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Montagsthemen (vom 19. Dezember)

Vor etwa einem Jahr wurde an dieser Stelle »Vronisihrnfreundfreund« durch den Kakao gezogen und auf die schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus geschimpft. Aus aktuellem Anlass aufbereiten? Nein. Für Wulff und die FDP gilt das alte »Anstoß«-Ethos, nicht auf jemanden zu treten, der schon am Boden liegt. Das tun, alter Gag des fast vergessenen Revoluzzerchen-Theologen Drewermann, nicht mal Pferde, nur Kroaten (bei der Fußball-EM 96).
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Fußball also. Halbzeit-Bilanz. Die beiden größten Überraschungen heißen . . . BVB. Die erste, dass Dortmund nach dem erschöpfenden emotionalen Überschwang der Meister-Saison schon wieder ganz oben mitmischt. Die zweite bleibt unerklärlich: Wie außergewöhnlich blamabel Borussia aus der Champions League heimgegeigt wurde.
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In Freiburg zeigte Dortmund zeitweise meisterlichen Glanz mit dem unglaublichen Kagawa und dem immer noch unterschätzten Lewandowski. Auch Sahins Nachfolger Gündogan lebt auf und scheint beim BVB eher heimisch zu werden als Sahin bei Real. Sehr unheimisch aber das Publikum in Freiburg. Pfeift schon nach ein paar Minuten, stimmt das unsäglich doofe »Wir woll’n euch kämpfen seh’n« an und grölt »Wir ham die Schnauze voll«. Freiburg ist ja stolz auf sein etwas anderes Umfeld. Stolz auf halblinksakademisches Vollproletariat? Überhaupt, was ist los im Süden der Republik? In Freiburg Wutbürger der einen, in Stuttgart der anderen Farbe – rot vor Wut im Stadion, schwarz ärgern am Bahnhof?
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Zeit der Jahres-Worte. Erst vor wenigen Tagen »gelang« dem Fürther Prib in Frankfurt der »Fehlschuss des Jahres«. Heißt es. Auf Youtube wird er vieltausendfach angeklickt. Auch von mir. Einmal, zweimal, vielmals (so entstehen übrigens die Klick-Zahlen). Dauert ja auch nur elf Sekunden. Und man sieht einen sehr gelungenen, technisch anspruchsvollen Lupfer von Prib über Nikolov und anschließend einen allerdings sehr unglücklichen Schuss an den Pfosten. Aber das zum »Fehlschuss des Jahres« zu küren, ist selbst ein Fehlschuss.
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Na ja, Prib hat vor dem Tor wohl eher seinen eigenen Stresstest nicht bestanden. Dieser hat als Wort des Jahres den »Wutbürger« abgelöst. Leider ist’s nicht der »Mutbürger« geworden, auf den ich gehofft hatte. Jahr für Jahr machen sich wichtig-nehmerische Menschen der »Gesellschaft für deutsche Sprache« mit ihren »Wort des Jahres« noch ein bisschen wichtiger, wobei sie auch auf Worte kommen, auf die man erst mal kommen muss (Platz drei 2011: »Arabellion«). Fortsetzung folgt in Kürze mit dem »Unwort des Jahres«, obwohl in unserer Kolumne ebenfalls Jahr für Jahr das wahre, einzige, echte Unwort des Jahres »Unwort des Jahres« heißt.
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Wenn der »Floskelscanner« ununterbrochen im Einsatz wäre, gäbe es weder Wort noch Unwort des Jahres. Der »Floskelscanner« ist – so die Werbung für diese Software – ein »Phrasenkiller: Entlarvt Floskeln und ersetzt sie durch erfrischende Worte.«
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Offenbar wurde der »Floskelscanner« nicht bei sich selbst eingesetzt, sonst hätte er zuallererst »erfrischende Worte« phrasengekillt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle