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Samstag, 24. Dezember, 10.15 Uhr

 

 

Jetzt darf ich doch Ihren Beitrag zur Frage, ob der Zweite schon der Erste Verlierer sei, ein wenig kommentieren. Ich tue dies allerdings auf eine vielleicht nicht erwartete Weise. Und zum Anfang noch etwas: wenn Ihnen mein – zuweilen – moralischer Rigorismus schlicht auf den „Geist“ geht, bitte einfach wegdrücken. Und wenn Sie gar nichts mehr davon hören und lesen wollen: einfach mitteilen.

Dennoch entnehme ich Ihren gewichtigen Zeilen, dass Sie ein Fragender und Suchender sind. Nun ja, Fragen an das Christentum gibt es genug und an den Glauben auch, wie wir in dieser Kolumne schon am Beispiel der Theodizee – Problematik es diskutiert haben. In sofern meine ich, dass Sie Ihre Abschlussfrage vielleicht nicht nur von beruflichen Theologen, sondern eben von Mitfragenden beantwortet wissen wollen? Oder nicht?

Fangen wir einmal mit dem in fünf Jahren für 500 Jahre Thesenanschlag zu feiernden Luther an. Er schreibt:

„… So verbirgt er seine Güte und Barmherzigkeit unter seinem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit unter der Untat. Denn das ist die höchste Stufe des Glaubens, dass man glaubt, der sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt,“ – M. Luther in: De servo arbitrio,

Das  menschliche Schicksal sei vorbestimmt und endet entweder in der Hölle oder im Himmel. Gottes Liebe und Hass sind ewig und unverrückbar, schrieb Luther in seiner Erwiderung an Erasmus, sie sind gewesen, „ehe der Welt Grund gelegt ward“, noch ehe es einen Willen oder Werke des Willens gab.

Diesem doch nun wohl verheerenden Gottes- und Menschenbild setzt der protestantische Kirchenvater des 20. Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, entgegen:

Christen und Heiden:

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,

flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,

um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.

So tun sie alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,

finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

und vergibt ihnen beiden.

Was für eine radikale Differenz zu Luthers Prädestinations- und Verdammungslehre. Können wir damit vielleicht besser leben, als Christen, als Nicht -  Gläubige, als Suchende?

Für Bonhoeffer wurde die Verpflichtung auf Frieden und Gerechtigkeit zum bestimmenden Grundmotiv etwa für ein „religionsloses Christentum“.  Damit verband sich die Überzeugung, dass nicht die Reinheit des eigenen Gewissens, sondern die konkrete Verantwortung für das Leben und die Zukunft anderer Menschen der Leitgedanke christlicher Ethik sei. Bonhoeffer ließ sich von diesem Gedanken so sehr bestimmen, dass er das „Dasein für andere“ zum prägenden Begriff der Ethik und die „Kirche für andere“ zum prägenden Begriff der Lehre von der Kirche werden ließ. Denn:

„ Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben“.

Bonhoeffer sagt: „ Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben“. Dazu die Interpretation: „die großen Ereignisse der Weltgeschichte würden hiermit von unten, aus der Perspektive der …Machtlosen, Unterdrückten, Ausgeschlossenen und Verhöhnten, kurz der Leidenden betrachtet.“

Johann Baptist Metz – der katholische Theologe – vertritt dezidiert eine politische Theologie – also hat er die „politische Dimension des Glaubens in seine Theologie eingebaut“. Wichtig ist, dass Metz die „Entprivatisierung des Glaubens und der Theologie reklamiere. Nach Metz ist Hauptaufgabe der politischen Theologie, das Verhältnis von Theorie und Praxis, Religion und Gesellschaft, Kirche und Gesellschaft und Eschatologie, also christlicher Heilserwartung und politischer Geschichte zu bestimmen.

 Diese beiden Stimmen: Bonhoeffer und Metz messen offenbar der politischen Geschichte eine große Bedeutung zu, so dass Glauben dauerhaft in seiner Verpflichtung vor den in dieser Geschichte leidenden Menschen sich bewähren muss. Und nicht im Bekenntnis. Die  Menschwerdung Gottes wird geschichtlich, und diese Geburt verpflichtet uns , nicht passiv auf das Heil zu warten, sondern es aktiv zu befördern – Gott hat nur uns, er selbst ist Mensch geworden, um uns den Auftrag zur Vollendung einer Menschengeschichte zu geben, die alles Leid beendet. So sagt es Bonhoeffers Gedicht. Leiden ist danach niemals Gottes Strafe, sondern unser Versäumnis, den Auftrag Gottes auszuführen. Jedenfalls in der politischen Geschichte. Christentum wird so alltäglich im Sinne der Entspiritualisierung und historisch. Wenn man es befreiungstheologisch formuliert: Christentum wird zur ausschließlichen Option für die Armen, Jesus wird als Mensch gesehen, der uns die Verpflichtung zu dieser Option vorlebt und seine Auferstehung ist kräftige Aufforderung, sein Kreuz im Sinne dieser Option auf sich zu nehmen – nichts sonst: Christentum wird entspiritualisiert und praktisch. Alles andere, alle Erklärungen für Leid, Armut, Unterdrückung im Sinne von Strafe, Ungnade, sind Blasphemie und zeichnen einen unmenschlichen Gott. Auch das liegt da an Weihnachten in seinem schmutzigen Stall eben am Rande der Welt.

Der Bonhoeffer-Satz erinnert sofort an Kants Verurteilung des „religiösen Aktes“: „Alles, was, außer dem guten Lebenswandel, der Mensch noch zu tun können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.“ So schließt Kant seine Betrachtung über Hiob in seiner Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Führt der Glaube zur Moral, oder die Moral zum Glauben? Von der Gnade des Glaubens zum Handeln oder vom Handeln zu Gnade, die  Glauben bedeutet?  Es ist wohl deutlich geworden, dass ich mit der doppelten Prädestination Luthers und Calvins wenig bis nichts anfangen kann. Dies führt uns – oder würde uns führen – mitten in die Streitigkeiten im Reformationszeitalter. Luther hat die oben formulierte Position (zusammengefasst könnte man diese als „religionsloses Christentums“ bezeichnen) lebhaft abgelehnt, Zwingli schon nicht mehr, im Gegenteil: im Vollzug der Philosophie und Theologie des Humanismus hat er gelehrt, dass die Forderungen und Gesetze Gottes, wie sie im NT formuliert sind, uns unmittelbar auffordern, ein Reich Gottes auf Erden zu realisieren.

Die Weihnachtsbotschaft aus diesen Zeilen an Sie, mich, andere Fragende, lautet also: das Kind, das da arm, elend, hilflos im letzten Winkel der antiken Welt geboren wurde, hat seinen „Siegeszug“ angetreten, weil er eine Botschaft für jene hatte, die nicht sprechen können, die sich nicht helfen können, die ihrerseits elend, arm und am Rande leben.

Der Zweite Sieger scheitert nicht am mangelnden Glauben, sondern – nach Matthäus – daran, dass er diesem Kinde moralisch und demzufolge in seinen Handlungsweisen nicht folgt. Ob Christ oder Heide ist – wenigstens nach Bonhoeffer – dafür (zunächst) völlig zweitrangig.

Da gibt es jetzt schon wieder den Versuch, die sich christlich nennenden Konservativen einer bundesdeutschen Volkspartei zu einem „Verein“ zusammenzuschließen. Jene also, die taten- und wortlos zusehen, wie aus der christlichen Religion eine reine Andachts- und Festreligion gemacht wird, nicht jedoch das, was dieses Kind uns heute von 2011 Jahre zu sagen hatte: gebt den Armen eine Stimme, realisiert das Reich Gottes auf Erden, habt dies wenigstens zum Ziel.

Oder, wie der Schriftsteller der geknechteten Seele, Hans Fallada, sagt:

Man müsse eben Bücher schreiben, bei denen der Autor „möchte, daß diese elende Erde etwas leichter werde, nicht nur denen, die in ihr ruhen, sondern auch denen, die auf ihr schuften“.

Alle, die daran mitarbeiten, befolgen Gottes Gebote, mit welchem Glauben auch immer.

Gesegnete Weihnachten

(Dr. Hans-Ulrich Hauschild)

 

Baumhausbeichte - Novelle