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“Leicht erhöht, aber immer noch sehr gut”

Liebes Eintracht Tagebuch,
immer gegen Ende des Jahres zieht man gerne Bilanz. Okay, an den Finanzmärkten dieser Welt lassen sie das dieses Jahr vermutlich mal ausfallen, aber sonst schon. Bei Opel gucken sie, wie viele Autos man verkauft hat, bei Adidas, wie viele Sportklamotten, bei RWE prüfen sie, ob die Störfälle bei den AKWs eventuell mehr gekostet als ihnen die Dinger eingebracht haben, und beim Kiosk an der Ecke checkt der Inhaber, was genau an Gummibärchen und Underberg abgesetzt worden ist.
Während der Automatenaufsteller einen genauen Blick darauf wirft, ob jetzt die Präservative mit Ingwergeschmack besser gegangen sind als die mit dem hübschen Namen »Amor Fucko Very Strongo« oder die mit Neoneffekt, damit man sich auch im Dunkeln zurechtfindet. Überall wird bilanziert.
Aber wenn du jetzt denkst, dass das eine eher neuzeitliche Einrichtung ist, dann täuschst du dich! Bereits 1494 beschrieb der Franziskanermönch und Mathematiker Luca Pacioli in seinem Buch »Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità« die sogenannte »Venezianische Methode« (doppelte Buchführung), wie sie vermutlich im Fernhandel ausgeübt wurde.
Ja, schon damals zogen sie Bilanzen. Henker zum Beispiel rechneten nach, ob der Verschleiß ihrer Fallbeile oder Stricke auch in gesunder Relation zu der Zahl der Hingerichteten stand, und durchs Land fahrende sogenannte »Bader« wägten ab, ob sich der Absatz ihrer selbst gebrauten Medizinfläschchen auch gelohnt hatte oder sie vielleicht besser doch noch mehr Regenwasser dazupanschen sollten.
Bilanzen gab es schon immer. Natürlich auch im Fußball. Und wie jedes Jahr werden auch diesmal nicht alle zufrieden sein, wenn sie unter den selbst gezogenen Strich gucken.
Nehmen wir mal den VfL Wolfsburg, bei dem sie eigentlich schon seit Jahren davon ausgehen, dass man bald so was wie das »Manchester United von Deutschland« ist. Dort müssen sie sich eingestehen, dass auch das permanente Einkaufen von neuen Spielern nicht unbedingt was bringt! Ganz abgesehen davon, dass ein 200-Mann-Kader auch ausstattungstechnisch sauteuer ist! Und dass Felix Magath wahrscheinlich insgesamt, wenn man seine Ausgaben und diverse Gehälter addiert, den Verein mehr kostet als er einnimmt. Wobei man auch beim erwähnten Manchester United zum Beispiel dieses Weihnachten statt Geschenke legen eher unter den Baum kotzen wird, denn erstens steht ausgerechnet Lokalrivale Manchester City deutlich vor ihnen an der Tabellenspitze, und zweitens hat sie ausgerechnet der »Weltklub« FC Basel aus der Champions League gekickt!
In Dortmund werden sie das blöde Aus in Europas höchster Spielklasse genauso zu Recht bejammern wie den Verlust ihrer Unbekümmertheit, und selbst die Bayern werden angesichts des dünnen Vorsprungs in der Bundesliga nur bedingt zufrieden sein!
Klar sind auch die Sportzeitungen in diesen Tagen voll von Rückblicken und Bilanzen. Als ich zum Beispiel letzte Woche bei dem Internisten meines Vertrauens im Wartezimmer in einem renommierten Fußballblatt blätterte, stieß ich auf einen langen Artikel über unsere SGE und das zurückliegende Jahr. Das kam mir gerade recht, zumal ich am selben Tag noch eine Interviewverabredung mit einer Tageszeitung hatte, die genau das mit mir erörtern wollte. Was mir nach diesem verrückten Eintracht-Jahr allerdings alles andere als leichtfallen würde. Also stürzte ich mich gierig auf besagten Artikel, in der Hoffnung, ein paar schlaue Zeilen oder Gedanken aufgreifen zu können. Was aber schon Sekunden später scheiterte, weil mich die Sprechstundenhilfe in die Praxis rief.
