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Das war’s im Mai: “Ich kann das alles noch gar nicht realisieren”

Dienstag, 3. Mai: Rad-Runde, Saisonbestleistung: 42:02. Die Freude darüber ist fast so rein, groß und edel wie die der Christenmenschin Angela Merkel gestern über die »Liquidierung« Osama Bin Ladens. Beinahe hätte sie sogar ein kleines Freudentänzchen hingelegt.
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Samstag, 14. Mai: Bizarre Momente: Christoph Daum, den HR heftigst beschimpfend, lobt gleichzeitig unsere Zeitung über den grünen Klee. Als »der Journalist der Zeitung aus Gießen« am Montag im HR-»Heimspiel« gesprochen habe, sei er, Daum, zu Hause vor dem Fernseher aufgesprungen und habe applaudiert. Daum kannte unseren »Kollegen« nicht, überhaupt kennt er Hessen immer noch nicht, denn er bezog sich auf unseren Freund und Hobby-Kolumnisten Henni Nachtsheim, der nicht nur für Gießener, sondern für alle unsere Leser zwischen Alsfeld und Bad Vilbel schreibt – und Henni nicht zu kennen, das ist ein Abgrund an hessischer Inkompetenz. Außerdem: Wenn Daum meine Kolumnen gelesen hätte, er wäre nicht applaudierend aufgesprungen, sondern hätte vor Wut in den Teppich gebissen.
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Sonntag, 15. Mai: Mir wird viel kondoliert, wobei ich mich als Hochstapler fühle, was ich mir aber selbst zuzuschreiben habe, denn als Drehbuchautor meines Kolumnen-Lebens habe ich dem Kolumnen-Ich den Eintracht-Fan in den Charakter geschrieben. Dabei bin ich nicht traurig wie die echten Fans, wie Chr. zum Beispiel, der am Samstag kurz vor dem Spiel umgezogen ist und nun eine Etage höher wohnt als zuvor, im Gegensatz zu seinem Herzensklub. Der spielt nun auf der FSV-Etage.
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Samstag, 21. Mai: »Ich kann das alles noch gar nicht realisieren.« – »Es wird ein paar Tage dauern, bis ich das begriffen habe.« Sportler-Phrasen, denkt man, und blättert am Donnerstag im »Kicker«. Und blättert und blättert. Erst auf Seite 31, ganz hinten, wo man sonst achtlos vorbei blättert, kommt auch was zur Eintracht. Rubrik: Zweite Bundesliga. Was soll das? Ach so. »Ich kann das alles noch gar nicht realisieren.«
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Ohne weitere Worte: War es denn Liebe? Sie sagt: »Liebe entsteht durch schöne gemeinsame Erfahrungen. Das war bei uns nicht der Fall.« Er sagt: »Die Frau hat mich wahrscheinlich abgöttisch geliebt.« (Bild unter der Schlagzeile »Meine total verrückten Wochen als Matthäus-Freundin«, Ariadne Ioannou und Lothar Matthäus zitierend) *
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Montag, 30. Mai: Das Champions-League-Finale. Anlass, sich in deutscher Demut zu üben. So dicht, so intensiv, so schnell, so spielerisch leicht und dennoch so verbissen aggressiv, dass man froh war, dass die übermütige Dortmunder Welpenmeute noch ein paar Monate Schonfrist hat. Und zu Messi gehen die Worte aus, die Metaphern auch: Nie Welpe gewesen, nie Wolf geworden, aber »tierisch« gut. Ein Anti-Star als größter Fußball-Star. Seine Aktion vor Villas 3:1: Echtzeit wie im Schnelldurchlauf.
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Der Einzige, der mit Messis Tempo mithalten kann, ist Fergusons Kiefer. Der ManU-Trainer bearbeitet sein Kaugummi wie im »staccato« im musikalischen Wortsinn: »abstoßend«. Die Nahestehendste, den von der Queen geadelten Kaudrauf erstmals sehend, ruft so entsetzt aus wie der ihr Nahestehendste messibegeistert: »Das ist ja unglaublich!«
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Dienstag, 31. Mai: Kachelmann. Wäre er verurteilt worden, die nächste Instanz hätte dieser Kammer das Urteil um die Ohren gehauen. Die Lügen des mutmaßlichen Opfers über den mutmaßlichen Täter und den mutmaßlichen Tatverlauf hätten ein Verfahren erst gar nicht zulassen dürfen. Jetzt sind, Freispruch hin, Freispruch her, beide Seiten stark beschädigt, Kachelmann auch beruflich. Was die meisten, die eine Meinung haben (und wer hat keine?), vergessen: Arschlochsein ist nicht strafbar!
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Ohne weitere Worte: Unser Bundespräsident hat dem Paar seine herzlichsten Glückwünsche ausgerichtet. Er fühlt sich dem englischen Königshaus besonders verbunden, da er mindestens genauso überflüssig ist wie die Windsors, aber genau wie sie auf Kosten der Steuerzahler in einem Schloss leben darf. (»Zipperts Wort zum Sonntag« in der WamS) (gw)

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