Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 12. Dezember)

Qual der Montagsthemen-Wahl: Von Magath bis Griechenland oder von Steffen bis Neuner? Magath wirtschaftet Wolfsburg sportlich runter, kann aber seinem Allheilmittel vertrauen und »schauen, was auf dem Markt möglich ist«. Mit VW oder EU als Goldesel unter dem Sattel ist alles möglich. »Bricklebrit!« Vorteil Magath: VW ist nicht so klamm wie die EU. Und nichts gegen die Griechen, sie erfüllen unsere Skat-Vorhersage, dass den Ramsch niemand besser spielt als sie. Zwischenstand, nach dem historischen Wochenende: Griechenland hat den Schuldenschnitt, den kein anderer mehr bekommen wird.
*

Also lieber von Britta bis Magdalena: Zwei wunderbare junge Frauen sollen die Montagsthemen beherrschen (bedamschen hat sich gendermäßig ja noch nicht durchgesetzt), mit dem erfolgreichen Comeback nach einer der wunderlichsten Affären der jüngeren deutschen Sportgeschichte und dem angekündigten Karriereende mit einem neuen, uns alle tröstenden Lebensziel.
*
Die wunderliche Affäre war nur in einem Funktionärs-Schauermärchenland möglich. Steffen enttäuschte bei der WM in China schwer, vor allem sich selbst, tief frustriert verzichtete sie auf weitere Starts und reiste ab, zumal sie in ihrer Niedergeschlagenheit nicht gerade leistungsfördernden Optimismus fürs Team hätte ausstrahlen können. Sportferne Sportfunktionäre machten daraus eine Staatsaffäre, Britta Steffen musste sich entschuldigen, öffentlich bereuen und Buße tun. Seltsam, dass sie das auch tat und nicht sagte: Ihr könnt mich mal.
*
Auch Magdalena Neuner sagte dies nicht. Aber dass bei ihrem Rücktritt auch schrille Nebengeräusche beim Olympia-Rummel eine Rolle spielten, verschwieg sie nicht. Ihrer umwerfend sympathischen Ausstrahlung kann sich selbst der griesgrämigste Muppet-Opa in der Kolumnisten-Loge nicht entziehen. Auch, weil sie die blödsinnigen Fußballer-Erfolgsregeln von Gier und Galligkeit nicht befolgt: »Ich bin nicht gierig«. Und gallig sowieso nicht. Auch der Auf-Kragen-komm-raus-Werbung, bei der wir uns immer fremdschämen müssen, setzt sie ihren Magdalenismus entgegen. Auf einen lukrativen Red-Bull-Werbevertrag verzichtete sie, »weil mir’s ned schmeckt«. Ned? Nett!
*
Eine Gemeinsamkeit der beiden: Sie haben sich Lebensträume erfüllt, was auch die Gefahr der Lebenssinngefährdung heraufbeschwört. Nein, nicht weil post coitum omne animal triste ist, auch von lebenspartnerschaftlicher Liebeserfüllung ist nicht die Rede, sondern von selbstgesetzten Erfolgszielen, die immer auch etwas mit Vergleichen und Konkurrieren zu tun haben. Selbst wir, weit entfernt davon, sportliche Lebensträume auch nur annähernd zu verwirklichen wie die beiden Olympiasiegerinnen, kennen das tiefe Loch, das uns angähnt, wenn wir nur davon träumen, diese Ziele verwirklicht zu haben. Der große Moment, in dem im Tagwunschtraum alles erreicht ist, ist gleichzeitig der Moment, in dem die erträumte Euphorie abfällt und wir uns bang fragen: Und jetzt?
*
Magdalena Neuner hat im und durch den Sport gewonnen, was in ihm äußerlich zu gewinnen ist: Erfolg, Geld, Ruhm, Beliebtheit, alles im Übermaß. Dass sie nun von einem neuen Lebensziel träumt, tröstet uns, die wir nicht das haben, was sie hat, aber das, was sie haben will: Normalität, Ruhe vor dem Rummel, unbeobachtet tun und lassen können, was wir alle unbeobachtet tun und lassen können.
*
Aber auch in der Normalität bleiben manche Wünsche unerfüllt. Jennifer Capriati, als Tennisspielerin einst ähnlich erfolgreich wie Steffen und Neuner, stürzte im »normalen« Leben ab, und obwohl sie von Ladendiebstahl bis Drogenkonsum nichts ausließ, erweichte sie das steinerne Herz des Kolumnisten mit ihrem Sehnsuchtsseufzer: »Ich hätte gerne kleinere Füße und einen größeren . . . « – aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle