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Sport-Stammtisch (vom 17. Dezember)

Erst Bayern, dann Schalke, jetzt Hannover: Wettbewerbsverzerrung, ganz klar. Aber schuld sind nicht die Vereine. Wer kann ihnen verübeln, mit Reserveteams und halber Kraft zu spielen, wenn sie schon qualifiziert sind? Schließlich geht es im nächsten Spiel, also jetzt in der Bundesliga, wieder um wichtigere Punkte, und da will man fit sein und nicht ausgelaugt von einer sinnlosen Anstrengung.
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Grundübel ist die künstliche Aufblähung der Europacup-Termine mit ihren Vorrunden-Gruppen. Rückkehr zu Nur-K.o.-Spielen wäre zwar die sportlich einwandfreie Lösung, ist aber nicht mehr kompatibel mit den kommerziellen Zwängen, in die sich die Klubs freiwillig begeben haben. Daher droht durch kleine Vorrunden-Gruppen immer das, wofür eine spanische Stadt zum Synonym geworden ist: Gijon.
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Das treffendste Synonym für Betrug im Fußball heißt aber nicht »Gijon«, sondern »Schwalbe«. In Australien ist ein Fußballer wegen einer solchen vom eigenen Verein intern bestraft worden. Der Spieler akzeptierte die Geldstrafe: »Ich wusste schon, dass ich etwas falsch gemacht habe, als ich den Boden berührte, deshalb bin ich aufgestanden, ohne einen Elfmeter zu fordern.« Nachweislich bin ich einer der größten »Schwalben«-Feinde überhaupt, der vom Spieler geschilderte Fall aber wäre die Ausnahme, wenn er den Elfmeter nicht nur nicht gefordert, sondern ihn durch Intervention beim Schiedsrichter auch noch verhindert hätte. Denn zu Boden zu gehen, ohne zu Boden gehen zu müssen, kann im Eifer des körperbetonten Duells passieren – aber der erste klare Gedanke muss dann sein, keinen Nutzen aus dem Vorteil (hier: Elfmeter) ziehen zu wollen.
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Leider gilt die absichtliche »Schwalbe«  immer noch allenfalls als Kavaliersdelikt und, wenn’s um den eigenen Verein geht, meist sogar anerkennend als Schlitzohrigkeit. Ein Synonym dafür ist »Chuzpe«, »eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit« (wikipedia), eine herrliche Definition, die vor dem geistigen Auge sofort eine Personifizierung auftauchen lässt.
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Felix Krull natürlich, wer sonst? An wen hatten denn Sie gedacht? Sicher nicht an Charles Friedek, dessen von erstinstanzlichem Erfolg belohnte Schlitzohrigkeit, Sportbürokraten mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, meine volle Sympathie findet, leider aber auch meine nächstinstanzliche Skepsis.
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Gestern endete der zweite Teil des Rückblick-Kaleidoskops (Teil drei folgt nach den »Montagsthemen« am Dienstag) mit dem Februar-Vergleich von Eintracht Frankfurt und Felix . . . nein, und »KT«: »Hatte noch viel höhere Ziele als die Eintracht und steckt noch viel tiefer im persönlichen Abstiegskampf.« Dass Guttenberg nun EU-Sonderbeauftragter für die Freiheit im Internet wird, gehört zu den absurden Ausbuchtungen der Realität, die jede Satire übertrifft. Jetzt muss er aber auch Bundesvorsitzender der PIPI (PIratenParteI) werden, denn wer wenn nicht er gehört an die Spitze der Bewegung, die das Recht auf geistiges Eigentum auf den Papiermüllhaufen der Copyright-Geschichte werfen will.
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Manche spielen eine Rolle, um eine Rolle spielen zu können, der sie ohne Rollenspiel nicht gewachsen wären. Man möchte ihnen gerne raten, mehr sie selbst zu sein. Aber auch das hat seine Tücken. So weiß man nach Hape Kerkelings Moderation des ZDF-Jahresrückblicks, dass sein Verzicht auf die Gottschalk-Nachfolge ein sehr weiser war. Kerkeling ist in Rollen gut, manchmal sogar genial (»Hurtz« bleibt ein ewiger Höhepunkt), aber ohne gespielte Rolle, im Gespräch mit Gästen, wirkt er ungelenk und fast unbedarft. Liegt vielleicht daran, dass er als Mensch zu nett ist und die listige Bosheit, Originalität und den Witz, den seine Rollenspiele prägen, eben nur zeigen kann und will, wenn er aus sich selbst heraus und in eine Rolle hinein schlüpfen kann.
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Zu guter Letzt die Frage zur Rolle: Wer spielt wen, leicht sediert wirkend, salbungsvoll redend und mit einem Tattoo-Girlie als Sidekick? Tipp: Zuletzt hatte er einen ziemlichen »Hänger« in seiner Rolle. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle