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Das war’s im Oktober: Helm auf! Glutamat rein? Viva Espana!

Samstag, 1. Oktober: Nach neuen und angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen leben schnell fahrende Radler fünf Jahre länger. Als wer oder was, stand nicht in der Meldung. Fünf Jahre länger als Langsamradler, Fußgänger, Libellen oder Eintagsfliegen? In diesem Zusammenhang: Es hätte nicht des Kernforschungszentrums Cern bedurft, um Einstein zu widerlegen, denn schon simples Weiterdenken der Radlerstudie genügt: Wenn schnelle Radler fünf Jahre älter werden, dann leben noch schnellere noch länger, und noch viel schnellere … sind überlichtschnell tot, aber das viel länger.
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Helm auf! Gilt natürlich auch für motorisierte Zweiräder. Der italienische Tenor Salvatore Licitra, der schon mit Pavarotti verglichen wurde, starb vor wenigen Wochen, als er mit seiner Vespa in der Nähe von Ragusa auf Sizilien gegen eine Mauer fuhr. Er trug keinen Helm. Was allerdings auf Sizilien auch als spezielle Vorsichtsmaßnahme gilt, denn wie in einem Nachruf zu lesen war: »Im Camorra-Land Sizilien trägt man keinen Helm, um tödliche Verwechslungen zu vermeiden.«
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Ohne weitere Worte: Nur ganz selten, in vertrauter Umgebung, lässt er dem Lausbuben in sich freien Lauf. Zum Beispiel, wenn er (…) einem Freund (…) zuruft: »Wieso warst du denn heute früh um sieben schon im Swimmingpool? Da habe ich noch fünf gegen Willi gespielt.« »Fünf gegen Willi« – unter Männern ein Synonym für Selbstbefriedigung. (Sport-Bild über Sebastian Vettel)
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Samstag, 6. Oktober: Vor dem Türkei-Spiel bereicherte der »Kicker« die Integrationsdebatte, indem er ein altes Kanzlerinnen-PR-Bild (das mit dem nacktbrüstigen Özil) überraschend neu interpretierte: »Gelungene Integration: Angela Merkel besuchte Mesut Özil in der Kabine.« Özil integriert Merkel.Sie lässt sich eben gut integrieren. Hat ja auch nach der Wende erfolgreich geübt.
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Sonntag, 16. Oktober: Occupy Frankfurt. Warum so englisch? Deutsch klingt es genauso prägnant, außerdem ist das Englische doch die Sprache derer, gegen die protestiert wird. Aber vielleicht passt es: Der 20-Jährige, der die Sache bei uns angeleiert hat, wirkt so deprimierend erwachsen, dass man ihn sich in fünf Jahren schon in den mittleren Etagen der Banktürme vorstellen kann, vor denen heute protestiert wird.
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Meisterschaften im Hässlichtanz. Erfolgsrezept der Siegerinnen: »Man darf keine Schamgefühle kennen.« Platz zwei belegten die »Gefurztagskinder des Zorns«.
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Samstag, 22. Oktober: Griechenland-Pleite mal andersrum: Dortmund in Piräus, das war eine ungeordnete Insolvenz, und wer aus Sympathie für den Klopp-Klub seine Europa-Hoffnungen in den BVB investiert, erhält als Rendite nur Enttäuschung, voriges Jahr in kleiner Euroleague-, jetzt in großer Champions-League-Münze.
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Samstag, 29. Oktober: Zu beklagen sind zwei »tragische Todesfälle« im Motorsport. Ja, zu beklagen. Aber »tragisch«? Ist es gefühlskalt, diese tödlichen Unfälle als Berufsrisiko abzuhaken? Gesucht: das richtige Wort dazu.
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In der Snowboard-Szene gilt »The Art of Flight« als bester Actionsportfilm aller Zeiten. Regisseur Curt Morgan wird vom »Spiegel« gefragt: »Ein Fahrer bricht sich den Kiefer, ein anderer wird von einer Lawine begraben, ein dritter kommt auf Krücken aus dem Krankenhaus. Ist das extreme Risiko Grundlage ihres Films?« Antwort: »Nein, es ist ein Geschmacksverstärker.« Das richtige Wort! Kurz: Glutamat.
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Randale: Sind die Täter nur »einige wenige Idioten«, wie so gerne beschwichtigt wird? Damit macht man es sich aber viel zu einfach. Im Westen, siehe Eintracht, sind es oft ganz »normale« Alltagsbürger, für die eine Fan-Schlacht rund ums Stadion zu den wochenendlichen Freizeitvergnügungen gehört. Des jungen Spießers Lebens-Geschmacksverstärkung? Im Osten, siehe Dynamo, fragt sich, ob nicht alte Seilschaften junge Daseinsgefrustete als nützliche Idioten instrumentalisieren.
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Montag, 31. Oktober: Die erstaunliche spanische Erfolgsgeschichte im Weltsport mit laxen Dopingkontrollen zu erklären, ist eine fahrlässige Vereinfachung. In Wahrheit sind die Dopingkontrollen in Spanien nicht lax, sondern nicht existent. Das oberste spanische Gericht hat vor wenigen Tagen höchstrichterlich angeordnet, dass Dopingkontrollen zwischen elf Uhr am Abend und sechs Uhr am Morgen verboten sind. Was im Klartext heißt: Gedopt wird ab sofort um 23.01 Uhr, ihr wisst ja, wie das geht, um spätestens um 6.01 Uhr sauber zu sein. Viva Espana!
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Bleibt eine Frage offen: Lothar Matthäus versteht nicht, sagt er, warum sich Spieler über ihn lustig machen, weil er im Kühlschrank die Joghurts nach Verfallsdatum sortiert. Ich auch nicht. Ich verstehe sogar nicht, dass es Menschen gibt, die ihre Joghurts im Kühlschrank NICHT nach dem Verfallsdatum sortieren. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle