Sicht eine der unglaublichsten und bewundernswürdigsten Leistungen der Sportgeschichte. Der mit nur einem Bein geborene Carl Joseph, genannt »Sugarfoot«, ist noch auf youtube in alten Videos zu sehen. Wer’s nicht kennt, muss sich das unbedingt anschauen. Unfassbar. Wahnsinn. Dazu aber die schon einmal gestellte Frage: Warum würde »Sugarfoot« in einer gewissen olympischen Traditionssportart schon bei der ersten Bewegung disqualifiziert? (Beim Gehen, denn dort muss immer ein Bein am Boden sein)
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Samstag, 3. September: David Storl hat noch ein Milchbubigesicht und gehört zu den Namen, die unsere Leser lange vor dem Gros der deutschen Zeitungsleserschaft kennengelernt haben. Vor etwas mehr als zwei Jahren, niemand außerhalb enger Expertenkreise hatte schon von dem jungen Kugelstoßer gehört, stand diese Notiz in den »Montagsthemen«: »David Storl, knapp 18 Jahre jung, unglaubliches Talent, kein frühentwickeltes Muskelmonster, sondern begnadeter Techniker. ›So etwas habe ich noch nie gesehen. Von ihm werdet ihr noch hören!‹« – Nun ist es so weit. Phantastisch, der Junge. Aber auch den möglichen und noch viel jüngeren Nachfolger des jungen Storl haben wir hier schon vorgestellt, vor einem Monat: »Und jetzt gibt es einen 16-jährigen Neuseeländer namens Jacko Gill, weder besonders groß, stark oder frühreif, der bei der Junioren-WM die ältere Konkurrenz um vier Meter (!) distanzierte und mit blitzschneller und blitzsauberer Drehung unfassbare 24,35 m weit stieß (5-kg-Kugel). Merken Sie sich den Namen: Jacko Gill.« Milchbubi-Showdown in London? (Mehr dazu im Dezember-»Das war’s«)
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Samstag, 10. September: Der Sport selbst ist seinen Beschrei(b)ern immer einen Schritt voraus. Hübsches Beispiel US Open: Da liegt das deutsche Medienland im »Petko«-Fieber, nimmt ganz am Rande noch zwei andere Spielerinnen wahr (Lisicki, Görges) – und plötzlich steht eine gewisse Angelique Kerber im Halbfinale. Herrlich.
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Montag, 19. September: Großes Werbebild für ein bekanntes Mode-Label, ein (wie immer dürres) gestyltes Model sitzt mit künstlichen Tränen in den Augen und offenbar schwer depressiv auf den Gleisen. Die Botschaft ist klar, und zu befürchten ist, dass sie weltweit bei dafür Anfälligen auch »richtig« ankommen wird. Tres chic. Die demnächst daraus resultierende Suizid-Statistik aber ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun.
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Mittwoch, 21. September: Soeben ist Tony Martin Zeitfahr-Weltmeister geworden. Mit Riesenvorsprung und einem Schnitt von 51 km/h. Also mehr als doppelt so schnell wie ich auf meiner Tanklager-Runde (okay, wenn die so flach wie in Kopenhagen wäre, käme ich vielleicht auf 29 km/h). Die Leistungen der Spitzenleute aller Sportarten kann man wohl nur dann richtig würdigen, wenn man sich auch in ihrem Metier versucht, nicht nur mal so, sondern intensiv, über längere Zeit und dann sein Limit erreicht und erkennt. Und dann seine vergleichsweise armselige Leistung mit den Besten vergleicht. Das fördert ganz allgemein den Respekt vor großen Leistungen. Auf die eigene bescheidene Leistung ist man dennoch stolz.
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Samstag, 24. September: Fettnapf-Thema: DDR-Dopingopfer. Wenn Menschen gesundheitliche Schicksalsschläge erleiden, neigen sie in all ihren seelischen und körperlichen Betrübnissen dazu, die Schuld bei einer bösen Macht zu suchen. Die DDR war eine böse Macht, diese Tatsache werden auch ihre Nostalgiker nicht historisch verfälschen können. Aber böse Mächte sind nicht für alles Böse verantwortlich, was dem Menschen zustoßen kann. Eines der Vorzeige-Opfer ist ein Ex-Kugelstoßer, dessen Herz durch Zwangsdoping so schwer geschädigt war, dass er sich einer Transplantation unterziehen musste. Hieß und heißt es. Jetzt lese ich, dass das ausgetauschte Herz des armen Mannes ein ideales Untersuchungsobjekt war, an dem man daher einen angeborenen, irreparablen Herzfehler entdecken konnte. Also kein Dopingopfer? Doch, denn nun lautet die Argumentation, die DDR hätte ihn mit solch einem Herzen niemals Leistungssport treiben lassen dürfen. Dass der Schaden nur am toten Objekt feststellbar war, fällt dabei unter den Obduktions-Tisch. Läge auf ihm eine Katze, würde sie sich noch postletal argumentativ in den Schwanz beißen.
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Ohne weitere Worte: Rea Garvey (Anm.: Reamonn-Sänger) ist mit sieben Schwestern aufgewachsen! Der Ire: »7:1, das war wie Bayern gegen Freiburg. Ich war Freiburg.« (Bild-Zeitung)  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle