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Das war’s im Januar: Siegwurz und Doppelpresswurst

Montag, 3. Januar: Jetzt wird sogar schon das neue Jahr alt. Bereits der dritte Tag. Und das dritte Springen. Heute in Innsbruck. Mehr noch als in anderen Sportarten bleibt beim Skispringen das Erfolgsgeheimnis . . . ein Geheimnis. Niemand kann es lüften, allenfalls dran zupfen. So darf man beim Skispringen, ebenfalls mehr noch als in anderen Sportarten, nicht denken müssen, auch wenn man denken können muss.
Holländisch sollte man lernen. Alleine schon, um van Gaal wenigstens ansatzweise zu verstehen. Zum Beispiel sein Motto: »Tod oder Gladiolen.« Wer will schon Gladiolen? Obwohl – hier hilft vielleicht das Deutsche weiter: Gladiolen sind Schwertblumen und hören in ihrem natürlichen mitteleuropäischen Vorkommen auf Namen wie Sumpf-Siegwurz oder Wiesen-Siegwurz. Wollen wir nicht alle, das blumige Schwert schwingend, ein bisschen Siegwurz sein?
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Ohne weitere Worte: Es ist klar, dass Michael Ballack, der räudige alte Piratenkapitän, in dieser Mannschaft nichts mehr zu melden hat. Ballack hatte seine Mannschaft auf offenem Deck zusammengebrüllt und bei Sturm in die Takelage gejagt. Die Fußballer neuer Art stehen, kaum dass Schlacht und Sturm vorbei sind, für Züchtigungen nicht mehr zur Verfügung. (Die Zeit)
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Montag, 17. Januar: Gut, besser, am supermegabesten? Was Dortmund in dieser Saison leistet, ist nicht nur grammatisch kaum zu steigern, zumal heutzutage mit Superlativen noch inflationärer umgegangen wird als (befürchten Pessimisten) künftig mit unserem Geld. Man sollte es daher einfach nur grammatisch »Positiv« sehen, also in der Grundform: Der BVB ist gut. Das Außergewöhnliche verliert an Wert, wenn Gewöhnliches zum Außergewöhnlichen hochgejubelt wird. So vergeht in diesen Wochen kaum eine Tagesschau oder ein heute-journal, an deren Ende nicht ausführlichst über Wintersport-Supermegaevents wie Schlittenfahren in der Doppelpresswurstvariante berichtet wird.
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Ohne weitere Worte: »Meine Mutter hat immer gesagt: Du musst jemanden heiraten, der auf dich aufpasst, wenn du schläfst. Ich habe so einen Mann, aber ich habe auch so ein Pferd.« (Springreiterin Meredith Michaels-Beerbaum, zitiert in der Welt)
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Samstag, 22. Januar: Die »Streif« lebt von der Todesgefahr, von den krokodilstränenbetroffenen Kommentaren nach jedem schweren Sturz und davon, dass dennoch alles bleibt, wie es ist.
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Ohne weitere Worte: »Seit dem ersten Augenblick, als Louis van Gaal kam, fing alles an zu stinken.« (Martin Demichelis im Gespräch mit dem spanischen Dienst von dpa)
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Sonntag, 23. Januar: So also wird gebloggt? Jetzt auch hier? Na ja, im Prinzip seit … also seit: »Aus dem Nähkästchen plaudern …«, dem Einstieg in den ersten »Sport-Stammtisch« am 21. März 1979. Die sich daraus entwickelnden »Anstoß«-Kolumnen stehen seit etwa zehn Jahren online, ursprünglich gedacht als Service für mittelhessische Zeitungsleser, die es ins Ausland verschlagen hat, also nach Mainz, Japan, in die USA, nach Thailand oder gar bis Göttingen. Das war lange, bevor es »Blogs« gab. Als die aufkamen, galt plötzlich auch www.anstoss-gw.de als Blog.
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Dienstag, 25. Januar: Kachelmann. Guttenberg. Gorch Fock. Jetzt noch ein Porno-Wort, und es macht klick, klick, klick, denn die Suchmaschinen rattern. Die wahre Bedeutung der Klicks ist das am verschwiegensten gehütete offene Geheimnis der IT-Branche. Wenn in China ein Sack Reis umfällt, wiegt er schwerer als tausend Klicks
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Freitag, 28. Januar: Aus Spanien das »wahre« Wort zum Sonntag: »Ich habe mich niemals gedopt. Ich bin das Musterbeispiel eines sauberen Sportlers, und das werde ich beweisen.« Ganz schön frech, der Contador. Unser brave Ulle sagte so etwas nie. Er log auch nicht, als er behauptete: »Ich habe nie einen Konkurrenten betrogen.« Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
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Sonntag, 30. Januar: Auf der Fahrt vom Dorf in die Stadt über dunkles Land der schmalen, blendend hellen Mondsichel entgegen, die tief am nördlichen Horizont schwebt, mit der fast ebenso hell strahlenden Venus über sich. HR1 wirbt um 6.30 Uhr für seine mittägliche Interviewsendung mit Richard David Precht. »Dieser Mann hat auf fast alles eine Antwort.« Tja, man selbst hat nur auf fast alle Antworten eine Frage.
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Die junge Nachtwächterin ist erst seit einigen Wochen da. Zuvor waren es ältere Herren, die jeweils nach ein paar Monaten verschwanden. Wohin? Es gibt Fragen, auf die man gar keine Antwort wissen will.
 (gw)

Baumhausbeichte - Novelle