Mein Arzt registrierte schnell meine Verzweiflung. »Was habbe mer dann, Herr Nachtsheim?« »Ach, ich soll nachher ein Interview zum Thema Eintracht geben, und das letzte Jahr aus meiner Sicht beschreiben. Aber ich weiß noch gar nicht, wie ich das machen soll, des ging doch dauernd rauf und runter und wieder rauf…« Behutsam legte er das Blutdruckmessgerät um meinen linken Oberarm. »Verstehe. Aber vielleicht kann ich Ihnen helfe!« »Ja? Wie denn?« »Ganz einfach! Indem wir ihren Blutdruck messe…« Irritiert schaute ich ihn an. »Kapiere ich nicht!« »Des mescht nix. Des Einzige, was Sie wissen müsse, ist, dass der optimale Blutdruckwert bei 120:70 liegt.« Er schaute prüfend auf die Gerätanzeige. »Fange mer mal an mit dem Start in die Rückrunde. Wissen Sie des noch?« »Na klar, weiß ich das noch. Die Eintracht war Tabellensiebter und startete mit der Aussicht auf einen Europa-League-Platz. Das war total schön!« Er grinste mich an.« Was ihr Blutdruck bei diesem Gedanken bestätigt. Leicht erhöht, aber immer noch sehr gut!« Er kritzelte etwas auf einen Block, während seine Stimme plötzlich ernst wurde.
»Aber nur fünf Monate später kam der Abstieg!« Ich spürte, wie mir flau wurde. »Das stimmt, das war für uns Fans echt der Horror!« Er blickte erneut auf das Gerät. »Eieiei, und schon sind mer bei 150:90!« Ich hörte ihm gar nicht mehr richtig zu. »Nach dem Abstieg gingen nicht wenige, auch wegen Christoph Daum, auf Heribert Bruchhagen los, was mich als glühender Fan von ihm fast noch mehr traf als der Abstieg!« »Des sieht mer! 170:100!« »Gott sei Dank holte er aber kurz drauf mit Bruno Hübner einen superguten Sportdirektor…« »145:85…« »… und der wiederum überredete Armin Veh, die Mannschaft zu übernehmen…« »135:80…« »Allerdings startete die Mannschaft trotz guter Neuzugänge erst mal eher verhalten in die Zweite Liga…« »Jetzt wieder 140:90…« »… aber dann fing sie sich und verlor in der ganzen Hinrunde nur einmal!« »130:75…« »Am Montag haben sie zwar zu Hause gegen Fürth nur unentschieden gespielt, aber das war in Ordnung!« »Wobei wir jetzt bei 125:70 wären!«
Ich schaute ihn fragend an. »Und was hat das jetzt mit meinem Interview zu tun?« »Ganz einfach…« Er riss den Zettel vom Block und überreichte ihn mir. »Des hier nehmen Sie mit zum Interview und zeigen es den Leuten von der Zeitung. En besseren persönlichen Rückblick gibt’s doch gar net. Des sagt einfach alles!«
Ich schüttelte den Kopf. »Ob das wirklich jemand kapiert?« »Des weiß ich net. Aber Ärzte und Menschen mit Blutdruckproblemen können mit Sicherheit nachvollziehen, wie Sie das letzte Jahr empfunden habbe!«
Er stand auf und schüttelte meine Hand. »Für mich als ihr Internist und auch als Eintracht-Fan fand ich das jedenfalls hochinteressant!« Draußen wählte ich die Nummer des Journalisten, mit dem ich verabredet war. »Ich komm jetzt zu Ihnen. In 15 Minuten bin ich da!« »Schön, Herr Nachtsheim! Wir sind schon gespannt auf ihre Einschätzungen!« »Ich auch…«, murmelte ich. Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle