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Mittwoch, 21. Dezember, 13.15 Uhr

Vor einigen Jahren (2003) gab es in Gießen Diskussionen über die Ehrenbürgerschaft  von Horst Eberhard Richter.  Dazu schrieb ich im “Anstoß”:

Das kleingeistige Gezeter und Gezerre um die Zuerkennung ist armselig genug. Und da Richter – unfreiwillig – unsere Kolumnen seit Jahrzehnten begleitet, da er außerdem viel mit Sport zu tun hat, u. a. Jahre lang bester aktiver AH-Kicker unter allen Psychosomatikern war, und gerade auch weil wir mit dem »gutsten Menschen von Gießen« und »analytisch erhobenen moralischen Zeigefinger der Nation« (Anstoß) manchen Scherz getrieben haben, also des Horst-Ebi-Sympathisantentums unverdächtig sind, muss ich Politzwergen jeglicher Couleur die Frage stellen: Wollt ihr Gießen denn in ganz Deutschland lächerlich machen? Horst-Eberhard Richter ist als Figur der Zeitgeschichte schon längst ohne eure gnädige Zustimmung oder ungnädige Ablehnung Ehrenbürger honoris causa – auch für Gießener, denen Richter gehörig auf den Wecker gehen kann.  Mir zum Beispiel. Einst irritierte mich anlässlich eines Porträts seine dünnhäutige Gekränktheit bei Kritik, seine strikte Verneinung eigener (doch recht ausgeprägter) Eitelkeit amüsierte mich, auch macht mir seine kategorische Gesinnungsethik verantwortungsethisch zu schaffen – aber kaum jemand hat Gießen in der Welt so bekannt gemacht wie Richter, und zwar nicht durch Schandtaten, wie manch anderer Ehrenbürger in Deutschland. Also: Wenn nicht er, wer dann?

 

Horst Eberhard Richter hat zu Beginn meiner sportjournalistischen Tätigkeit eine wichtige Rolle gespielt. Ich widmete ihm eine Sonderseite – oder besser: er als schon weltberühmter Mann gewährte sie mir als jungem Provinz-Journalisten – über Sport als “Miniaturkopie der Arbeitswelt”. Der Mann faszinierte und irritierte mich. Als ich ihn fragte, wie er mit Kritik umgehe (die gab es aus konservativen Kreisen zuhauf), disqualifizierte er alle seine Kritiker in Bausch und Bogen als unwissend und bösartig und verwies auf eine Regalwand voller Ordner . . . in denen er veröffentlichte Lobeshymnen auf  sich gesammelt hatte. Wenn ich ihn auf eine bestimmte Kritik ansprach, von wem auch immer, von Strauß, auch vom “Spiegel”, ging er inhaltlich erst gar nicht darauf ein, sondern zückte zum “Gegenbeweis” einen der Ordner und las mir vor, was “Cosmopolitan” oder ein anderes ihm gewogenes Blatt geschrieben hatte. Sehr absurd, sehr komisch, aber auch irgendwie sympathisch, diese eitle Verletzlichkeit. Sport war immer eine Leidenschaft für ihn, legendär ist sein ehrgeiziges Engagement als Fußballer in einer Dozentenrunde. Mir hat die Sonderseite unverdiente Ehren eingebracht: Nicht so genau wissend bzw. wissen wollend, dass zwischen Richter und dem Patriarchen unseres Verlags eine verbissene Intimfeindschaft herrschte, hatte ich mich begeistert auf diese Sonderseite eingelassen, meine eigene und mit niemandem abgesprochene Idee, und daher wurde mir von Richter-Sympathisanten Mut vor Königsthronen attestiert. Aber es war kein Mut, sondern naive jugendliche Bedenkenlosigkeit, und Ärger bekam ich vom Patriarchen, mit dem ich außerordentlich gut zurechtkam und der fast 100 Jahre alt wurde, sowieso nie. Nun ist auch Horst Eberhard Richter tot. Mögen sich beide auf Wolke sieben versöhnen.

Baumhausbeichte - Novelle