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Sonntag, 18. Dezember, 9.45 Uhr

Das ging ja fix. “Montagsthemen” schon im rotgelben “Anstoß”-Kasten und auch online. Bei dieser Gelegenheit gesehen, dass ich vergessen habe, den Januar-Rückblick (“Siegwurz und Doppelpresswurst”) online zu stellen. Ist schon nachgeholt. Dr. Hans-Ulrich Hauschild hat bereits auf den frühen Blog-Eintrag reagiert, auch auf das “Wer bin ich?”-Überdenken, es folgen seine wie immer sehr anregenden und anstoßenden Gedanken und auch die ebenfalls den Stolz auf solche Leser bestätigenden Zeilen von Dr. Sylvia Börgens. Ach so, ja: Nach den “Montagsthemen” folgen die restlichen “Das war’s”-Folgen, unterbrochen nur am Samstag (Heiligabend) vom Vorabdruck der Glosse für die Pfarrer-Zeitschrift, bevor an Silvester die Jahresabschlusskolumne folgt, leider als ganz normaler “Anstoß” und solo und nicht wie in seligen früheren Jahren als doppelseitenfüllender Highlight-Dialog von Matthias Beltz (2012 zehnter Todestag) und Matthias “Jan Segher” Altenburg mit “gw”-Moderation. Ach, das waren Zeiten . . .

 

 

Nach Lektüre Ihrer Frühzeilen – guten Morgen übrigens – kommen mir doch Zweifel, ob ich das Leben bislang wirklich richtig »gelesen« und »gelebt« habe. Zuvor aber doch noch eine Anmerkung zu Ihrer Frage nach dem Procedere von »Wer bin ich?«.

Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
Und kaum besänftigte der Hierophant
Den ungeduldig Strebenden. »Was hab ich,
Wenn ich nicht alles habe?« sprach der Jüngling,
»Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
Nur eine Summe, die man größer, kleiner
Besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?

 

Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
»Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.«
(Er rufts mit lauter Stimm.) »Ich will sie schauen.«
Schauen!
Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

 

Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
»Weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
»Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

Friedrich Schiller: Auszug aus: Das verschleierte Bild zu Sais

Was soll das? Die Warnungen dieses Schiller – Gedichtes sollten wir Teilnehmer/innen alle Ernst nehmen. Begnügen wir uns mit den erreichten Graden, die wir alle, die wir uns bislang beteiligt haben, mit unserem »schnellen Geist« ereilt haben und kehren zurück zu des »Lebens Heiterkeit«, also zu den höheren Indianerspielen und dem ernsten Spaß, zur Freude, die Erkennen macht und verzichten auf Selektion und verbissenes Googlen, wer immer dazu versucht war. Ihr Vorschlag ist gut so und bedarf keiner Korrektur.

Zum Eintrag von heute Morgen. Sehen Sie, das kommt davon, wenn eine Gesellschaft – vielleicht auch zuweilen in diesem Blog – unentwegt dann von Moralisieren spricht, wenn man an jene Prinzipien erinnert, die für ein humanes, menschenwürdiges und rücksichtsvolles Miteinander einfach gelten. Moralisieren steht häufig im Kontrast zum Pragmatischen. Den Pragmatiker stören ideelle und ethische Erinnerungen, also Einwände. So auch hier. Weil es alle machen, gibt es den Rat, alles auszunutzen, was man bekommen kann; hier: die Frage Ihrer Bekannten nach Schmerzensgeld, die Simulation von Schleudertraumata und anderes. Nein, all diese sind keinen Deut, nun wirklich keinen, besser als jene von Ihnen heute Morgen mit Recht äußerst negativ gekennzeichneten Neoliberalen:

Unendliches Wachstum, dieser Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus, funktioniert nur zu Beginn von Schneeball-Systemen …

Genau diese schöne Wortkonstruktion geht einem im Kopf herum, wenn man Ihre Geschichten vom Schleudertrauma und vom Schmerzensgeld zur Kenntnis nehmen muss: schnöselbürschlingsglatte Flachseelen (Hans-Ulrich Hauschild)

 

 

Ein paar Ideen zu Ihrem Nachdenken, wie es mit WBI weitergehen könnte. Aus der Test-Psychologie: Eine gute Testaufgabe hat eine mittlere Schwierigkeit, d.h. 40 – 60 % der Testkandidaten können sie lösen. Aus mehreren solcher Aufgaben setzt sich dann das Gesamttestergebnis zusammen. Sind die Aufgaben zu leicht, kann jeder sie lösen. Sind sie zu schwer, erlauben sie zwar, die Spreu vom Weizen zu trennen, aber das Gros der Testteilnehmer bleibt ratlos und entmutigt zurück. So betrachtet, waren die Aufgaben Otmar Walter und Bud Spencer vielleicht zu leicht, Frank Bascombe und auch die letzte Runde zu schwer. Die letzte Runde hatte auch das Manko, dass die Aufgabenformulierung für verschiedene Personen mehrdeutig war; z.B. der Herr, der näher als alle anderen am Titel von Birgit Prinz dran war, hätte auch Oliver Kahn sein können (2. der Wahl zum Weltfußballer 2002).

Testpsychologen machen Voruntersuchungen. Vielleicht könnten Sie Ihre Rätsel redaktionsintern einigen Kollegen vorlegen und dadurch einen Anhaltspunkt für die Schwierigkeit bekommen.

Von der Aufspaltung »Hardcore-Rater« online, »Spaßrater« in der Druckversion halte ich gefühlsmäßig nicht so viel. Ein oder zwei Tage Ratefrist zwischen Onlineversion und Auflösung ist auch ein bisschen wenig.

Viele Ihrer Rätsel haben mir großes Vergnügen bereitet. Beim Neckermann-Rätsel habe ich fast bedauert, dass ich die Lösung sofort wusste (weil mir die Begegnung von Billy Joel mit den Neckermann-Kindern bekannt war); das war geradezu von poetischer Schönheit.

Das größte »Heureka«-Erlebnis hatte ich bei Halla. Ich hatte aus dem Satz »In meiner Sportart gab es keinen Größeren und keine Größere« gefolgert, dass es eine Sportart sein musste, bei der Männer und Frauen gemeinsam antreten. Außer den verschiedenen Disziplinen der Reiterei war mir da nichts eingefallen. Der Wikipedia-Eintrag »Berühmte Darmstädter« ergab aber nicht eine berühmte Darmstädter Reiterin. Während einer Zugfahrt nach Mainz dachte ich darüber nach, bis plötzlich der Groschen fiel: Kein Mensch, sondern ein Gaul! Meine Mitreisenden wunderten sich über mein Gelächter …

Ich hoffe also, dass Sie die Serie 2012 fortsetzen werden, selbst wenn ich mich nicht mehr regelmäßig beteiligen werde. Und ich wünsche Ihnen und allen, die Ihnen wichtig sind, friedvolle Weihnachtstage und einen guten Start ins Jahr 2012! (Sylvia Börgens)

 

Baumhausbeichte - Novelle