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Anstoß (vom 24. Dezember): Ist der Zweite schon der erste Verlierer?

»Brennpunkt Gemeinde«, eine vierteljährlich erscheinende Fachzeitschrift für Pfarrer, hat den »Anstoß«-Kolumnisten für ihre erste Ausgabe 2012, die unter dem Motto »Scheitern« steht, um eine Glosse mit dem Thema »Schon der Zweite ist der erste Verlierer« gebeten. Aber schon der Titel war das erste Problem . . . Es folgt ein Vorabdruck.

Wer beruflich fast täglich Glossen in seiner Zeitung schreibt und in seinem sportlichen Vorleben fast immer Zweiter war, der kann die Bitte, eine Glosse über den Zweiten zu schreiben, der schon der erste Verlierer ist, nicht nur nicht abschlagen, sondern müsste sie als doppelt ausgewiesener Fachmann routiniert und quasi nebenbei erfüllen können. Ein stilles halbes Stündchen sollte genügen. Zumal das Oberthema »Scheitern« heißt, wovon ein vielfach Gescheiterter sein traurig Liedlein auswendig singen kann.
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Selten so getäuscht. Das Thema nagt, es zwickt und drängt. Der Abgabetermin naht, und nichts liegt ferner als ein routiniert dahingeschriebenes Sonntagspredigtchen, in dem ein christlich erhobener moralischer Zeigefinger den Geist der Zeit beklagt, für den der Zweite in der Tat schon der erste Verlierer ist. Außerdem wächst in dem zur Glosse Gebetenen das Gefühl des zum Bock gemachten Gärtners. Oder der Reblaus im Weinberg des Herrn, um das Bild jenes kleinen dort wirkenden Arbeiters der anderen Fakultät zu bemühen. Oh Gott, Herr und Frau Pfarrer, was schreib ich bloß?
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Vielleicht hilft es, bei berühmten Sportlern nachzufragen, denn viele von ihnen haben das Siegen als ein Muss verinnerlicht, als panische Flucht vor dem Verlieren. Nackte Angst treibt manchen von Sieg zu Sieg. Aber warum? Was ist am Nicht-Siegen derart furchtbar? Bill Shankly, legendärer Trainer des FC Liverpool, prägte einst das Bonmot, im Fußball gehe es nicht um Leben und Tod … sondern um viel mehr. Englischer Humor? Auch. Aber nicht nur. Denn was geschieht dem Zweiten, wenn er verliert? Er stirbt. So sieht es jedenfalls Lance Armstrong: »Verlieren ist wie Sterben.« Nach diesem Lebens- und Todesmotto handelte schon ein japanischer Marathonläufer, der bei Olympia 1964 in Tokio auf den letzten Metern überholt wurde und »nur« Bronze »gewann« – er schämte sich buchstäblich zu Tode, wegen der Schmach nahm er sich das Leben.
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Der Tour-de-France-Rekordsieger Armstrong hatte ja sogar »den Krebs besiegt«. Auf diesem vielzitierten und bewunderten Satz baute er sein stolzes Image auf, das ihn über den Sport und den Krebs in hohe politische Ämter führen sollte. Aber: »Den Krebs besiegt«, das ist ein schiefes Bild, ein schlimmes dazu, ja, ein mitleidloses, und dass sich niemand daran störte, war und ist ein Skandal – als wären die Opfer dieser Krankheit Verlierer, die sich nur ein bisschen mehr hätten anstrengen müssen.
»Verlieren ist wie sterben.« In Armstrongs bösem Satz steckt eine finstere Logik: Wem Verlieren vorkommt wie sterben, der kämpft gegen das Verlieren mit den gleichen Mitteln wie gegen den drohenden Krebs-Tod, mit unbändigem Willen, besten Ärzten – und allem, was die Chemie zu bieten hat. Armstrongs Rad-Karriere ist beendet, seine angestrebte politische Karriere könnte schon vor ihrem Beginn gestoppt werden, denn er scheint heillos verstrickt in für ihn immer bedrohlicher werdende Doping-Anschuldigungen.
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Der in diesem Jahr gestorbene spanische Golf-Star Severiano Ballesteros wollte, als seine Krebs-Krankheit bekannt wurde, zeigen, dass er nicht nur auf dem Golfplatz, sondern auch im Kampf gegen die Krankheit »der Beste« ist, wie er wörtlich sagte. Ist Ballesteros Verlierer, Armstrong Sieger? Was sagen all die vielen namenlosen Kranken und ihre Angehörigen dazu, wenn der Kampf zu Ende ist? Der Kampf gegen die Krankheit und gegen den Tod ist kein Sportwettkampf um Sieg oder Niederlage, sondern ein Ankämpfen gegen das Schicksal und endet mit Glück oder mit Trauer und in beiden Fällen mit: Demut.
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Wenn Verlieren wie Sterben ist, sind wir längst tot. Wir alle haben schon mehr als einmal verloren. Aber was ist das überhaupt: Verlieren? Und hier kommt wieder eigenes sportliches Erleben ins Spiel: Fast-immer-Zweiter war der Verfasser auf nationaler Ebene, im übrigen hinter seinem besten Freund, was die Freundschaft nicht im geringsten beeinträchtigte. Wenn der Freund den Freund wieder einmal bei deutschen Meisterschaften besiegte, dabei aber im internationalen Vergleich keine ihn befriedigende Leistung erzielte, fühlte der Sieger sich als Verlierer. Der Fast-immer-Zweite wiederum startete oft auch bei regionalen Wettkämpfen, und wenn er dort gegen unterlegene Konkurrenten siegte, bisweilen sogar mit großem Vorsprung, fühlte er sich ebenso wie der Freund als Verlierer, wenn er seine angestrebte Leistung deutlich verfehlt hatte. Und wie er dann, als vermeintlicher Sieger, einen zwei, drei Meter zurückliegenden Mitwettkämpfer beneidete, wenn dieser seine bisherige persönliche Bestleistung übertraf! Nach solchen Wettkämpfen war nicht der Zweite, sondern der Sieger der erste Verlierer, und der sich selbst übertreffende Zweite der eigentliche Gewinner.
Im Sport gibt es viele, die so denken und fühlen: Das Ziel ist der Sieg über sich selbst, nicht über den Gegner. Die sportkritische Floskel vom Zweiten, der schon der erste Verlierer ist, kommt daher zwar auch von einigen siegwütigen Seelenkrüppeln Armstrongscher Prägung im Sport, aber vor allem aus kritischer außersportlicher Distanz. Von dort schlägt dem Sport sogar Hass entgegen. Sport ist Mord, Sport ist archaischer Kriegsersatz, und dass er nicht mehr als Wehrertüchtigung und Training für kriegszielführende körperliche Fähigkeiten diffamiert wird, liegt nur daran, dass derartige Fertigkeiten im modernen Krieg keine Rolle mehr spielen.
Robert Musil schreibt in »Der Mann ohne Eigenschaften«, Sport sei »roh, Niederschlag eines feinst verteilten, allgemeinen Hasses, der in Kampfspielen abgeleitet wird«. Agon, der Wettkampf, hat dieselbe wörtliche Wurzel wie Agonie, der Todeskampf. Aber auch wenn Sport von den Musils als Ersatzkrieg geschmäht wird, dann ist es immer noch angenehmer, den Agon im Sport zu suchen statt im echten Krieg, zum Beispiel im I. Weltkrieg, als Generationen von jungen Europäern, nach einem »Stimmungsumschwung von Geborgenheit zu Unbehaustsein« (Ludwig Harig), im Krieg einen Sinn für sich selbst erhofften. Sport wäre für manche aus dieser Generation das lebenswertere Abenteuer gewesen als das, was sie in ihrer diffusen Begeisterung für »starke Erlebnisse« im Krieg fanden – einen grauenhaften Tod im Schützengraben. Andererseits – hätte sich ein Ernst Jünger wirklich mit Weitsprung begnügt?
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Der Hass auf den Sport hat, wie die Damen und Herren Pfarrer sicher wissen, durchaus christliche Wurzeln. Dass vor allem breiten- und jugendsportliche Wettkämpfe Sonntags zur Kirchgangzeit stattfinden, schürt zwar keinen Hass mehr, ist manchem aber immer noch ein Dorn im Auge und ein Pfahl im Fleische der Kirche. Rigoros sportfeindlich aber waren die frühen Christen. Sie kritisierten vor allem die Schwerathleten, wg. Fresssucht und sonstiger Laster, aber sie lehnten auch Läufe, Würfe und Sprünge ab, Teufelswerk wie Boxen sowieso, denn damit würde das Gesicht des Menschen, das Ebenbild Gottes (divina imago) verunstaltet. So manche Verunstaltung hat das Christentum später eifrig selbst in die Hand genommen, aber das ist ein anderes Thema.
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Einst wurde ein gewisser Paulus bei den philosophischen Höchstleistungssportlern in Athen als Diskussionsathlet nicht ernst genommen, er litt unter deren homerischem Gelächter. So verlegte er seine Aktivitäten nach Korinth, weil er dort viel Publikum fand (wegen der Isthmischen Spiele) und dieses einfacher strukturiert war als in Athen, so dass Paulus wenigstens in der Regionalliga Korinth zu den Größen seiner Zeit gehörte (und später in die Hall of Fame des Christentums aufgenommen wurde, aber auch das ist eine andere Geschichte). In Korinth jedenfalls las er (die Korintherbriefe schreibend) den Einheimischen gehörig die Leviten: »Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, dass aber nur einer den Siegespreis gewinnt? Jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.«
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Am Ende sind wir alle Verlierer. Wir verlieren das Leben. Aber der Glaube soll uns doch noch zu Siegern machen, indem wir Paulus’ »unvergänglichen Siegeskranz« gewinnen.
Wohl dem, der glauben kann. Er hat Jesus als Sieghelfer.
Aber was wird aus den ewigen Zweiten? Was wird aus den Geschlagenen, den am Glauben Scheiternden? Aus den Zweiflern, den nicht Wissenden, nicht Glaubenden, den skeptisch und angstvoll Hoffenden?
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Ich gebe die Frage des Pfarrers, ob der Zweite schon der erste Verlierer ist, an den Pfarrer zurück. In der Hoffnung, dass er eine Antwort weiß. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle