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Das war’s im Juni/Juli: Rasiertes Lama im Streichelzoo

Montag, 6. Juni: Als bekennender Philhellene weiß ich, dass die Herabwertung durch die Ratingagenturen auf Ramsch-Status zwar der griechischen Wahrheit entspricht, aber: Wenn beim Skat (für jüngere Leser: Das ist das Spiel, dass eure Papas früher neben dem Fußball am liebsten spielten) Ramsch angesagt wird, gewinnt der mit den schlechten Karten, und es verliert immer der mit den besten.
Also wer?
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Sonntag, 19. Juni: Amina Abdallah Arraf al-Omari, eine lesbische syrische Bloggerin, hat in ihrem Internet-Blog »A Gay Girl in Damascus« den Volksaufstand in Syrien begleitet. Als sie von Assads Regime entführt wurde, schrieb ihre Cousine Rania Ismail den Blog weiter. Es gab internationale Proteste gegen die Verhaftung Aminas, bis sich jetzt herausstellte, dass der Blog von einem amerikanischen Studenten geschrieben wurde, der in Schottland lebt, in der Nähe von Loch Ness. Und wahrscheinlich stimmt auch diese Geschichte nicht, und der US-Student ist eine Inkarnation von Nessie.
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Und meine Kolumnen schreibt in Wirklichkeit Amina, die syrische Lesbe.
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Montag, 20. Juni: Was Löw mit Ballack im Sinn hatte, deutete sich mit Podolskis Länderspiel-Ohrfeige an und war spätestens nach Lahms Kapitäns-Revolte klar. Beides hätte nach ungeschriebenen, in jedem Mannschaftssport gültigen Regeln hart bestraft werden müssen. Löw aber, im Kopf wohl noch das frühe Kampfansage-Interview Ballacks in der FAZ, beließ es bei Podolski mit einem verständnisvollen Klaps und bei Lahm mit vielsagendem Schweigen, was als jeweils klammheimliche Zustimmung nicht fehlinterpretiert sein dürfte. Nun ist der knurrige, bissige Leitwolf weg und Löw hat seinen Streichelzoo. Die sind ja alle sooo lieb!
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Freitag, 24. Juni: Der buddhistisch angehauchte Ron Artest von den Los Angeles Lakers will seinen Namen in »Metta World Peace« ändern, was ungefähr »Liebende Güte Weltfrieden« bedeutet. Vor einigen Jahren, da hieß er eher noch »Wütende Furie Draufschläger«, sprang er während eines NBA-Spiels unter die Zuschauer und vertrimmte einen Fan. Tempi passati. Nun liebt er gütig den Weltfrieden, und Lakers-Manager Kupchak pflichtet beflissen ein: »Ich bin generell ein Verfechter des Weltfriedens.«
Ich doch auch
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Sonntag, 24. Juli: Tod. An einem Wochenende, das statt Hundstagen frühherbstliche Schauer und Schauder schickt, beherrschen Oslo, die »Toteninsel« (Frankf. Allg. Sonntagszeitung), Amy Winehouse und die Love Parade Stimmung und Nachrichtenlage. Vanitas, vanitas. Was in Oslo und auf der Insel geschah, übertrifft die morbide Phantasie des düstersten skandinavischen Krimischreibers. Dann die Rocksängerin, das arme, dumme Kind, das glaubte, so leben (und zwangsläufig: sterben) zu müssen, wie es zum Lebensbild großer Popstars zu gehören scheint. Und das Gedenken an die Opfer der Love Parade, bei dem immer wieder und immer noch das Suchen nach Schuldigen im Vordergrund steht und bei dem ein armes Oberbürgermeisterlein die Sünden der Welt auf sich nehmen soll. Niemand spricht von der Natur des Menschen in der Masse.
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Samstag, 30. Juli: Ein Grieche wird vor einem Deutschen Weltmeister im Langstreckenschwimmen! Bei all meinen Aufenthalten an griechischen Stränden habe ich nie einen Einheimischen gesehen, der sportlich schwamm oder sich gar, wie viele Urlauber, weit ins Meer hinaus wagte. Die überhaupt ins Wasser stiegen, standen nur in Strandnähe und redeten, im Redefluss aber ausdauernd wie die Wellen, die in Kniehöhe plätscherten.
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Und jetzt werden sogar die Griechinnen Weltmeister im Härtestmännersport Wasserball! Man sollte sie eben nicht unterschätzen. Aber ich hab ja schon gewarnt, als ihr Staat auf Ramschniveau heruntergewertet wurde. Wer gewinnt? Siehe oben? Oder verlieren am Ende alle?
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Ohne weitere Worte: Dirk Nowitzki hat nach fast 33 Jahren endlich die NBA-Meisterschaft gewonnen. Und das mit einer gerissenen Mittelfingersehne, 41 Grad Fieber, einem künstlichen Hüftgelenk, Sodbrennen und zwei Glasaugen. (…) Angela Merkel sagte, Nowitzki sei ein Beispiel für Deutschland, er habe auch ohne Atomkraft eine große Energieleistung gezeigt. («Zippert zappt« in der Welt)
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»Da bleibt einem die Spucke weg – rasiertes Lama rülpst nach Sex« (Bild-Schlagzeile) (gw

Baumhausbeichte - Novelle