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Freitag, 23. Dezember, 18.30 Uhr

Da der Anstoß morgen den angekündigten Vorabdruck für die Pfarrer-Zeitschrift enthält und dann bis einschließlich 30. Dezember die „Das war’s“-Rücksplitter die Kolumne blockieren, wird der Aufreger der Woche erst einmal im Blog „geparkt“, um dann eventuell am 31. neu gestartet zu werden. Also: Die fiese Attacke von Jones war derart brummsdumm, dass sie nur mit einem geistigen Aussetzer erklärbar scheint. Denn fiese Attacken mögen zur Bonameser Straßenkultur gehören, Brummsdummheit aber nicht. Lassen wir also das Frankfurter Problemkind außen vor, es ist gestraft genug, wird sehr, sehr lange gesperrt, und zwar zu Recht, denn im Vergleich zu Dopingstrafen wird es immer noch eine sehr kurze Sperre werden. Sehen wir das Positive: Wie anständig und fair sich Reus verhält und sich trotz insistierender Reporterfragen nicht in die gewünschte fassungslose Empörung treiben lässt, das gibt einen dicken Sympathiepunkt! Von denen hat Mehmet Scholl in unseren Kolumnen schon viele gesammelt, in diesem Ranking steht er in den Anstoß-Top 10 weit oben, aber jetzt fällt er mit einem mindestens doppelten Malus zurück. Ich hab’s nicht gesehen und gehört (die Szene selbst nur später auf youtube angeguckt), im Gegensatz zu unserem Leser Bodo Groh:

In Zeitlupe bekommt man gerade im Fernsehen die Bilder zu sehen, wie Jermaine Jones, trotz Spielunterbrechung, mit rüder, hinterhältiger Attacke absichtlich auf den lädierten Fuß von Marco Reus steigt, um den gefährlichen Angreifer der Borussen eventuell auf diese Art und Weise auszuschalten. Der Kommentar von Mehmet Scholl dazu im Gespräch mit Reinhold Beckmann lässt den fairen Beobachter entsetzt staunen. Scholl dokumentiert die Szene folgend: „ Das gehört zum Fußball dazu. Hauptsache solche Spieler sind in der eigenen Mannschaft.“ Wer nun glaubt Beckmann würde diese Aussage zumindest in Frage stellen, irrt. Nichts hierzu. Da fehlen einem die Worte. Was wendet der Deutsche Fußballbund jährlich für Gelder auf und wie viele Aktionen werden für den Gedanken des „Fairplays“ gestartet. Und dann wird einem Millionenpublikum, darunter mit Sicherheit auch viele Jugendliche, ein solch unwürdiger, unwidersprochener Kommentar serviert. Diese Fouls gehören eben nicht zum Fußball genauso wenig wie diese Kommentatoren. (Bodo Groh, Rosbach v.d.H.)

Wirklich kaum zu glauben. Kann ebenfalls nur ein geistiger Aussetzer sein. Aber auch beim Medien-Profi Beckmann? Sehr seltsam. Bei Scholl, der als Netzer-Nachfolger viel Vorschusslorbeer erhielt, bestätigen sich aber die leisen Grundzweifel, denn was er als Spieler an Spontaneität auf dem Platz und witzige, freche Schlagfertigkeit beim Interview zeigte, kann nicht die einzige Qualifikation für einen „Experten“ sein, der aus seinem Fachwissen heraus den Reporter/Moderator beraten, ergänzen, erklären und notfalls verbessern soll. Bei aller Sympathie für Scholli, bei aller Kritik an Netzer (für beides gibt es viele Dutzend Belege im „Anstoß“-Archiv): Die Statur von Netzer hat Scholl nicht, Netzer hat nicht nur buchstäblich eine größere Schuhnummer. Dass sich dem Schreiber bei diesen Sätzen fast die Finger querstellen, ahnt der geneigte Leser und Auch-Scholl-Freund. Mein lieber Scholli!

Ach ja, noch der Alkmaar-Torwart: Juristisch wohl so etwas wie ein Notwehr-Exzess. Vielleicht überreagiert, aber verständlich. Wenn man unter Strom steht (als Sportler im Wettkampf) und aus dem Nichts solch eine Attacke kommt, wenn man zudem nicht wissen kann, ob der Durchgeknallte nicht auch noch ein Messer oder sonstige Waffe mitführt, sind in der  Überaufregung ein paar Tritte zuviel  weder juristisch noch menschlich zu beanstanden.

Baumhausbeichte - Novelle