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Sport-Stammtisch (vom 10. Dezember)

Wo hört der Sport auf, wo fängt der Betrug an? Die Schnittstelle liegt zwischen Zagreb und München. Wer ernsthaft erörtern will, ob die Kroaten absichtlich verloren haben, trinkt den Kakao auch noch, durch den sie Ajax Amsterdam gezogen haben. Schmierenkomödie? Schmierig ja, Komödie nein.
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Für Zagreb spricht nur die Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Logik, verdienstvollerweise von der »Zeit« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Wenn ich schon absichtlich betrüge, dann doch viel cleverer! Ansonsten verweise ich nur noch auf die Balkan-Krimis von Eric Ambler.
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Von Betrug konnte in Manchester nicht die Rede sein. Aber wäre Neapel wegen der freiwillig zugelassenen Münchner Niederlage ausgeschieden – alle Welt hätte die Bayern in einen Sack mit Zagreb gesteckt. Zu Unrecht. Die Bayern sind mit einem Läufer zu vergleichen, der bei einem olympischen Halbfinale, weit vorne liegend und sicher für den Endlauf qualifiziert, Kräfte spart. Dagegen hat Zagreb, abgeschlagen und schon überrundet, einem überholenden Läufer, der noch Endlaufchancen hat, absichtlich ein Bein gestellt.
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Ob Zwanziger seinem Nun-doch-Nachfolger Niersbach ein Bein stellen wollte, als er ihn zunächst als »geeignet« (ab-)qualifizierte (im Zeugnis-Jargon »hat sich bemüht«) und einen supertollen großen Unbekannten ins Gespräch brachte, das . . . mögen lieber andere beurteilen. Jedenfalls könnte der DFB vor einem Paradigmenwechsel stehen: Zwanziger gilt als begnadeter Sonntagsredner, Niersbach als Teamplayer und tatkräftiger Macher. Jetzt also Taten statt Worte?
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Oha! Damit kann man sich ganz schön in die Nesseln setzen! Vor einigen Tagen brachte die »FAZ« einen Artikel über Nico Hülkenberg, der wieder eine Formel-1-Stelle bekommen soll. Überschrift: »Taten statt Worte.« Ich hab’s gelesen, dachte mir nichts dabei. Bis die »Zeit« einen Skandal daraus machte. Weil »Taten statt Worte« das Motto der Döner-Mörder ist. Die laulinksliberale »Zeit« unterstellt der konservativen »FAZ« fehlgeleitete »Witzischkeit« und empört sich. »Man stelle sich vor, 1977, im Deutschen Herbst, wäre im Sportteil der FAZ die Schlagzeile zu lesen gewesen: ›Ponto, Buback, Schleyer, Meister wird kein Bayer!‹«
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Das ist keine in die Hose gegangene (also bräunliche) Satire, sondern bitterböser politisch korrekter Tadel der alten Tante »Zeit«, die sich als strenge Gouvernante der alten Tante »FAZ« aufspielt. Das Selbstbewusstsein muss man auch erst mal haben, um nach dem KT-Interview derart scheinmoralisch aufzutrumpfen. »Taten statt Worte« – nur weil irgendwelche irrsinnigen Mordgesellen einen gebräuchlichen und überwiegend sinnvollen Ausdruck für ihre dreckigbraunen Wahnsinnstaten zweckentfremden, soll er ab sofort tabu sein?! Auf diese Weise überlassen wir den Neonazis die Deutungshoheit über unsere Sprache. Ich will auch gar nicht wissen, was diese Typen unter »NSU« verstehen. Für mich bleibt NSU ein NeckarSUlmer Motorrad.
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Zur Abregung ein bisschen Schadenfreude. Über das doppelt ausgeschiedene Manchester. Und reine Freude. Über Basels deutschen Noch-Aushilfstrainer Heiko Vogel, der den Schweizer FCB in die Champions-League-Playoffs führte und danach sogar die frustrierten englischen Journalisten zum Lachen brachte, als er das Beinahe-Eigentor seines Verteidigers Markus Steinhöfer kommentierte, der mit einem Volleyschuss die Latte getroffen hatte: »An guten Tagen macht er den.«
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Ganz anderes Thema: Jacko Gill, der 16-jährige Neuseeländer, der im Sommer mit 24,35 m einen Jugendkugel-Weltrekord (5 kg) weit außerhalb meines immerhin nicht ganz engen Vorstellungsvermögens aufgestellt hat, ist mit aktuellen Trainingsaktivitäten bei Youtube zu finden. Der Junge, der mit der Männerkugel nun auch schon über 20 Meter gestoßen hat, zeigt dabei Übungen und Leistungen, die jeden verblüffen, der von der Materie ein wenig Ahnung hat. Jacko stößt zum Beispiel eine 165 kg schwere Hantel fünf Mal hintereinander zur Hochstrecke, und im Sprungkraft-Test (»jump and reach«) schafft er die phänomenale Differenz zwischen Reich- und Sprunghöhe von 95 Zentimetern.
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Bevor mich die Begeisterung und meine liebste Zielgruppe die Langeweile dahinrafft, bleibe ich zwar bei Youtube, wechsele aber lieber erneut das Thema. Im Blog »Sport, Gott & die Welt« schrieb ich über die US-Sängerin Lana del Rey, ihre magische Stimme und ihren im Radio gehörten Hit »Video Games«. Bei Youtube nachgeschaut, fielen mir ihre grotesken Schlauchlippen auf. Botox? Sie behauptet: nein. Aber kann man zu solchen Lippen tatsächlich auf natürlichem Weg kommen? Na klar. In jüngeren Jahren selbst ausprobiert. An einer Milchflasche gesaugt (früher hatten sie große Öffnungen, in die saugende Lippen passten). Gesaugt und gesaugt. Bis die Flasche fest an den Lippen hing. Und hing. Und hing. Mit einem platschenden Plopp löste sich die Flasche endlich. In den Spiegel geschaut. Kaputt gelacht. Zuerst. Dann Angst gekriegt. Es blieb so! Zum Glück nicht bis heute, sondern nur eine halbe Stunde lang. Die aber war schrecklich.
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Also bitte nicht nachmachen, liebe Kinder! Ach so, Kinder lesen diese Kolumne sowieso nicht. Aber es gibt ja auch kindische Erwachsene. Gerade ich weiß das. Mit den Nazis zurück zur Seriosität (oha!). Wussten Sie, warum sie braune Uniformen trugen? Weil sie in ihrer Anfangszeit, noch ziemlich klamm, billigen braunen Uniform-Stoff aufkauften, der für die Kolonialtruppen vorgesehen war. Was hätte Deutschland und der Welt nicht alles erspart bleiben können, wenn das Tuch für die Kolonien pink gewesen wäre! Hitler im rosa SA-Strampelanzug – Deutschland erlacht! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle